GastkommentarJanos I. SzirtesMit dem Versuch, die Ukraine militärisch einzukassieren, hat Putin die seit 1945 geltende europäische Sicherheitsarchitektur mutwillig zertrümmert. Während die Ukrainer sich der Invasion tapfer erwehren, zögern die Europäer noch immer, die nötigen Konsequenzen zu ziehen.02.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas 1955 hoch über der Moldau in Prag errichtete gigantische Stalin-Monument. Es wurde 1962 gesprengt.Leos Nebor / CTK / ImagoOhne Russlands Einverständnis oder gar gegen seinen Willen kann Europa nicht in Frieden leben. Mit Putins Regime indes lässt sich keine dauerhafte Sicherheit durch Verhandlungen erreichen. Verhandlungen sind nur sinnvoll, wenn Kompromissbereitschaft besteht und die Ergebnisse eingehalten werden. Beides fehlt jedoch. Ähnliches mussten Gustav Stresemann und Aristide Briand in Bezug auf ein Ende der Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich in den dreissiger Jahren erleben. Nicht nur scheiterten sie; ihre ergebnislosen Versuche, zum Frieden zu finden, führten zum Krieg. Die heutige Situation lässt sich damit vergleichen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Russlands Kriege sind «gerecht»Die Sicherheitsvorstellungen Moskaus sind festgefahren. Im Kreml geht man von der jahrhundertealten Erfahrung Russlands aus, Überfällen ausgeliefert zu sein. Die Invasion Napoleons («der Erste Vaterländische Krieg») und der Vernichtungsfeldzug Hitlers («der Grosse Vaterländische Krieg») prägen diese Haltung. Dabei werden die eigenen kolonialen Eroberungskriege unter Peter dem Grossen und unter Katharina der Grossen unterschlagen. Auch die gewaltsamen Landnahmen auf der Krim, im Fernen Osten, in Finnland oder im Kaukasus werden ausgeblendet.So erscheinen die Kriege Russlands stets als «gerechte Verteidigungskriege» und endeten oft mit Territorialgewinnen – wie im Zweiten Weltkrieg mit über 600 000 Quadratkilometern und einem Satellitengürtel gegen den Westen. Einen solchen einzurichten, wurde über die Köpfe der betroffenen Polen, Ungarn, Slowaken, Tschechen und Bulgaren hinweg entschieden.Die Sicherheitsdoktrin des Kremls pflegt die Interessen der Gegenseite vollständig auszublenden.Das Vorgehen im siegreichen Zweiten Weltkrieg ist für Moskau nach wie vor die Leitlinie. Oder wie Putin es formuliert hat: Wo ein russischer Soldat seinen Fuss hinsetzt, da ist russische Erde. Aus der Geschichte weiss man, dass dies nicht stimmt. Ist Russland schwach, muss es Gebiete zurückgeben. Auch in der Ukraine geht es um die Erneuerung und Bekräftigung des sowjetischen Expansionismus. Was man einmal besetzt hielt, tritt man nicht freiwillig wieder ab. So gibt es seit achtzig Jahren auch keinen Friedensvertrag mit Japan. Die vier japanischen Inseln, welche die Rote Armee unmittelbar vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch erobert hatte, wurden nie zurückgegeben.Russland ist notorisch aggressiv, weil ihm im Grunde genommen die Voraussetzungen für den Status als Grossmacht fehlen, den es per se beanspruchen zu können glaubt. Trotz den gewaltigen Öl- und Gasvorkommen fehlt es den Russen nicht nur an Wirtschafts- und Finanzkraft, sondern auch an Innovationsfähigkeit. In der Sowjetunion, die lange mit dem westlichen Systemfeind mitzuhalten versuchte, wurde dieses Manko durch Ideologie ersetzt, was jedoch auch nicht half. Die Gewissheit, andere weit zu überragen, gehört zum Selbstbild des russischen Staates und mündet mangels anderer Möglichkeiten stets in eine Politik von Drohung, Erpressung