Es sah in der Nacht auf Sonntag lange nicht gut aus für das Team der Demokratischen Republik Kongo. Ein Sieg musste her im letzten WM-Gruppenspiel gegen das bislang punktlose Usbekistan. Doch das Team aus Zentralafrika geriet in Rückstand und lief lange scheinbar vergeblich gegen das Abwehrbollwerk des Gegners an.Doch dann: Yoane Wissa, angestellt beim Premier-League-Klub Newcastle United, traf per Elfmeter zum Ausgleich. Fiston Mayele legte das 2:1 nach, und noch einmal Wissa vollendete mit einem feinen Schuss zum 3:1. In Kinshasa wurde die Nacht zum Tag gemacht. Tausende Fans strömten jubelnd und tanzend auf die Straßen der Hauptstadt des zentralafrikanischen Staates, um den ersten WM-Sieg ihrer Fußballer zu feiern.52 Jahre nach dem ersten WM-Gastspiel der Demokratischen Republik Kongo – damals noch unter dem Namen Zaire – hat sich das riesige Land aus dem Herzen des Kontinents einen Traum erfüllt: die K.-o.-Runde bei einer WM. Im Sechzehntelfinale geht es an diesem Mittwoch gegen England. Nicht auszudenken, was in dem 110-Millionen-Einwohner-Staat abgehen wird, sollten die „Leoparden“, wie sie genannt werden, auch noch dieses Match gewinnen.Eine Würdigung von Patrice LumumbaEs wäre ein Statement auf der Landkarte des internationalen Fußballs, auf der der Kongo den meisten aktuell eher wegen eines besonderen Fans bekannt ist: Michel Nkuka Mboladinga verharrt bei Spielen seines Heimatlandes 90 Minuten lang in der gleichen Pose. Er trägt eine rote Hose, ein gelbes Sakko und eine türkisfarbene Krawatte. Sein rechter Arm ist im rechten Winkel in den Himmel gestreckt, die Hand offen. So steht er im Fanblock der Kongolesen und ragt aus der Masse heraus. Mit seiner Pose will Michel Nkuka Mboladinga den Nationalhelden Patrice Lumumba würdigen.In Erinnerung an Lumumba: Mboladinga mit einer seiner Gesten bei einem Kongo-Spiel.dpaDer Freiheitskämpfer war an der Unabhängigkeit des Kongos von der Kolonialmacht Belgien beteiligt. Das Volk wählte Lumumba 1960 zum ersten Ministerpräsidenten des Landes. 1961 wurde er ermordet. Beim zweiten Gruppenspiel der WM 2026 war Mboladinga in Mexiko vor Ort – seine Anreise hatte sich verzögert, weil er wegen des Ebola-Ausbruchs in seinem Heimatland in Quarantäne musste.Beim Spiel gegen die Usbeken musste das Team der DR Kongo wieder ohne seinen Edelfan auskommen. Mboladinga hatte für das Spiel in Atlanta von den USA offenbar keine Einreisegenehmigung bekommen. Das Sechzehntelfinale gegen England wird abermals in Atlanta stattfinden. Mit oder ohne Mboladinga?Die Bevölkerung lebt in ArmutDie Demokratische Republik Kongo ist ein „Big Player“ in Afrika: flächenmäßig nach Algerien der zweitgrößte Staat des Kontinents, nach Einwohnern der viertgrößte. Und sie ist reich. Gesegnet mit riesigen Vorkommen an für den Weltmarkt attraktiven Rohstoffen, fließen Milliarden ins Land. Nur kommen sie selten dort an, wo sie eigentlich hingehören. Ein Großteil der Bevölkerung lebt in Armut. Allgegenwärtige Korruption, unzuverlässige politische Eliten und ein seit Langem schwelender Bürgerkrieg im Nordosten des Landes blockieren positive Entwicklungen. Auch im Fußball.