Vor den Toren der russischen Oblast Kaliningrad beginnt die Suwalki-Lücke. Ein strategischer Korridor der Nato, in dem die Geopolitik bröckelt, je näher man den Menschen kommt.02.07.2026, 08.44 Uhr8 LeseminutenUnten auf der Memel treibt ein Boot zwischen den Welten. Auf der einen Seite liegt die russische Exklave Kaliningrad, auf der anderen Litauen. Der Fluss teilt die Fronten zwischen dem Reich von Wladimir Putin und der Nato, zwischen Diktatur und Freiheit. Darüber spannt sich die Königin-Luise-Brücke, vor 110 Jahren eröffnet, als beide Ufer noch zum Deutschen Reich gehörten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Oben an der Brücke schleift eine Frau einen riesigen Koffer über den Boden des litauischen Grenzübergangs Panemune. Sie keucht und stöhnt, das Gesicht rot. Nein, sagt sie auf Russisch, sie wolle nicht reden, sondern ankommen, sie werde drüben erwartet.Sie steht vor einem Tor auf der Brücke, sie muss es nur öffnen und losgehen, dann 400 Meter laufen, und schon ist sie in Russland. Doch sie bekommt es nicht auf mit dem Koffer in der Hand. Vor Erschöpfung hält sie inne und umklammert das Geländer. Sie komme aus Lettland, sagt sie, sei die ganze Nacht unterwegs gewesen und wolle in Kaliningrad Freunde aus Russland treffen.Seit gut drei Jahren gibt es an dieser Grenzbrücke über die Memel (litauisch: Nemunas) nur noch Fussgängerverkehr nach Kaliningrad und zurück nach Litauen.Das Z, Symbol des russischen Krieges in der Ukraine, fotografiert auf einer Fassade gegenüber dem litauischen Grenzübergang Panemune.Die Frau schaut über den Fluss auf die Ortschaft Sowjetsk, eine Stadt in der Oblast Kaliningrad, früher Tilsit genannt. Kaliningrad, das frühere Königsberg, liegt noch einmal 100 Kilometer entfernt. Am Ufer ziehen sich Gebäude entlang. An einer der Wände steht ein grosses Z, das Symbol für den russischen Krieg in der Ukraine.Kaliningrad, Russlands westlichster VorpostenSanft schwappen Wellen an Land, Vögel zwitschern. Die Friedlichkeit und die Landschaft können leicht vergessen lassen, dass am anderen Ufer der Memel ein Gebiet beginnt, das auf engem Raum so hochgerüstet ist wie kaum ein anderes in Europa. Russland hat Kaliningrad und das Gebiet um die Stadt zu einer Festung ausgebaut. Allerdings hat sich die Zahl der Bodentruppen dort seit dem Einmarsch in die Ukraine deutlich reduziert. Von etwa 20 000 Soldaten sollen es heute noch ein paar tausend sein. Die meisten wurden in die Ukraine geschickt.Zwei Grenzgänger auf dem Weg von Litauen ins russische Kaliningrad.Wieder angelegt: eine blaue Barkasse für russische Touristen auf der Memel.Die Frau mit dem Koffer hat es bis in die Mitte der Brücke geschafft und telefoniert. Vor ein paar Tagen, erzählt ein Grenzer, seien Touristen unten am Ufer gewesen und hätten mit einer Drohne ein paar Fotos machen wollen. Sie sei aus ein paar Metern Höhe abgestürzt. «Die Russen stören GPS, Funk, einfach alles», sagt der Beamte.Die Ostsee ist nah, der Wind trägt salzhaltige Luft herbei. Seit drei Jahren stehen Betonblöcke auf dem Asphalt vor der Brücke und versperren den Weg. Ein Mann mit Seesack über der Schulter läuft durch das Tor. Der Grenzbeamte sagt, es kämen immer wieder Seeleute aus den baltischen Staaten über die Brücke, deren Schiffe in Kaliningrad ankerten.Eine Landschaft wie unberührt von der GegenwartFür westliche