Berliner Bürokratie-Irrsinn: wie Deutschland mit einem Steuererlass die Energiewende torpediertBei seltenen Erden und Technologiemetallen bestehen Knappheiten für die Industrie. Das Finanzministerium verschärft das Problem jetzt sogar noch. Von Firmen hagelt es Kritik, die Schweiz profitiert.03.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenWindpark in Baden-Württemberg: Von den erneuerbaren Energien benötigen vor allem Windräder mehrere seltene Erden.Arnulf Hettrich / ImagoEuropa will die Versorgung mit kritischen Rohstoffen für sein Militär, die Energiewende und Technologieprodukte wie Handys sichern. Dazu gehört auch die Lagerung von Reserven auf dem eigenen Hoheitsgebiet. In einem modernen Kampfflugzeug befinden sich mehrere hundert Kilogramm dieser Rohstoffe, in einem Smartphone wenige Milligramm.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch in Deutschland bremst die ausufernde Bürokratie das Ansinnen aus. Von Unternehmen hagelt es Kritik an den Beamten in Berlin. Um dem Ungemach durch die Behörden zu entgehen, liess ein deutscher Händler sogar rund 200 Tonnen seltener Erden und anderer Mineralien auf Lastwagen verladen und in die Schweiz transportieren.Heftige Kritik aus der Zollfreilager-BrancheDer Ärger begann am 9. April mit einem überraschenden Schreiben des Bundesfinanzministeriums, in dem die Beamten die steuerliche Behandlung von Rohstoffen in deutschen Zollfreilagern änderten. Die Mitteilung versetzte die Sachwertebranche in Aufruhr.Zollfreilager sind hochgradig gesicherte Depots, in denen Unternehmen und Privatpersonen ihre Waren aus Drittstaaten von ausserhalb der EU importieren und später wieder exportieren können, ohne dass staatliche Abgaben wie Zölle und Umsatzsteuern anfallen.Oft befinden sich dort nicht nur Industriemetalle und kritische Rohstoffe, sondern auch Kunstwerke, Oldtimer oder Edelsteine. In Deutschland sind mehr als tausend Zollfreilager zugelassen. Auch in der Schweiz gibt es zahlreiche Zollfreilager, das bekannteste ist in Genf.Doch nicht nur Industrie- und Handelsunternehmen nutzen die Depots, sondern auch Anleger. Bei Letzteren kann es sich um Anlagefonds, Family-Offices oder auch Privatpersonen handeln.Typischerweise kaufen Anleger die Metalle zum Vermögensaufbau oder zur Spekulation auf Preissteigerungen von entsprechenden Händlern, ohne dass sie je an die Käufer ausgeliefert werden. Das war bisher sehr attraktiv, weil die Preise von Rohstoffen wie Germanium oder Lithium durch die hohe Nachfrage einerseits und Ausfuhrbeschränkungen Chinas andererseits in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind.Die physischen Rohstoffe weilen allerdings über längere Zeit – manchmal sogar über viele Jahre – in den Lagern. Sie verlassen das Depot nicht einmal, wenn zwischendurch der Eigentümer wechselt. Der Anleger verkauft sie beispielsweise wieder zurück an den Händler, der sie dann an den nächsten Investor weiterverkauft.Der neue Käufer kann allerdings auch eine Industriefirma sein. Diese greift auf solche Vorräte zurück, weil der entsprechende Rohstoff am Markt gerade sehr knapp ist. In einem solchen Fall verlassen die Güter das Depot. Insofern können private Rohstoffbestände in Zolllagern einen Beitrag zur Versorgungssicherheit der Industrie leisten.Mit dem Erlass vom April erhebt Deutschland nun aber eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf Transaktionen, wenngleich die Ware im Zollfreilager verbleibt. Das macht die dortige Lagerung für Anleger unattraktiv. Nur wenn die Metalle tatsächlich wieder aus der EU ausgeführt werden, entfallen laut dem Bundesfinanzministerium künftig die Abgaben.Genau dort liegt aus Sicht von Branchenvertretern das Problem. «Wir konnten kaum glauben, dass eine solche Entscheidung tatsächlich getroffen worden