„Wir brauchen dringend den Aufbau von professionelleren Fußballstrukturen in unserem Land“, sagt Michél Mazingu-Dinzey. Der 53 Jahre alte gebürtige Berliner war Profi in Deutschland, bestritt einst über 30 Länderspiele für das Heimatland seines Vaters. Für ein knappes Jahr war er ab 2022 Nationaltrainer der kongolesischen U20-Nationalmannschaft. Gerade in der Nachwuchsarbeit stehe das Land quasi auf dem Nullpunkt, findet er: „Es gibt in Kongo vermutlich Tausende Fußballtalente – allein: Sie werden nicht erkannt, weil es keinerlei Scoutingsystem gibt. Wir haben im Kongo noch nicht einmal ein Ligensystem für die Jugend, geschweige denn so etwas wie Leistungszentren oder eine systematische Trainerausbildung.“Mit TP Mazembe und AS Vita sammeln zwar zwei Vereine des Landes immer mal wieder Erfolge auf internationaler Klubebene, doch sie sind in der Hand privater Gönner und die Ausnahmen. „Einem Großteil der Klubs der ersten Liga fehlt es an grundsätzlicher Infrastruktur, in der zweiten Liga ist es noch drastischer. Dort wird quasi auf Bolzplätzen trainiert. Da ist es kein Wunder, dass es für jeden talentierten Fußballer das erste und einzige Ziel ist, das Land zu verlassen“, sagt Dinzey.Kein einziger Spieler aus der nationalen LigaWenig verwunderlich, dass Nationalcoach Sébastien Desabre – seit 2022 im Amt – für die WM keinen einzigen Spieler aus der nationalen Liga nominiert hat. Der Neunundvierzigjährige hat schon zahlreiche Trainerstationen in Afrika hinter sich, war Klubtrainer in der Elfenbeinküste, Kamerun, Tunesien, Angola, Marokko und Ägypten, ehe er 2017 in Uganda erstmals Nationaltrainer wurde.Nationaltrainer Sébastien DesabreReutersDer Franzose hat bei seinem Amtsantritt die Verhältnisse im Land durchaus deutlich kritisiert. Und er machte dem Verband rasch klar, dass er mit seinem Trainerteam auf der „Insel Nationalmannschaft“ möglichst autark arbeiten möchte. „Wir haben die Strukturen rund um die Nationalmannschaft verbessert, klare Regeln eingeführt und Disziplin etabliert. Gleichzeitig bieten wir den Spielern ein Umfeld, das sie aus ihren Vereinen kennen. Heute ist die Organisation auf sehr hohem Niveau, und das spiegelt sich auf dem Platz wider“, findet Desabre.Der Coach, der mit seinem Team beim Afrika-Cup 2025 in Marokko im Achtelfinale unglücklich mit 0:1 nach Verlängerung gegen Algerien die Segel streichen musste, setzt auf eine stabile Verteidigung und Erfahrung. Die wichtigsten Spieler der Mannschaft – Angreifer Cédric Bakambu (35 Jahre alt) von Betis Sevilla und Innenverteidiger Chancel Mbemba (31) von OSC Lille – sind schon lange dabei. Wie der Großteil der Mannschaft, deren größter Trumpf ihr Zusammenhalt ist.„Das Team hat einen riesigen Spirit. Sie kennen sich untereinander schon lange, sind diszipliniert und spielen ein Mann-gegen-Mann-System, das für jeden Gegner unangenehm ist“, glaubt Dinzey. Die Partie gegen England wird eine große Herausforderung, die das Desabre-Team aber mit viel Selbstvertrauen angehen kann. „Mein Team hat unter großem Druck beeindruckende Resilienz gezeigt. Wir sind bereit für England“, hat der Trainer nach dem Usbekistan-Spiel gesagt. Auf England wird ein unangenehm zu bespielender Gegner zukommen.
Fußball-WM 2026: Wie der Kongo England schlagen will
Korruption, Bürgerkrieg, fehlende Nachwuchsstrukturen: Der Kongo ist ein Land mit vielen Problemen. Das Nationalteam hat dennoch die WM-Gruppenphase überstanden. Bringt es nun auch England zu Fall?