und Zwang. Die Aggressivität wurzelt im Auseinanderklaffen zwischen Anspruch und dem Unvermögen, diesen Anspruch auch wirklich einzulösen.Die Sicherheitsdoktrin des Kremls pflegt die Interessen der Gegenseite vollständig auszublenden. Das russische Idealbild ist ein Gürtel von Vasallenstaaten um die eigenen Grenzen herum, über den man herrscht und von dem aus man nicht angegriffen wird. Das sieht zumindest in der Theorie gut aus. In der Praxis jedoch misstraut man den Vasallen und ist bemüht, die politischen Ziele durch vor Ort stationierte Truppenkontingente abzusichern, so wie es im Kaukasus oder in Transnistrien der Fall ist.Gespaltenes EuropaIn Bezug auf Russland ist Europa gespalten. Zum einen gibt es Staaten, die selber bittere historische Erfahrungen mit Russland gemacht haben, wie Finnland, die baltischen Staaten und Polen im Ostseeraum sowie Bessarabien und Rumänien im Süden.In anderen, südlicher gelegenen Regionen wie Spanien und Italien war man immer schon weniger betroffen und konnte die Politik Moskaus, die irrational anmutete, nur schwer oder gar nicht begreifen. Diese Länder sind geneigt zu denken, man könne den Kreml von der Fehlerhaftigkeit seiner Politik überzeugen.Wenn es aber überhaupt zu einem Gespräch kommt, dann sind es Monologe zwischen Taubstummen. Zwar geht so gut wie ganz Europa davon aus, dass von Russland aus in absehbarer Zukunft ein Angriff auf östliche Nato-Staaten ausgehen könnte, doch ist eine Lösung der dadurch aufgeworfenen Sicherheitsprobleme nicht in Sicht, da man sich nicht auf einen gemeinsamen Standpunkt über die Schwere der Gefahr einigen kann. Selbst wenn dies gelänge, würde sich an der russischen Haltung und der Situation kurzfristig kaum etwas ändern. Aber es würde damit die Grundlage für eine zukünftige wirksame und eigenständige europäische Aussen- und Sicherheitspolitik geschaffen.Solange in Moskau ein Autokrat herrscht, ist die europäische Sicherheit nur kurzfristig gewährleistet. Erst wenn das politische System Russlands Schwäche zeigt, wird Sicherheit langfristig zu einer Option. Dies war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Fall. Viele wohlwollende westliche Politiker hegten noch lange nach 1991 die Überzeugung, Russland mithilfe von «Wandel durch Annäherung», des «gemeinsamen Hauses Europa» oder sogar einer Nato-Mitgliedschaft auf den Weg der Demokratie verhelfen zu können. Die russische Führung unter Jelzin und anfangs auch unter Putin war dafür zeitweise offen.Das Ende des Realsozialismus führte die russische Bevölkerung jedoch erst einmal auf den Weg der Tränen. Die neunziger Jahre waren mit Verarmung, Sozialabbau, Ungerechtigkeit, Diebstahl von Staatseigentum, Korruption und dem Verlust der internationalen Bedeutung gepflastert. Diese Rosskur wurde fälschlicherweise der nunmehrigen Demokratie angelastet, weshalb diese in Verruf geriet. Lieber kehrte man zur guten alten Diktatur mit dem «Väterchen» im Kreml zurück, das alles richtet. Zum Dank garantierte einem das «Väterchen» ein halbwegs normales Leben – allerdings unter autokratischen Verhältnissen.Die Hauptschwierigkeit bei der Entwicklung eines europäischen Sicherheitssystems liegt in zweierlei. Zum einen ist da die kompromisslose Hinneigung Russlands zu einem Sicherheitsbegriff, der für die Gegenseite absolute Unsicherheit bedeutet. Zum andern ist eine geordnete Demokratie für den Diktator im Kreml keine Option – sie würde seine Herrschaft über kurz oder lang wegfegen. Beide Hindernisse kann der Westen weder mit Argumenten