Über die eigenen Umfragewerte will Friedrich Merz nicht mit Maybrit Illner reden. Da sei er „befangen“, erklärt der Kanzler und wechselt schnell das Thema. Er weicht auch nüchtern der Frage aus, ob die nun auf den Weg gebrachten Reformen vor allem der Rettung seiner Regierung oder doch der Deutschlands dienen.Ihm geht es ganz offensichtlich darum, keine politische Endzeitstimmung aufkommen zu lassen. Vielmehr möchte er eine neue Regierungsnormalität suggerieren, in der „vertrauensvoll“ und „vertraulich“ zusammengearbeitet werde. Schließlich sei nach Ende der Koalitionsgespräche am Mittwochabend „über Nacht nichts in die Medien gekommen“.Es muss trotzdem etwas Besonderes passiert sein, wenn der Bundeskanzler seinen Bürgerinnen und Bürgern abends gleich doppelt in Livesendungen von ARD und ZDF begegnet. Illner etwa fragt in ihrer Sondersendung im Zweiten, ob denn mit den 34 Punkten im „Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ ein „Neustart“ für die Koalition gelinge. Markus Preiß zeigt im „Brennpunkt“ des Ersten das Bild vom coolen „Reformkanzler“ mit Sonnenbrille, das Merz’ CDU in den sozialen Medien gepostet hat. Stark findet der Kanzler seinen Bürokratieabbau „Was darf Satire?“ - die fast schon klassische spöttische Frage findet sich in den Kommentaren darunter. Dennoch hat Merz an diesem Tag mehr im Gepäck als in den vergangenen Monaten. Ein konsequenteres Vorgehen gegen den Missbrauch von Sozialleistungen, einen pragmatischeren Datenschutz und weniger Berichtspflichten für Unternehmen hebt er in beiden Sendungen hervor: „Das wird Wirkung entfalten“.Bei dieser Art von bürokratischer Belastung gehe man nun „stark rein“, sagt Merz auch deshalb, weil das bei der steuerlichen Entlastung deutlicher weniger der Fall ist. Das sieht auch der Kanzler so, der bestätigt, dass darüber am härtesten gerungen wurde: „Am längsten diskutiert haben wir über die Steuerpolitik.“„Das ist eine ernsthafte Entlastung“, sagt Merz einerseits zum Volumen von zehn Milliarden Euro, das nur wenig über dem liegt, was an steuerlichen Zusatzbelastungen durch die Inflation entsteht und ohnehin ausgeglichen werden sollte. „Ich hätte mir auch mehr gewünscht“, räumt er andererseits ein, ehe er begründet, warum sein Wunsch nicht mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen war.Wollen wir wirklich in der schwierigsten Phase der deutschen Automobilindustrie jetzt noch einmal die steuerlichen Bedingungen für den Erwerb von Fahrzeugen verschlechtern?Friedrich Merz (CDU) über das nicht angeschaffte Dienstwagen-PrivilegGroße Aufgaben, auch international, müssten finanziert werden, der Etat sei begrenzt, erst ein Wirtschaftswachstum, am liebsten nächstes Jahr wieder mit einer 1 vor dem Komma, sei die Voraussetzung, dass mehr entlastet werden könne. Der Kanzler kann immerhin darauf verweisen, dass das Steuersystem in einem zweiten Reformschritt noch vereinfacht werden soll.Die etwas höhere „Reichensteuer“ will Merz gar nicht so nennen. Sie soll im Gegenzug für die ohnehin geringe Entlastung auch noch etwas steigen, was erste CDU-Mitglieder schon von einem weiteren Wortbruch ihres Parteichefs sprechen lässt, weil er doch einst Steuererhöhungen ausgeschlossen hat. Die Bedenken gegen den nun geplanten Anstieg von 45 auf 47 Prozent wischt Merz beiseite: „Das ist akzeptabel.“Die Kritik am mangelnden Einsparwillen seiner Koalition mit der SPD lässt der CDU-Chef nicht gelten. Die Zahl der Bundesbediensteten werde Jahr für Jahr um zwei Prozent zurückgeführt, man gehe minutiös alle Haushalte durch und werde auch für den des Jahres 2028 noch weitere „Sparoperationen“ durchführen müssen. Merz lobt Söder als verlässlichen Partner Warum selbst in dieser Lage die teure Subventionierung von Dienstwagen nicht beendet werde, fragt Illner. „Wir haben das ernsthaft erwogen“, berichtet Merz, begründet aber das schlussendliche Nein damit, dass 80 Prozent der aktuell in Deutschland verkauften Autos Dienstwagen seien: „Wollen wir wirklich in der schwierigsten Phase der deutschen Automobilindustrie jetzt noch einmal die steuerlichen Bedingungen für den Erwerb von Fahrzeugen verschlechtern?“ Man habe gemeinsam entschieden, das nicht zu tun.Einen weiteren Kostenfaktor, der bald mit jährlich fünf Milliarden Euro zu Buche schlagen wird, verteidigt der Kanzler ebenfalls vehement. Ganz im Sinne von CSU-Chef Markus Söder, der die dritte Ausbaustufe der Mütterrente in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt hat, wehrt sich Merz gegen Illners Begriff der „Subvention“: Es handele sich vielmehr um eine „Anerkennung der Lebensleistung“.Überhaupt tritt der CDU-Vorsitzende dem Bild des bayerischen Querulanten entschieden entgegen, weil in der Geschichte beider Unionsparteien kaum ein besser aufeinander abgestimmtes Paar zu finden sei, wie Merz meint: „Ich kann mich über Markus Söder nicht beschweren – im Gegenteil: Er ist ein verlässlicher Partner.“Für den gefühlt größten Aufreger des Tages in seinem Reformprogramm scheint Friedrich Merz im Abendprogramm beider öffentlich-rechtlicher Anstalten gut gewappnet. Er versucht den Zuschauerinnen und Zuschauern, die Sorge zu nehmen, dass nun jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer künftig am ersten Krankheitstag sofort einen Doktor aufzusuchen hat. Dieser Lesart widerspricht der Kanzler.„Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis“, erklärt er. Unternehmen könnten es mit ihren Beschäftigten anders vereinbaren, das sei auch über Tarifverträge möglich – so wie vor 2020, als die Krankenstände geringer waren: „Wir kehren gesetzlich zu dem zurück, was wir vor Corona hatten.“Am Schluss lässt sich Merz doch noch auf eine Diskussion darüber ein, was mit den Reformen auf dem Spiel steht. Nicht nur die Wirtschaft sollen sie wieder ankurbeln, sondern auch Regierungsübernahmen durch die AfD bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland verhindern, wo Merz für Sachsen-Anhalt auf eine CDU-Aufholjagd wie 2021 hofft: „Das wird uns auch dieses Mal gelingen, wenn wir zusammenstehen und es richtig machen.“