KommentarEnde des Kuschelkurses: Warum der Bruch mit den Piusbrüdern eine Befreiung für den Papst und die Kirche istDie erzkonservative Gemeinschaft weihte trotz Verbot neue Bischöfe. Die liturgischen Vorstellungen der Sekte hätte der Vatikan noch durchgehen lassen können – ihr Antisemitismus und ihre Frauenfeindlichkeit sind hingegen nicht tolerierbar.03.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenMit der Bischofsweihe vom Mittwoch in Ecône haben sich die Piusbrüder endgültig zu Schismatikern gemacht.Karin Hofer / NZZDer Vatikan hat rasch auf den Affront reagiert: Am Donnerstag unterzeichnete der für die Glaubenslehre zuständige Kardinal bereits das Dekret, mit dem die Kirche die Piusbruderschaft abstraft. Die vier am Mittwoch im Wallis illegal zu Bischöfen geweihten Kleriker sind damit exkommuniziert. Ebenso die beiden alten Bischöfe der Piusbruderschaft, die die Weihen vorgenommen haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Ausschluss aus der Kirche erfolgt automatisch, das kanonische Recht sieht dies so vor bei Bischofsernennungen, die der Papst nicht bewilligt hat. Allerdings greift der Vatikan härter durch, als manche erwartet hatten: Die Exkommunikation trifft auch alle Priester, Seminaristen und Ordensleute. Damit werden aus Sicht der Weltkirche sämtliche Taufen und Eheschliessungen durch Geistliche der Bruderschaft ungültig.Es ist ein kompletter Bruch mit der vom Kardinal Marcel Lefebvre gegründeten Gemeinschaft. Seine Anhänger müssen sich nun entscheiden: Wollen sie der Bruderschaft treu bleiben – oder ist ihnen doch die Loyalität zum Papst wichtiger? Es ist davon auszugehen, dass sich die meisten der rund 600 000 Mitglieder die erste Variante wählen und damit offiziell zu Schismatikern werden.Bei der Liturgie wäre ein Kompromiss möglichDenn es handelt sich um Überzeugungstäter: Sie lehnen die Fortschritte der katholischen Kirche komplett ab. Oder, wie es ihr Chef Davide Pagliarani, formuliert: Es sei ihre Pflicht, «das Gewand Christi wieder zusammenzufügen, welches von Kräften und Strömungen zerrissen wird, die mit einem wahrhaft katholischen Geist unvereinbar sind».Es geht um die Neuerungen, die das Zweite Vatikanische Konzil in den sechziger Jahren gebracht hat. Ein Streitpunkt ist dabei die tridentinische Messe, die der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert und in der Latein gesprochen wird. Doch da sollten sich pragmatische Lösungen finden lassen: Wenn eine Gemeinde Gefallen findet an diesen jahrhundertealten Gebräuchen, kann der Vatikan dies tolerieren, ohne dadurch in den Grundfesten erschüttert zu werden.Provokativer sind hingegen manche weltanschaulichen Standpunkte der Gemeinschaft. Sie stellt sich radikal gegen den Liberalismus, die Religionsfreiheit und die Ökumene. Denn für die Piusbrüder sind Protestanten oder Orthodoxe «Irrgläubige». Absolut intolerabel sind die Positionen zum Judentum. 2008 schrieb ein hoher Vertreter der Bruderschaft: «Die Juden unserer Tage sind des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.»Tief verwurzelte JudenfeindlichkeitDas war nicht einfach ein Ausrutscher, genauso wenig wie die Holocaust-Leugnung durch den später hinausgeworfenen Bischof Richard Williams. Die Judenfeindlichkeit ist tief verankert im Denken der Piusbrüder. Schon der Gründer Lefebvre hat die Konzilreformen als Resultat eines Komplotts von Juden und Freimaurern dargestellt und damit antisemitische Verschwörungstheorien verbreitet.Hinzu kommen auch patriarchalische und frauenfeindliche Haltungen: Die Emanzipation sei eine Rebellion gegen die Schöpfungsordnung, behaupten die Piusbrüder. Aus ihrer Sicht gibt es für eine Frau keine Rolle ausser jene der Ehefrau, Hausfrau und Mutter.Dass sie sich von einer Gemeinschaft mit solchen Überzeugungen definitiv trennt, ist für die Kirche die bessere Lösung als der Kuschelkurs der letzten Jahrzehnte. Sie tut sich auch ohne Piusbrüder schwer genug, den Weg zwischen Zeitgeist und Tradition zu finden.Papst Leo XIV. ist kaum ein grosser Reformer. Aber er scheint es auch nicht zulassen zu wollen, dass die Kirche in die Zeiten vor dem Konzil zurückfällt. Selbst konservative Kurienmitglieder stützen seinen kompromisslosen Kurs gegenüber den Piusbrüdern. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass fast niemand die Sektierer vermissen wird.Passend zum Artikel