noch mit Zugeständnissen beseitigen.Unter diesen Umständen ist die Vermeidung eines Krieges nur durch Abschreckung oder durch Einknicken möglich. Beides führt aber nur vorübergehend zu Sicherheit. Das Narrativ von der Bedrohung aus dem Westen und der angeblichen westlichen Russophobie bliebe dem Kreml erhalten. Es ist eine leicht zu gewinnende Wette, wenn es darum geht, konfrontative «patriotische» Gefühle zu wecken. Die Autokratie fürchtet die Demokratie als Erzfeind und muss verhindern, dass sie für die Bevölkerung attraktiv sein könnte. Um die Leute bei der Stange zu halten, muss Russland als potenzielles Opfer dargestellt werden können. Es liegt daher im Interesse des Kremls, aussenpolitisch ewig Unruhe zu stiften.Demokratie als HindernisErst eine Abschaffung der russischen Tyrannei könnte grundlegende Sicherheit für Europa garantieren. Da ein Ende der Autokratie und der damit verbundenen Bedrohungsphobie des Kremls nicht in Sicht ist, bleibt den europäischen Staaten, um die Möglichkeit eines Krieges zu minimieren, nur die Politik der Abschreckung. Welche wiederum zur Folge hat, dass sich Moskau verstärkt den Möglichkeiten des hybriden Krieges zuwendet. Auch wenn die Europäer diesen noch immer geflissentlich zu ignorieren versuchen (weil sie sonst etwas dagegen tun müssten), ist er bereits seit langem im Gange.Während Russland bei einem konventionellen Krieg im Nachteil wäre, ist es bei der hybriden Variante umgekehrt. Derzeit liegt der Hauptfokus auf der Ukraine, doch richtet sich der niederschwellige Krieg zunehmend gegen Europa. Die europäischen Länder sind darauf nicht vorbereitet und werden es auch nie sein. Das demokratische Fairplay bindet ihnen die Hände, wenn es darum geht, wirksam Vorsorge zu treffen und entschlossen zu reagieren. Mit den Mitteln des hybriden Krieges vermag der Kreml innerhalb der westlichen Gesellschaften viele seiner Ziele zu erreichen: Zweifel, Verunsicherung, Lähmung, Spaltung.Sicherheit in Europa ist daher ausschliesslich durch die eigene Fähigkeit zur Abschreckung, also durch das Gleichgewicht des Schreckens, möglich. Die atomare Bewaffnung Frankreichs und Grossbritanniens bildet hierfür einen wichtigen Anker. Ein friedliches Europa lässt sich nicht wirkungsvoll durch Verhandlungen, Verträge oder diplomatischen Ausgleich erreichen – ganz unabhängig davon, wer verhandelt. Frieden kann ausschliesslich dadurch gesichert werden, dass militärische Gewalt vonseiten Russlands mit militärischer Gewalt beantwortet wird.Nach dem Ausscheren der Regierung Trump ist Europa zunehmend auf sich allein gestellt, doch die politischen, militärischen und rüstungstechnischen Konsequenzen wurden daraus bislang noch nicht voll gezogen. Europa verfügt über die nötigen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Mittel, wehrhaft zu werden, doch mangelt es an Willen, Zukunftsideen, visionären Politikern und an Unterstützung der Bevölkerung, um die nötigen kostspieligen Massnahmen umzusetzen. Noch glauben die Europäer, genügend Zeit zum Zögern zu haben, aber das könnte sich als Irrtum erweisen.Janos I. Szirtes ist Politikwissenschafter und lebt in Budapest.Passend zum Artikel
Für ein friedliches Zusammenleben mit Russland braucht Europa eine entschlossene Abschreckung
Mit dem Versuch, die Ukraine militärisch einzukassieren, hat Putin die seit 1945 geltende europäische Sicherheitsarchitektur mutwillig zertrümmert. Während die Ukrainer sich der Invasion tapfer erwehren, zögern die Europäer noch immer, die nötigen Konsequenzen zu ziehen.