Journalisten ist der Weg nach Kaliningrad versperrt. Sie brauchen ein Visum für Russland, das derzeit nur selten ausgestellt wird. Daher geht es zurück ins Innere Litauens. Die Strasse führt südostwärts, ein kilometerlanges schnurgerades Band durch gelbe und grüne Felder, dunkle Wälder und Dörfer mit unaussprechlichen Namen und verwitterten Holzhäusern.Die Landschaft wirkt verlassen, wie unberührt von den geopolitischen Spannungen der Gegenwart. Hier wird Geografie zu Politik. Auf dem Weg zwischen Kaliningrad und Weissrussland verengt sich Europa zu einem schmalen Korridor. Für die Nato befindet sich hier ein gefährliches Nadelöhr auf dem Kontinent: die Suwalki-Lücke.Schmale Landstrassen, viel Wald, Felder, Wiesen, Sümpfe und Flussläufe durchziehen die Suwalki-Lücke.Die Suwalki-Lücke ist ein bis zu 100 Kilometer breiter Landstrich entlang der polnisch-litauischen Grenze. Geografisch ist die Lage ungemütlich, denn der Streifen liegt genau zwischen Kaliningrad und Russlands engstem Verbündetem Weissrussland. In westlichen Strategien ist seit Jahren von einem Albtraumszenario die Rede: Sollte Moskau diesen Korridor besetzen, wären die drei baltischen Staaten schlagartig vom restlichen Nato-Territorium isoliert.Nach gut 80 Kilometer Weg kommt man zu einem Ort, an dem die Eigentümlichkeit der Verhältnisse in Europa gut zu sehen ist. Kybartai ist der zweite Grenzübergang von Litauen nach Kaliningrad, eine gepflegte Stadt mit Kreisverkehren, einer renovierten Schule und sauberen Strassen, Gärten und Hecken. Am Bahnübergang vor der Grenze stauen sich die Lkw mit russischen Kennzeichen. Zwei Lokomotiven rangieren.Auf den Bruchlinien zwischen Russland und dem WestenKaliningrad ist auf die Versorgung aus Russland angewiesen. Die Waren werden oft mit Lastwagen und Zügen auf Transitwegen durch das Nato- und EU-Gebiet geschafft. Jeder Lastwagen und jeder Zug, der hier die Grenze passiert, bewegt nicht nur Waren, sondern durchquert zugleich die Bruchlinie zwischen Russland und dem Westen. Doch an dem Grenzübergang ist von diesen Spannungen nichts zu spüren.Wie in Panemune herrscht auch hier eine tiefe Stille. Sattelzüge mit russischen Kennzeichen sind hinter einem Schlagbaum parkiert, die Fahrer dösen in ihren Kabinen. Ein Grenzbeamter führt über das Gelände mit seinen Abfertigungsspuren und sagt, früher sei hier weit mehr los gewesen. Heute kämen aus beiden Richtungen noch 40 Lastwagen pro Tag, der Konflikt Russlands mit dem Westen habe den Grenzverkehr fast zum Erliegen gebracht.Diese Aufnahme aus einem Container des litauischen Grenzschutzes zeigt Lastwagen, die darauf warten, abgefertigt zu werden und nach Kaliningrad fahren zu können.Ein litauischer Grenzbeamter verlässt ein Kontrollgebäude am Grenzübergang Kybartai.Es sei ungewöhnlich, meint der Grenzbeamte, dass den Gästen aus dem Ausland erlaubt werde, sich hier umzusehen. Hinter dem mit Stacheldraht bewehrten Grenzzaun weht die russische Flagge. Ein Dutzend Sattelzüge reihen sich aneinander und warten darauf, den Übergang passieren zu können. Sie kämen aus Kaliningrad und wollten ins «Mutterland», sagt der Grenzer.Das «Mutterland» ist die Russische Föderation, und dieses Gebiet müssen die Lastwagen auf direktem Transitweg anfahren. In Litauen auf dem Terrain der Europäischen Union dürfen sie nur auf genehmigten Routen so lange