Für das Team der Demokratischen Republik Kongo war die Ausgangslage vorm letzten Gruppenspiel klar: Ein Sieg gegen die noch punktlosen Usbeken musste her, um sich als einer der besten acht Gruppendritten für das Sechzehntelfinale zu qualifizieren. Das schien im Bereich des Möglichen, die Mannschaft von Coach Sébastien Desabre hatte schließlich schon beim 1:1 gegen Portugal bewiesen, wozu sie fähig ist.Allerdings musste sie auf ihren Superfan verzichten, der es bei dieser WM zu gewisser Berühmtheit gebracht hat: Michel Nkuka Mboladinga steht üblicherweise in der Pose des früheren Premierministers Patrice Lumumba im Fanblock der Kongolesen, um an diesen Freiheitskämpfer und früh ermordeten Nationalhelden zu erinnern. Lumumba Vea nennt er sich. Zum Gruppenspiel gegen Kolumbien (0:1) in Mexiko konnte er einreisen, die USA erteilten ihm dagegen für das Usbekistan-Match in Atlanta offenbar kein Visum und werden noch erklären müssen, warum.Denn die Kongolesen sind noch im Turnier. Auch ohne die moralische Unterstützung von Lumumba Vea hat die Mannschaft durch ein 3:1 gegen die Usbeken die nächste Runde erreicht. Früh gerieten sie in Rückstand durch einen Kunst-Lupfer von Eldor Shomurodov, kurz danach traf Nathanael Mbuku zum 1:1, hatte aber auf dem Weg zum Tor einen Gegenspieler mit der Hand im Gesicht getroffen. Der VAR wurde aktiv, Schiedsrichter Felix Zwayer nahm den Treffer zurück. Es sah nicht gut aus für das Team aus Zentralafrika.Im mexikanischen Zapopan war Michel Nkuka Mboladinga noch dabei. Nach Atlanta durfte er offenbar nicht. David Ramos/Getty ImagesIn der zweiten Halbzeit änderte sich die Lage, die Mannschaft stellte ihre Resilienz unter Beweis, nicht zum ersten Mal. Coach Desabre sagte nach dem Spiel: „Wie zuletzt gegen Portugal oder auch gegen Nigeria in der Qualifikationsphase haben wir uns wieder aufgerappelt und viel Selbstaufopferung und Motivation gezeigt.“ Yoane Wissa, angestellt beim Premier-League-Klub Newcastle United, traf per Elfmeter zum Ausgleich. Die DR Kongo hielt den Druck hoch, Fiston Mayele legte das 2:1 nach und nochmal Yoane Wissa vollendete mit einem feinen Schuss zum 3:1. Im Sechzehntelfinale geht es am 1. Juli gegen England, wieder im Stadion von Atlanta.„Der Sieg bedeutet dem Land viel“, sagte Desabre: „Wir haben ein gutes Bild vom Kongo vermittelt.“ Das war, bei der ersten WM-Teilnahme 1974 in Deutschland, nicht so gewesen. Zaire hieß das Land damals noch, lebte unter der Gewaltherrschaft des Diktators Mobutu Sese Seko. Alle drei Spiele haben sie verloren, bei einer Tordifferenz von 0:14. Nur die Klamotten sahen klasse aus. Die Mannschaft wurde verspottet, manche Kommentare waren rassistisch unterlegt. Die BBC fasste die Lage Jahrzehnte später entsprechend zusammen: „Es war eine Weltmeisterschaft, die Fans des afrikanischen Fußballs lieber vergessen möchten.“ Leicht gesagt. Gleich die erste Frage in der Pressekonferenz nach dem Sieg gegen Usbekistan galt der WM 74: die drei Niederlagen, darunter das 0:9 gegen Jugoslawien.52 Jahre danach hatten sie endlich die Gelegenheit dazu, die Geschehnisse von damals zu überschreiben. Die Spieler der DR Kongo haben diese Gelegenheit wahrgenommen, und es ist eigentlich egal, was sie jetzt noch gegen England ausrichten. Sie können frei drauflosspielen, das macht sie noch gefährlicher. Sie sind ein Gewinner dieser Weltmeisterschaft.
WM 2026: Die DR Kongo überschreibt die eigene WM-Geschichte
Bei der WM 1974 in Deutschland schied das damalige Zaire mit 0:14-Toren aus und wurde teilweise verspottet. Nun zieht die DR Kongo ins Sechzehntelfinale gegen England ein – auch ohne die Unterstützung ihres Superfans.













