Grossangriff auf Kiew: Nach zwei Wochen relativer Ruhe kehrt der Terror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung zurückRussland hat die Ukraine mit fast 500 Drohnen sowie Dutzenden von Marschflugkörpern und Raketen angegriffen. Moskau spricht von einer Vergeltungsaktion. Mit den ukrainischen Schlägen gegen kriegswichtige russische Unternehmen ist ein Grossangriff auf dicht besiedeltes Gebiet aber nicht zu vergleichen.02.07.2026, 10.59 Uhr4 LeseminutenNach einem russischen Grossangriff auf die ukrainische Hauptstadt steigen grosse Rauchsäulen über Kiew auf.Paula Bronstein / Getty Images EuropeWirklich ruhig ist es in der Ukraine nie. In frontnahen Ortschaften ist russischer Beschuss an der Tagesordnung. Auch im Hinterland nehmen Drohnen jeden Tag Ziele ins Visier. Doch die ganz grossen russischen Luftangriffe mit Hunderten von gleichzeitig eingesetzten Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern waren seit Mitte Juni ausgeblieben. Und dies, obwohl Russland auf spektakuläre ukrainische Aktionen in aller Regel mit umso grösserer Brutalität reagiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Angriff vor zwei Wochen auf eine Raffinerie in Moskau, der Russlands Hauptstadt in dicke Rauchschwaden hüllte, war für den Kreml besonders demütigend gewesen. Seither rechnete man vor allem in Kiew mit einem Gegenschlag. Trotz aller sommerlichen Unbeschwertheit, die in den letzten Tagen in der ukrainischen Hauptstadt herrschte, war dies durchaus zu spüren.Wohngebäude und zivile InfrastrukturDie Sorge war nicht unbegründet. In der Nacht auf Donnerstag hat Russland fast 500 Drohnen sowie Dutzende von Marschflugkörpern und Raketen auf Ziele in der Ukraine abgefeuert. Im Zentrum des Schlages stand die Hauptstadt Kiew. Bei dem in mehreren Wellen ausgeführten Angriff wurden mindestens 13 Personen getötet und 86 weitere verletzt. Die Opferzahlen wurden im Verlaufe des Morgens mehrmals nach oben korrigiert und könnten weiter ansteigen.Unter den Ruinen stark beschädigter mehrstöckiger Wohnhäuser werden weitere Opfer vermutet. Insgesamt gab es laut den Behörden an mehr als dreissig Orten der Stadt Einschläge. Dabei soll es sich vornehmlich um Wohngebäude sowie zivile Infrastruktur handeln.Rettungskräfte bargen am Freitagmorgen in Kiew Dutzende Verletzte.Valentyn Ogirenko / ReutersAuch ein Hotel im Stadtzentrum, das unter anderem bei ausländischen Journalisten beliebt ist, wurde beschädigt. Ob das Gebäude gezielt angegriffen oder etwa von herabfallenden Trümmerteilen getroffen wurde, ist nicht bekannt.Während die Bevölkerung von Kiew oftmals kaum reagiert, wenn in der Stadt die Sirenen heulen, brachten sich in dieser Nacht viele Bewohner in Sicherheit. Laut Medienberichten waren die hierfür vorgesehenen U-Bahn-Stationen und anderen Schutzräume voller als bei früheren Grossangriffen.Warnung vor bevorstehendem AngriffDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hatte am Mittwoch an einer Pressekonferenz in Dublin mit Verweis auf Geheimdiensterkenntnisse vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff gewarnt und seine Landsleute aufgefordert, bei Flugalarm Schutz zu suchen. Selenski reiste danach früher als geplant aus Irland ab, um in die Ukraine zurückzukehren. Anlass des Besuchs war der Beginn der irischen EU-Ratspräsidentschaft.In der Nacht auf Donnerstag suchten zahlreiche Menschen Schutz in U-Bahn-Stationen und stellten dort unter anderem Zelte auf.Alina Smutko / ReutersUm die Flugabwehr zu überlasten, flogen die russischen Drohnen von Norden, Osten und Süden auf Kiew zu. Auffallend war dabei jedoch, dass die von Norden kommenden Fluggeräte das weissrussische Territorium umflogen. Vergangene Woche hatte Selenski ein Ultimatum an Minsk gestellt: Sollte Weissrussland die Anlagen auf seinem Territorium, die Funksignale an russische Drohnen übermitteln, nicht innert Wochenfrist nicht ausser Betrieb setzen, werde die Ukraine diese zerstören, hatte Selenski gedroht. Daraufhin nahm die weissrussische Führung um Präsident Alexander Lukaschenko die Sender tatsächlich vom Netz.Schwachstelle bei der FlugabwehrViele der russischen Geran-Drohnen, die in der Nacht auf Donnerstag zum Einsatz kamen, verfügten laut Berichten über einen Düsenantrieb. Diese Fluggeräte erreichen eine deutlich höhere Geschwindigkeit als Drohnen mit einem gewöhnlichen Motor und sind deshalb schwieriger abzufangen. Geran ist die Typen-Bezeichnung für die russische Weiterentwicklung der iranischen Shahed-Drohne.Den grössten Schaden richteten aber erneut Raketen und Marschflugkörper an. Neben Flugkörpern, die von Bombern abgefeuert werden, kamen auch Modelle des Typs Zircon zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit fliegende Lenkwaffe, die vor allem von Schiffen abgefeuert wird.Dieses Wohngebäude wurde beim Grossangriff auf Kiew fast komplett zerstört. Unter den Trümmern werden weitere Todesopfer vermutet.Valentyn Ogirenko / ReutersWährend es der Ukraine jeweils gelingt, einen Grossteil der Drohnen abzuschiessen, ist die Quote bei Raketen und Marschflugkörpern geringer. Für die Abwehr dieser Waffen ist die Ukraine weiterhin stark auf ausländische Systeme angewiesen, die nur in beschränkter Zahl zur Verfügung stehen.Russland spricht von VergeltungsschlagDas russische Verteidigungsministerium kommentierte den Angriff am Donnerstag mit einer Mitteilung auf Telegram. Die russischen Streitkräfte hätten Präzisionsschläge gegen militärische Anlagen und die Energieinfrastruktur in Kiew sowie mehreren anderen Provinzen durchgeführt.Das Ministerium sprach dabei von einem Vergeltungsschlag für ukrainische Angriffe auf die zivile Infrastruktur in Russland. Die Ukraine greift seit mehreren Wochen gezielt Raffinerien und andere kriegswichtige Unternehmen im russischen Hinterland an, was zu Versorgungsengpässen an der Front, aber auch für die Zivilbevölkerung führt, besonders auf der besetzten Krim. Grossangriffe auf dicht besiedeltes Gebiet führt die Ukraine aber keine durch.Russland hat jüngst gezielt Tankstellen in der Ostukraine angegriffen.Stringer / ReutersIn Reaktion auf die ukrainischen Schläge gegen die Treibstoffversorgung nahm Russland bereits vor dem jüngsten Grossangriff gezielt Tankstellen ins Visier. Allein im Grossraum Charkiw wurde in den vergangenen Tagen mindestens ein halbes Dutzend Tankstellen zerstört, wie die NZZ kürzlich bei einem Besuch beobachten konnte. Wegen der erhöhten Gefahr gab das Energieunternehmen Western Oil Group bekannt, ab Donnerstag in Kiew sowie allen frontnahen Provinzen alle Tankstellen zwischen 21 und 7 Uhr zu schliessen.Passend zum Artikel