fahren, wie sie zum nächsten Grenzübergang nach Weissrussland benötigen. So strikt sind die Vorschriften allerdings nur für russische Sattelzüge.An der Grenze zu Russland: «Ich bin nur ein Lkw-Fahrer»Der Mann, der jetzt aus einem roten Führerhaus klettert, hat es etwas einfacher. Er fährt einen Lastwagen mit litauischem Kennzeichen. In Trainingshose, Shirt und Turnschuhen steht er da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sagt, er sei Litauer.Ein Sattelschlepper mit litauischem Kennzeichen und Fahrer fährt gleich nach Kaliningrad hinüber.Die andere Seite der Grenze: Auf russischem Gebiet warten Sattelzüge darauf, in den Grenzübergang fahren zu können.An dem Container auf seinem Trailer steht «Cosco Shipping», ein staatlicher chinesischer Logistikkonzern. Er sei aus Klaipeda gekommen und habe Shrimps aus Thailand geladen, sagt er. Klaipeda ist ein litauischer Hafen an der Ostsee.Wie es sich anfühlt, ein Land zu beliefern, dessen Führung ständig Kriegsdrohungen gegen Litauen und die Nato ausstösst? Er zuckt mit den Schultern. «Ich bin nur ein Fahrer, mache meinen Job.» Auf dem Rückweg wolle er über Polen fahren, sagt er stattdessen. Hier stehe man bis zu zwei Wochen, ehe man abgefertigt werde.«Wir haben keine Angst», sagt die KellnerinIm Ort serviert Ineta Salnauskiene Salat und Piroggen, die Fingernägel pink lackiert und die Haare blond gefärbt. Das Restaurant «Robeda» hat kaum Gäste an diesem frühen Nachmittag und die Kellnerin ein wenig Zeit für ein Gespräch. Seit dem russischen Krieg in der Ukraine habe sich der Verkehr in der Stadt stark verringert, sagt sie. Aber sonst sei nichts anders als früher. «Wir haben jedenfalls keine Angst, dass etwas passieren könnte», sagt sie und wischt mit der Hand durch die Luft.Ja, das Gefühl, mit Russland als Nachbar leben zu müssen, sei schrecklich. Und nein, sie sei noch nie in ihrem Leben in Kaliningrad gewesen, und das, wo sie jetzt doch schon 48 Jahre alt sei. Sie lächelt.Ineta Salnauskiene serviert im Restaurant «Robeda» in der litauischen Grenzstadt Kybartai.Eine Frau geht mit einer Tasche durch eine Öffnung im Zaun am Grenzübergang Kybartai nach Russland hinüber.Als die Rede auf die Politik kommt, sagt sie, nein, Soldaten seien hier nicht zu sehen. Ob sie schon einmal von der Suwalki-Lücke gehört habe? Sie schaut aus ihren blauen Augen und schüttelt den Kopf. «Nie gehört. Was ist das?» Sie springt auf, eine Kollegin steht mit einem Tablett hinter ihr. «Was kommt, das kommt. Das ist Schicksal.»Angst vor einem russischen AngriffDie Fahrt geht weiter. Beim Verlassen von Kybartai poppt auf dem Handy die Nachricht auf, dass auf der Krim der Sprit knapp werde, weil die Ukrainer den Warenverkehr von Russland mit Drohnen angriffen. Es läuft gerade nicht gut für Putin und seine Eroberungspläne. In der litauischen Politik hält man es gerade deshalb für möglich, dass die Russen bald angreifen werden, um von der Lage in der Ukraine abzulenken.Doch das ist Spekulation. Die Realität liegt auf der Strasse. Von Kybartai im äussersten Osten Kaliningrads dauert es gut drei Stunden mit dem Auto bis zum weissrussischen Grenzposten Kapciamiestis. Dann hat man die Suwalki-Lücke einmal durchquert. Das Gebiet bietet unzählige Räume, in denen sich ein russischer Vormarsch aufhalten liesse.Die Strassen werden schmaler, der Asphalt weicht stellenweise