Als Jonathan Tah in der 102. Minute des Sechzehntelfinals zwischen Deutschland und Paraguay den Ball über Orlando Gill hinweg ins Tor köpft, ist er für drei Minuten ein Held. So lange, bis der Schiedsrichter den Treffer einkassiert und Deutschland ins Elfmeterschießen muss. Als Jonathan Tah nur wenige Minuten später den sechsten Elfmeter über das Tor haut, ist er nicht nur kein Held mehr – er ist auch in den Augen einer erschreckend großen Gruppe kein Deutscher mehr.Wenn nicht weiße Spielerinnen und Spieler zum Elfmeter antreten, hält etwas in mir die Luft an. Nicht, weil es um das Weiterkommen geht, sondern weil da plötzlich eine Fallhöhe ist, die in diesem Ausschießen deutlich sichtbar wird. Trifft dieser Spieler nicht, wird er rassistisch diskriminiert und beschimpft. Trifft dieser Spieler nicht, ist er in den Augen vieler nicht nur ein schlechter Spieler, sondern ein Spieler, der nicht dazugehören sollte. Dessen Identität angegriffen wird, dessen Wurzeln, dessen Familie, dessen Hautfarbe angegriffen wird. Trifft ein Jonathan Tah nicht das Tor, ist er kein Deutscher mehr.Unter Jonathan Tahs Post findet man unverhohlenen RassismusEs steht außer Frage, dass alle Spieler online Hass ernten, die einen Elfmeter verschießen, Großchancen vergeben, nicht die beste Leistung abrufen. Und es steht außer Frage, dass alle Hasskommentare menschenverachtend und falsch sind. Dass sie schädigen, wehtun und gefährlich sind. Nur weil Profifußballer viel verdienen, weil sie ihr Land auf sportlicher Ebene vertreten, weil Hoffnung auf sie projiziert wird, ändert es nichts an der Tatsache, dass sie Menschen sind.Schaut man in die Kommentarzeilen unter den Posts von Nick Woltemade oder Kai Havertz, die auch einen Elfmeter im Sechzehntelfinale verschossen haben, findet man Zuspruch, Kritik, auch Beschimpfungen. Schaut man unter Jonathan Tahs Post, findet man unverhohlenen Rassismus.Zugehörigkeit wird an Leistung geknüpftIch muss automatisch an meine eigene Karriere denken, an die Spiele, die ich sowohl im Amateur- als auch im Profibereich gemacht habe. An das Wissen, das man schon so früh in sich trägt: Dass eigene Fehler ein anderes Gewicht haben als die der anderen. Dass diese Fehler persönlich werden, dass diese Fehler angreifbar machen. Und die Konsequenz daraus: Dass man selbst versucht, jeglichen Fehler zu vermeiden. Bloß alles zu perfektionieren, um dazuzugehören. Bloß keinen Anlass zu geben, kritisiert zu werden und zu wissen, dass jede Kritik auch immer zu einer Anfeindung werden kann. Dass unterschiedliche Hautfarben, Wurzeln, Herkünfte nur dann in Ordnung sind, wenn man abliefert.Und genau darin wird etwas sichtbar, das nahezu jeder junge Mensch mit Migrationsgeschichte in diesem Land kennt: Zugehörigkeit ist für viele noch immer an Leistung geknüpft. Solange wir funktionieren, erfolgreich sind und liefern, gehören wir selbstverständlich dazu. Doch Fehler dürfen wir uns nicht erlauben.Denn während Fehler bei anderen verziehen werden, werden sie bei uns schnell zu einer Frage der Herkunft, der Identität und der Zugehörigkeit. Ein Fehler reicht aus, um plötzlich nicht mehr als Deutscher, sondern nur noch als „der Andere“ gesehen zu werden. Kein Verzeihen. Keine zweite Chance. Sondern der sofortige Ausschluss.In den Wochen vor der WM, als die ersten Mannschaftsfotos, die ersten Eindrücke des DFB-Teams gepostet wurden, war ich stolz auf Deutschland. Darauf, dass unser Team unsere Gesellschaft repräsentiert. Darauf, dass ein Nadiem Amiri, ein Deniz Undav, ein Jonathan Tah selbstverständlich dazugehören. Darauf, dass Deutschland dieses Team unterstützt und anfeuert. Das sollte normal sein, mögen einige denken, darüber muss man doch gar nicht sprechen, das macht es doch nur wieder „unnormal“.Support nur bei Erfolg? Marcus RashfordAP Photo/Steve LucianoBei allem, was politisch und gesellschaftlich aktuell in Deutschland passiert, ist ein DFB-Team wie dieses jedoch ein Hoffnungsschimmer. Gerade für junge Menschen in unserem Land, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Wurzeln Ausgrenzung erleben, denen nichts zugetraut wird. Ich weiß, wie ich mich als Kind, als Jugendliche gefühlt hätte, wenn ich mit Deniz Undav einen Jesiden im Fernsehen gesehen hätte, der Deutschland vertritt. Der gezeigt hätte: Das ist möglich. Nicht nur für mich, sondern für uns alle. Als ich in den letzten Wochen mit meinem Undav-Trikot durch Köln gelaufen bin und von allen Seiten Undav-Rufe gehört habe, war das für mich die Quintessenz von der Kraft des Sports. Wir supporten uns, wir gehören zusammen.Es überrascht mich nicht, dass dieses Gefühl auch trügen kann, dass dieser Support für einige nur dann gegeben ist, wenn das Team erfolgreich ist. Denken wir an das EM-Finale 2020, als die englischen Nationalspieler Jadon Sancho, Marcus Rashford und Bukayo Saka online rassistisch angegriffen wurden. Oder an das WM-Finale 2022, als Kingsley Coman einen Elfmeter verschoss und die gleichen Anfeindungen erleben musste. Diese Vorfälle sind nie Einzelfälle, sondern zeigen den immer gleichen Mechanismus: Zugehörigkeit und Support sind von Leistung abhängig.Ich akzeptiere das nicht. Dass Turnier für Turnier, immer wieder die gleichen rassistischen Angriffe kommen. Was für den Männerfußball gilt, gilt natürlich auch für den Frauenfußball – denken wir an Salma Paralluelo oder Jess Carter. Ich akzeptiere nicht, dass der Fußball in immer größer werdende Turniere investiert, aber dabei seine Menschlichkeit verrät. Ich akzeptiere nicht, dass Verbände ihre Spielerinnen und Spieler nicht schützen. Ich akzeptiere nicht, dass keine Lösungen oder Sanktionen erarbeitet werden. Ich akzeptiere nicht, dass dazu geschwiegen wird.Für mich ist Jonathan Tah ein Held, unabhängig von einem zurückgenommenen Kopfballtor oder einem verschossenen Elfmeter. Weil er öffentlich über den Rassismus spricht, der ihm seit jungen Jahren auf dem Platz entgegengebracht wird, weil er jungen Menschen Mut macht und nicht akzeptiert, was da passiert. Ich wünschte trotzdem, dass er kein Held sein müsste, dass es andere gäbe, die ihn schützen, die sich für Menschlichkeit und Respekt im Fußball einsetzen. Dass er mittelmäßig spielen darf, ohne in seiner Identität angegriffen zu werden.
Fußball-WM 2026: Ich wünschte, Jonathan Tah müsste kein Held mehr sein
Nach seinem verschossenen Elfmeter wird Jonathan Tah online rassistisch beleidigt. Der Fall legt offen, wie sehr in Deutschland Zugehörigkeit weiter an Leistung geknüpft wird.