ist», sagt Matthias Rüth, Gründer und Geschäftsführer des Frankfurter Handelshauses Tradium. Das gelte umso mehr, als in der Critical Raw Materials Act der EU erwähnt werde, dass private Wirtschaftsteilnehmer zur Rohstoffsicherung beitragen sollten.Rüth befürchtet, dass durch die Novelle die Lagerung von seltenen Erden und anderen kritischen Mineralien teilweise ins Ausland verdrängt wird. Dabei streben Deutschland und die EU gerade bei kritischen Rohstoffen eine grössere Unabhängigkeit an, um die hohe Abhängigkeit von autoritären Staaten wie China zu reduzieren.Das ist umso ärgerlicher, als Firmen bei Elementen wie Germanium oder Wolfram derzeit mit einem akuten Mangel konfrontiert sind. China dominiert den Weltmarkt für solche Technologiemetalle und hat deren Ausfuhren aus geopolitischem Kalkül bereits mehrmals eingeschränkt. In Erwiderung auf die chinesische Exportpolitik wollen EU-Staaten die Eigenproduktion hochfahren, was im Gesetz über kritische Rohstoffe festgelegt wurde.Als die Behörde im April die steuerliche Behandlung von Zollfreilagern neu regelte, waren viele Marktteilnehmer überrascht. Für Herbert Behr, Gründer des Handelsunternehmens Golden Gates, steht die Verwaltungsanweisung im Widerspruch zum staatlichen Bestreben, den europäischen Markt besser zu versorgen.«Solche Aktionen, gerade vom deutschen Staat, sind absolut kontraproduktiv», sagt Behr, dessen Firma im ostdeutschen Görlitz ansässig ist. Als Reaktion auf den Erlass des Finanzministeriums sah er sich gezwungen, fast 200 Tonnen Metalle in ein Zollfreilager in die Schweiz zu verlegen. Das entspricht dem Gewicht von 55 Elefanten. Das sei eine aufwendige und kostspielige Aktion mit mehreren Lastwagen und Begleitfahrzeugen zur Sicherung gewesen, erzählt er im Gespräch.Politiker wussten nichts vom ErlassBundesfinanzminister Lars Klingbeil: Sein Ministerium sorgte mit einer Verwaltungsanweisung für Entsetzen in der Sachwertebranche.Sean Gallup / Getty Images EuropeAppelle an die deutsche Politik sind gemäss Behr ins Leere gelaufen. «Die meisten Politiker wussten gar nicht, dass es so einen Erlass gibt», sagt er. Auch Tradium, der grösste deutsche Rohstoffhändler, erachtet das Vorgehen der Berliner Beamten als schädlich.Etwa 300 bis 400 Tonnen Rohstoffe seien bisher von Privaten bei Tradium gelagert worden. Gerade bei seltenen Erden und Technologiemetallen habe es immer wieder Situationen gegeben, in denen kurzfristig Material gebraucht worden und kaum noch Ware am Markt verfügbar gewesen sei, sagt Rüth. Tradium will ebenfalls vermehrt Rohstoffe in die Schweiz auslagern. Die Schweiz biete sich an, weil Tradium dort bereits seit vielen Jahren mit Zollfreilagern arbeite und entsprechende Strukturen aufgebaut habe. In der Branche gelten aber auch Liechtenstein und Singapur als Alternativen für die Lagerung.Das Bundesfinanzministerium glaubt hingegen nicht, dass die Verwaltungsanweisung die Verfügbarkeit von Rohstoffen beeinträchtigen wird. Es handele sich lediglich um eine Klarstellung und nicht um eine Revision der Gesetzeslage, betonte ein Sprecher in Berlin. Das Ziel sei es, eine bundesweit einheitliche Besteuerung sicherzustellen. Aus der Behörde ist zudem zu vernehmen, die Gesetzesänderung habe nichts mit der allgemein knappen Kassenlage des Bundes zu tun.Behr sieht das anders. «Für mich ist das eine klare Änderung», sagt der Unternehmer. Dabei wäre es eigentlich im Interesse der Behörden, die Rohstoffbeschaffung durch private Investoren zu begünstigen. Der Erlass laufe dem «völlig zuwider».Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Bei seltenen Erden und Technologiemetallen bestehen Knappheiten für die Industrie. Das Finanzministerium verschärft das Problem jetzt sogar noch. Von Firmen hagelt es Kritik, die Schweiz profitiert.








