Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung grassiert eine neue Fremdheit zwischen Ost und West. Ausgelöst durch die hohen Zustimmungswerte, die die AfD in den ostdeutschen Bundesländern erreicht, werden im Westen des Landes Vorwürfe gegen die Mitbürger im Osten laut. Sie seien undankbar und hätten die Demokratie noch immer nicht verstanden. Hier und da steigern sich die Anschuldigungen bereits ins Absurde: Die Ostdeutschen seien drauf und dran, die Demokratie in ganz Deutschland zu zerstören, kann man in den sozialen Medien angesichts der bundesweit steigenden AfD-Zahlen lesen – als ob die ostdeutschen Wähler dabei seien, den Westen mit ihrer AfD-Zustimmung zu unterwandern.

Die Fremdheit zwischen West und Ost ist allerdings nicht so neu; sie wurde über lange Zeit nur nicht wahrgenommen, sie blieb unter der Oberfläche. Angelegt ist sie in der völlig unterschiedlichen Erfahrung, die die Menschen in Ost und West nicht nur in der Zeit der zwei deutschen Staaten, sondern vor allem auch danach gemacht haben. Wollen die Deutschen irgendwann wirklich ein in Recht und Freiheit geeintes Volk werden, dann müssen sie anfangen, ehrlich über diese Erfahrungen zu sprechen – ansonsten werden sich die Vorurteile und Aversionen in die nächsten Generationen fortsetzen.