Doch Banaszak sieht die Partei trotzdem nicht ausreichend auf die Herausforderungen dieser Zeit vorbereitet. Er will noch mehr an den gremien- und detailverliebten Grünen ändern. „Diese Zeit braucht weniger Belehrung und mehr Begegnung, weniger Gremien und mehr Gemeinschaft“, sagt Banaszak im Gespräch mit dem Handelsblatt.Damit zielt ausgerechnet der Spitzenvertreter des linken Flügels auf die Grundstrukturen der Partei, das Parteispektrum, das in großen Teilen besonders stolz auf die basisdemokratische Veranlagung ist. Doch Banaszak ist das egal: „Die Grünen müssen mehr Heimat und weniger Stuhlkreis sein.“Er will, dass die Grünen mehr Grillabende und Müllsammel-Aktionen starten, um neue Leute zu überzeugen, anstatt lauter Anträge zu schreiben, zu diskutieren, zu verhandeln, sich in Spiegelstrichen zu verhaken: „Das dauert Stunde um Stunde und draußen bekommt niemand etwas davon mit.“ Dafür hat Banaszak einige Ideen, die er jetzt in die Partei einbringen will.Lesen Sie hier das Interview mit Felix BanaszakHerr Banaszak, die Grünen haben sich in der Urwahl für eine weitgehende Anpassung der Parteistrukturen entschieden. Reicht das?Zunächst zeigt die breite Zustimmung, dass die Partei reformfähig und erneuerungswillig ist. Unsere Mitglieder haben nach intensiver Diskussion alle unsere Vorschläge angenommen, fast alle sogar mit Zweidrittelmehrheit. Das ist ein starker Vertrauensbeweis, dafür bin ich dankbar.Aber?Wir haben jetzt 183.000 Mitglieder, so viele wie noch nie. Viele sind eingetreten, weil sie in einer Welt des Rechtsrucks nicht tatenlos bleiben wollen. Aber wir bieten ihnen noch zu wenige Möglichkeiten, diesem Wunsch zu folgen, wenn Beteiligung am Ende vor allem heißt: Gremien, Vorstände, Arbeitsgemeinschaften, Detaildebatten. Jetzt sollten wir die Chance ergreifen, die sich aus dem Erfolg der Urabstimmung ergibt.Was muss passieren?Rechtsautoritäre Kräfte besetzen die Räume, die Demokraten ihnen gelassen haben. Die AfD mobilisiert nicht, weil ihr Programm so überzeugend wäre, sondern weil sie manchen Menschen das Gefühl gibt, dazuzugehören, willkommen zu sein, „richtig“ zu sein. Recht haben reicht da nicht mehr. Diese Zeit braucht weniger Belehrung und mehr Begegnung, weniger Gremien und mehr Gemeinschaft. Wir müssen präsenter werden im Alltag der Menschen. Aber auch Parteimitglieder haben nur einen 24-Stunden-Tag. Wenn wir von dem einen mehr machen wollen, müssen wir an anderer Stelle weniger tun.Energie Grüne wollen als erste Partei einheitlichen Strompreis abschaffen – Minuten nach dem Beschluss folgt interner Protest Was ist Ihr konkreter Vorschlag?Was wäre, wenn wir an einem Tag im Monat ein Familienfest organisieren, einen Karaokeabend, ein Public Viewing oder einfach zum Bier einladen, statt in internen Sitzungen über den fünften Spiegelstrich oder die achte Nachkommastelle zu diskutieren? Die Grünen haben eine große Liebe zu Inhalten und Programmdiskussionen. Das ist ja grundsätzlich gut und wichtig. Aber damit allein gewinnen wir nicht die Herzen der Menschen.Die Grünen sind in vielen Bundes- und Landesarbeitsgemeinschaften (BAG/LAG) organisiert, wo Mandatsträger und Basismitglieder gemeinsam Positionen und Konzepte inhaltlich ausarbeiten. Es gibt 25 BAG und allein in Ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen 27 LAG. Muss da etwas weg?Die Arbeit in unseren Arbeitsgemeinschaften ist wichtig und wir müssen das Wissen unserer Mitglieder systematischer nutzen. Sie sollte aber nicht die einzige Beteiligungsform sein, und auch nicht der Hauptweg, um sich für Ämter oder Mandate zu empfehlen. Menschen mit großen Netzwerken in der Partei haben es leichter als solche, die vor Ort in Vereinen, Initiativen und Kommunen verankert sind. Da müssen wir ran.Sie machen sich den Vorwurf über Ihre eigene Partei zu eigen, sie werde nur noch von realitätsfernen Funktionären geprägt?Nein, das ist ein Zerrbild. Aber einen Querschnitt der Gesellschaft bilden wir genauso wenig ab wie andere Parteien. Das müssen wir ernst nehmen. Vita Felix Banaszak