In der 119. Minute bekam dieses Sechzehntelfinale in Seattle ein paar TV-Zuschauer mehr. Etwa 30 Spieler sowie Mitglieder aus dem belgischen und senegalesischen Betreuerstab versammelten sich zu diesem Zeitpunkt um den VAR-Bildschirm zwischen den Ersatzbänken. Beide Linienrichter und der vierte Offizielle waren ebenfalls herangeeilt, um die aufgebrachte Gruppe Männer zu kontrollieren, beinahe hätte es Absperrband und Sicherheitspersonal gebraucht. Und mittendrin in dem Tumult ließ sich der Schiedsrichter Héctor Said Martínez aus Honduras Zeit beim Fernsehschauen. Sehr viel Zeit.Irgendwann allerdings zeigte Martínez dann aber doch Richtung Punkt – der eingewechselte Lamine Camara hatte Youri Tielemans am Fuß getroffen. Es halfen auch die wildesten Proteste der Senegalesen nicht, während derer sich der Verteidiger Pathé Ciss nach einem Rempler für mehrere Minuten beim Elfmeterpunkt auf den Rasen legte. Es half alles nichts. Als Ciss wieder aufgestanden war, wurde das Spiel von ebenjenem Elfmeterpunkt aus entschieden, mit einem Strafstoß von Tielemans ins rechte Kreuzeck. Der brachte den 3:2 (2:2, 0:1)-Sieg für Belgien, in einer Partie, bei der man sich irgendwann fragen musste, ob sie jemals zu einem Ende finden würde.DFB-Abschied:Hat sich das Comeback von Manuel Neuer gelohnt?Der Torhüter sollte allein mit seiner Aura die Torschüsse der Gegner ablenken, doch dann waren fünf von zehn Versuchen bei dieser WM drin. Von seiner Rückkehr bleibt letztlich nur ein Satz für die Ewigkeit.Eine knappe Dreiviertelstunde vor Tielemans Elfmeter hatte es noch ganz anders ausgesehen. Bis zur 85. Minute führte Senegal mit 2:0, die Mannschaft von Trainer Pape Thiaw war spielbestimmend. Die Torgefahr, die die senegalesische Offensive mit ihrem schnellen Kombinationsspiel entwickeln kann, war schon in den drei Gruppenpartien zu sehen gewesen, insbesondere beim 5:0 gegen den Irak. Und nun spielten die Senegalesen auch die erfahrene belgische Hintermannschaft auseinander, vornehmlich in der ersten Halbzeit. Mittelfeldspieler Habib Diarra (24.) und Stürmer Ismaila Sarr (51.) erzielten die Tore. Und: Es hätte auch noch schlimmer kommen können für die Belgier.Die Belgier lieferten lange Anlass, um ihnen den nächsten Untergang zu prophezeienSeit inzwischen zwölf Jahren reist die Mannschaft unter dem ewigen Titel „goldene Generation“ zu Turnieren. Bei dieser Weltmeisterschaft sind aber höchstens noch die Überreste davon erkennbar: in Person der nun in Neapel vereinten Akteure Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku etwa. Aber dennoch, die mit diesem Titel verbundenen Erwartungen sind ihnen geblieben. Da schmerzt jedes Scheitern besonders. Und tatsächlich: Die Belgier lieferten in diesem Spiel lange Anlass, um ihnen schon den nächsten Untergang zu prophezeien.Mitte der zweiten Halbzeit, auf dem Weg in die Trinkpause, begannen Kapitän Tielemans und der bislang beste Belgier beim Turnier, Leandro Trossard vom FC Arsenal, zu streiten. Lukaku schritt ein, die Mannschaft beruhigte die Situation. Und danach in kürzester Zeit auch das Spiel.Der zur Halbzeit eingewechselte Lukaku erzielte in der 86. Minute mit seinem ersten ernst zu nehmenden Abschluss den Anschlusstreffer, drei Minuten später war es Tielemans per Kopfball, der den Ausgleich erzielte. Bedanken durfte sich Belgien in dieser Situation auch bei Senegals Torhüter Mory Diaw, der am Ball vorbeigesegelt war – und dem Gegner dadurch ein Comeback ermöglichte, wie sie es in Belgien schon einmal erlebt hatten.Die entscheidende Szene: Senegals Lamine Camara foult Belgiens Youri Tielemans. Es gibt Elfmeter. Lee Smith/ReutersBei der WM 2018 erlebte die damals noch vollzählige „goldene Generation“ eine ihrer Sternstunden in einem denkwürdigen Achtelfinale gegen Japan. 0:2 hatte es auch damals bis in die zweite Halbzeit gestanden, bevor Belgien zurückkam – und das Spiel in der Nachspielzeit, nach einer japanischen Ecke, mit einem perfekten Konter entschied. Spielerische Brillanz und Kampfgeist hatten da in der allerletzten Minute zusammengefunden; diesmal betonte Lukaku nur eine der beiden Komponenten: „Wir haben Kampfgeist gezeigt, hatten Eier, und das braucht man in so einem Spiel.“Allerdings spielte den Belgiern in einem auch in der Verlängerung wilden Spiel in die Karten, dass Senegal einige hervorragende Chancen ausließ: Ibrahim Mbaye von Paris Saint-Germain hatte in der Verlängerung die beste Gelegenheit, nachdem er vom jungen Nachwuchsspieler des FC Bayern, Bara Sapoko Ndiaye, im Strafraum freigespielt worden war. Weil rund um Camaras Foul, den ewigen Blick auf den VAR-Bildschirm sowie Tielemans Elfmeter jede Menge Zeit verstrichen war, lief die Partie bis in die 132. Minute (!) – und endete mit einem senegalesischen Freistoß übers Tor. Und mit der gerechtfertigten Einschätzung von Trainer Thiaw, dass „wir es verdient gehabt hätten, weiterzukommen“.Nach dem 3:2 in Seattle bleibt aber auch festzuhalten, dass bei Weltmeisterschaften seit 1970 nur zwei Mannschaften einen 0:2-Rückstand in der K.-o.-Runde noch in einen Sieg umdrehen konnten: Belgien 2018 und Belgien 2026. Und dass sich die Mannschaft von Trainer Rudi Garcia heute zwar spielerisch nicht so elegant präsentiert wie vor einigen Jahren. Aber dafür eine beachtliche Wettkampfhärte mitbringt. Gegner im Viertelfinale jetzt: Gastgeber USA.Zum ersten Mal seit mehreren Turnieren wurde Belgien nicht mehr vorab zum Geheimfavoriten ausgerufen. Aber jetzt erscheint es nicht ausgeschlossen, dass die Belgier dieses Turnier noch so überraschen wie die senegalesische Hintermannschaft kurz vor Ende der regulären Spielzeit.
Belgien bei der Fußball-WM: Sieg gegen Senegal durch einen Elfmeter in der 119. Minute
Senegal führt bis kurz vor Schluss 2:0 – und scheidet dennoch aus. Die wettkampfharten Belgier treffen nun auf den Gastgeber USA.