tiefen Schotterpisten, die sich durch dichte Wälder und grüne Felder fressen. Auf dem Navigationsbildschirm taucht immer wieder die russische Grenze auf. Sie ist ganz nah, nur durch Bäume verborgen. Das Handynetz wechselt zu einem russischen Anbieter. Für Militärplaner ist das hier ein Albtraum: ein Labyrinth aus Bäumen, Flüssen und Sümpfen.Aufnahme des Navigationsbildschirms auf der Fahrt von Kaliningrad an die weissrussische Grenze. Die Grenze zu Russland liegt mitunter nur einen Steinwurf entfernt.Der litauische Grenzposten Kapciamiestis liegt in einem dichten Wald.Dann, gut 130 Kilometer weiter, ist der Grenzposten Kapciamiestis nah. Das Navi zeigt nur noch ein paar hundert Meter an. Es ist schon spät. Im Licht der Dämmerung rücken die Bäume zu beiden Seiten immer dichter an das Auto. Ein Zaun schält sich aus dem Zwielicht, Masten mit Kameras. Menschen sind nicht zu sehen.Plötzlich taucht ein Fahrzeug mit Blaulicht auf. Grenzbeamte steigen aus und wollen die Papiere sehen. Hier gebe es schon lange keine Grenzkontrollen mehr, sagen sie, als sie die Ausweise durch das Autofenster mit etwas freundlicherem Ton zurückreichen. Der Grenzpunkt sei geschlossen. Sie deuten mit den Armen einen U-Turn an. Umdrehen.Die Bäuerin in lila GummistiefelnAn dieser Stelle endet die Reise durch die Suwalki-Lücke allerdings noch nicht. Die stundenlange Fahrt durch nahezu unberührte Landschaft vom russischen Kaliningrad durch Nato-Gebiet bis nach Weissrussland führt schliesslich zu einer Bäuerin in lila Gummistiefeln.Sie steht auf einem Feld am Ortseingang von Kapciamiestis und ist Beweis dafür, dass auch in einem baltischen Frontstaat wie Litauen nicht für jeden die Verteidigung gegen Russland an erster Stelle steht. Das letzte Licht des Tages fällt auf eine Wiese, auf der ihr Mann den Rasen mäht.Die beiden und die anderen gut 450 Bewohner von Kapciamiestis haben es in Litauen zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Nicht, weil ihr Dorf direkt an Putins Verbündeten Weissrussland grenzt und bei einer Invasion die Suwalki-Lücke zur Frontlinie würde. Sondern weil sie gegen den Bau eines litauischen Militärübungsplatzes in der Nähe protestiert haben.Der Abend in Kapciamiestis, einem 450-Einwohner-Dorf an der Grenze zu Weissrussland. Hier soll demnächst ein litauischer Militärübungsplatz gebaut werden.Sie habe Angst vor dem Lärm des Übungsplatzes, nicht vor einem Überfall der Russen und Weissrussen, sagt diese Bäuerin. Hinter dem Wald soll das Militärgelände gebaut werden.Die Frau deutet auf den Wald. Dahinter, sagt sie empört, wolle die Regierung eine Schiessbahn für Panzer bauen. Das sei übel, denn es gebe hier Tourismus und Ferienhäuser. Die Leute wollten auf den Seen und Flüssen paddeln und sich erholen. «Wer kommt noch her, wenn hier geschossen wird?», fragt sie.Man müsse doch heute keine Wälder mehr roden und einen Übungsplatz für Panzer bauen, meint sie. Der Krieg werde jetzt mit Drohnen geführt. Ein riesiger Panzerübungsplatz im Wald sei ein veralteter Ansatz.Letzte Frage am Ende einer langen Reise: Ob sie keine Angst vor einem Angriff der Russen oder Weissrussen habe? Nein, sagt die Frau, sie habe Angst vor dem Lärm des Übungsplatzes. «Bei den Vibrationen der Abschüsse bricht sonst noch unser Haus zusammen.»Passend zum Artikel
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