Felix Banaszak ist ein „Kind des Ruhrgebiets“, wie er selbst häufig betont. Geboren wurde er in Duisburg. Politisch aktiv ist der 36-Jährige seit 2009, studiert hat er Sozial- und Kulturanthropologie sowie Politikwissenschaften. Er gehört zum linken Parteiflügel der Grünen.Banaszak ist verheiratet und hat eine Tochter. In den vergangenen Jahren lehnte er es erst noch ab, wirtschaftspolitischer Sprecher oder Fraktionsvize bei den Grünen zu werden. Als sich Ende 2024 die Möglichkeit bot, gemeinsam mit der Reala Franziska Brantner den Parteivorsitz zu übernehmen, stand er aber bereit.Wollen Sie keine Arbeitsgemeinschaften mehr bei den Grünen?Eine Partei, die regieren will, braucht programmatische Substanz, und dazu tragen Arbeitsgemeinschaften entscheidend bei. Gleichzeitig ersetzen Spiegelstriche in Parteibeschlüssen keine politische Wirksamkeit, die in persönlicher Begegnung entsteht. Wir müssen unsere Arbeit immer der Leitfrage unterordnen: Bringt das, was wir tun, die Gesellschaft voran, hilft es den Menschen?Braucht es dafür noch weitere Satzungsänderungen oder ist das am Ende nur ein Appell, der im Sande verläuft, weil die Grünen auch stolz sind auf Arbeitsgemeinschaften und Spiegelstriche?Wir arbeiten in der Bundesgeschäftsstelle und mit den Landesverbänden daran, neue Beteiligungsangebote in die Fläche zu bringen, die nicht auf interner Debatte, sondern auf praktischer Arbeit beruhen. Und genau deshalb schlage ich vor, dass wir mehr vermeintlich unpolitische Angebote setzen: Laufgruppen, gemeinsames Grillen oder Eisessen, die Nachbarschaft verschönern, Müll sammeln und danach zusammen etwas trinken. Jeder interne Sitzungsabend ist ein Abend ohne Begegnung mit denen, die wir noch gewinnen wollen.Felix Banaszak Ermittlungen gegen Grünen-Chef wegen Zweitwohnsitzsteuer Die Grünen sollen weniger Debattierklub sein?Debattieren gehört dazu, und an offener und grundsätzlicher Debatte braucht es eher mehr. Aber ja: Die Grünen müssen mehr Heimat und weniger Stuhlkreis sein, wenn wir der autoritären Gefahr etwas entgegensetzen wollen.Dieser Satz hätte auch von Ihrem Parteikollegen Cem Özdemir, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, kommen können, von dem Ihr linker Parteiflügel kein großer Fan ist. Riskieren Sie mit Ihren Vorschlägen nicht massiven Widerstand aus den eigenen Reihen?Mir geht es nicht um Provokation um der Provokation willen. Im linken Teil der Partei ist der Antrieb doch nicht weniger groß, den Faschismus aufzuhalten. Wenn wir dieses Ziel ernst meinen, müssen wir uns fragen: Reicht die bisherige politische Praxis oder ist jetzt der Moment, sich weiterzuentwickeln? Der Kampf um die Demokratie ist der Kampf um die Eckkneipe, und er ist ein Kampf gegen die Zeit. Da darf es nicht um Traditionspflege gehen.Banaszak in seiner Duisburger Heimat: Im Stadtteil Marxloh spricht er mit Bürgerin. Foto: Gerd Wallhorn / FUNKE Foto Services (Imago)Besonders sichtbar wird die spezielle Struktur der Grünen bei den Parteitagen: Wer 50 Unterstützer findet, kann einen Antrag einreichen, was regelmäßig zu Hunderten Anträgen und endlosen Verhandlungen führt …… und oft weiß kaum noch einer, worüber dann abgestimmt wird.Mit der Satzungsänderung wird diese Grenze jetzt auf rund 100 Unterstützer angehoben. Wird das etwas ändern?Wer es nicht schafft, jeweils 50 Männer und Frauen von 183.000 Mitgliedern von seiner Idee zu überzeugen, wird vermutlich auch keine Mehrheit auf einem Parteitag dafür gewinnen. Was mir viel wichtiger ist: Mitmachen kann nicht nur heißen, Anträge zu schreiben, zu verhandeln und an Nebensätzen zu schrauben. Das dauert Stunde um Stunde und draußen bekommt niemand etwas davon mit.Heißt?Warum nutzen wir die eingesparte Zeit auf Parteitagen nicht, um uns zu öffnen, zum Beispiel indem wir Bürgerinnen und Bürger ohne Parteibuch einladen, zu uns zu reden? Beteiligung an Kampagnen, Vernetzung mit der Zivilgesellschaft, Organisation von Aktionen und Events bringen am Ende oft mehr Wirksamkeit. Verwandte Themen Felix BanaszakCem ÖzdemirDeutschland