Keine Frage, die Deutschen müssen mehr arbeiten, wenn sie gegen fleißigere Nationen bestehen wollen, nicht nur auf dem Fußballfeld. Die Wochen- und Lebensarbeitszeiten sind zu gering, viele Arbeitnehmer fallen aus, weil sie krankfeiern. Hier setzen die Reformvorschläge vom Donnerstag zu Recht an. Künftig müssen Beschäftigte vom ersten Krankheitstag an eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen. Nicht erst, wie heutzutage, nach dem dritten Tag.Ärzte und Krankenkassen befürchten davon mehr Bürokratie, höhere Gesundheitskosten, einen Ansturm auf die Praxen, zumal die Koalition die telefonische Meldung abschaffen möchte. Man sollte jedoch die Kirche im Dorf lassen. Videokrankschreibungen bleiben möglich und sollten viel häufiger genutzt werden. Sie sind weniger fehler- und betrugsanfällig als die Telefonvariante, die oft von der Sprechstundenhilfe kam.„Bettkantenentscheidungen“ könnten zurückgehenDas Wichtigste aber ist: Die Hürde, einen Arzt konsultieren zu müssen, wird zumindest etwas Spreu vom Weizen trennen. Die morgendlichen „Bettkantenentscheidungen“, blauzumachen, könnten zurückgehen, desgleichen die auffällig hohen Krankenstände an Montagen, Freitagen oder nach nächtlichen Weltmeisterschaftsspielen. Noch ist unklar, wie viel die Neuregelung bringt. Den neuen Passus gilt es deshalb nach einigen Jahren zu evaluieren.Klar ist aber schon jetzt, dass der Schritt allein die gigantische Lohnfortzahlung von mehr als 80 Milliarden Euro im Jahr, welche die Arbeitgeber allein stemmen, nicht wesentlich senken wird. Richtig wären stattdessen scharfe Einschnitte in der weltweit einzigartigen Großzügigkeit, etwa durch die Einführung von Karenztagen und durch die Beschneidung der sechswöchigen Laufzeit ohne Wiederholung im selben Kalenderjahr. Auch das anschließend von den Kassen zu zahlende Krankengeld sollte verringert werden, wie es kürzlich die Finanzkommission Gesundheit empfohlen hatte.Die neuen Vorschläge sind ein typischer Koalitionskompromiss, weil man sich an die großen Fragen nicht herantraut. Die gut gemeinte Idee wird nicht reichen, um das Krankfeiern einzudämmen. Leidtragende bleiben die Unternehmen und übrigens auch die Arbeitskollegen. Denn die müssen für die Blaumacher einspringen.
Krankschreibungen: Zu lasch gegen Blaumacher in Deutschland
Die Bundesregierung erschwert zurecht das Krankfeiern. Aber statt des Wischiwaschi-Beschlusses der Koalition bedarf es echter Einschnitte in der Lohnfortzahlung.











