Die Europäische Zentralbank (EZB) erwägt Insidern zufolge, die Mindestreserve für Banken zu verdoppeln, um ihre eigenen Zinsausgaben zu senken. Die Währungshüter debattierten darüber, den Anteil der Kundeneinlagen, den Geldhäuser unverzinst bei der Notenbank parken müssen, von ein auf zwei Prozent ⁠zu erhöhen, sagten Insider der Nachrichtenagentur Reuters. Der EZB-Rat habe den Vorschlag zwar noch nicht offiziell diskutiert. ‌Eine Entscheidung werde aber bis zum Herbst erwartet. Ein Sprecher der Notenbank lehnte ‌eine Stellungnahme ab. Ein Notenbanker bestätigte der SZ, es handele sich nicht um eine geldpolitische Maßnahme. Es gehe vielmehr darum, die unverhofften Gewinne des Bankensektors zu beschneiden.Banken müssen einen kleinen Teil ihrer Einlagen als Mindestreserve bei der Notenbank halten. Alles, was darüber hinaus auf Konten bei der Zentralbank liegt, sind Überschussreserven, die verzinst werden. Je größer die Mindesreserve, desto weniger Zinsen erhalten die Banken. Dass die Notenbanken so hohe Zinsen an die Geschäftsbanken zahlen ist eine ungewollte Folge der lockeren Geldpolitik: Weil die EZB den Geschäftsbanken jahrelang Anleihen abkaufte, landete viel Zentralbankgeld bei den Banken. Auf diese Guthaben zahlt sie heute Zinsen.Ein solcher Schritt würde Notenbanken in Ländern wie Deutschland daher helfen, Verluste zu reduzieren, die durch diese Zinszahlungen entstehen. Allen voran deutsche Geschäftsbanken halten auf ihre EZB-Konten vergleichsweise hohe Geldbeträge, die von der Notenbank mit dem Einlagensatz von 2,25 Prozent verzinst werden. Die Bundesbank musste aufgrund der Zinszahlungen auch 2025 einen Milliardenverlust ausweisen, insgesamt 8,6 Milliarden Euro. Es war nach dem Verlust von 19,2 Milliarden Euro im Jahr 2024 der zweithöchste Fehlbetrag in der Geschichte der Notenbank. Hohe Verluste der Zentralbanken sind politisch heikel, da eine Notenbank dann weniger an den Staatshaushalt ausschütten kann.Zugleich haben die Notenbanken durch diese Zinszahlungen notgedrungen den europäischen Bankensektor subventioniert, was sich wohl auch in steigenden Aktienkursen und hohen Ausschüttungen an Bank-Aktionäre niederschlug. Ursache für diese risikolosen Gewinne ist ausgerechnet die jahrelang „expansive“ Geldpolitik: Um eine Deflation zu verhindern – aber wohl auch, um durch Zinssenkungen verschuldeten Staaten zu helfen –hat die EZB den Geschäftsbanken seit der Ära von EZB-Chef Mario Draghi Staatsanleihen in Billionenhöhe abgekauft und ihnen den Gegenwert auf den Zentralbankkonten der Banken gutgeschrieben. Dadurch haben die Geschäftsbanken riesige Überschussreserven angehäuft. Gebeten haben die Banken darum nicht. Aber für Deutschland heißt das: Die Bundesbank hält dadurch immer noch Bundesanleihen im Wert von rund 790 Milliarden Euro und die deutschen Banken nach wie vor hohe Überschussreserven, die verzinst werden. Beim aktuellen Einlagenzins von 2,25 Prozent entspricht das rund 20 Milliarden Euro pro Jahr. Zeitweise war es sogar doppelt so viel, weil Überschussreserven und Einlagenzins noch höher waren.Es gab immer wieder Kritik, die EZB „bereichere“ die BankenBeim Bankenverband bringt man sich daher schon in Stellung: Eine Erhöhung der Mindestrestreserve binde zusätzlich Liquidität, schwäche die Ertragskraft der Institute und verringert ihren Spielraum für Investitionen und Kreditvergabe. Tatsächlich haben die Banken zuletzt massiv proftiert: In der Eurozone waren die Überschussreserven durch die Anleihekaufprogramme des vergangenen Jahrzehnts auf rund 2,1 Billionen Euro gewachsen. Aktuell zahlen die EZB und die 21 nationalen Zentralbanken auf diese Überschussliquidität jährlich 48,7 Milliarden Euro Zinsen an die Geschäftsbanken. Eine Verdopplung der Mindestreserve würde diese Zinslast nun um fast vier Milliarden Euro senken.Weil die EZB keine Staatsanleihen mehr kauft, ist diese zu verzinsende Überschussliquidität bei den Banken inzwischen immerhin etwas abgeschmolzen. „Die Überschussreserve ist durch die Nicht-Wiederanlage fällig gewordener Anleihen um gut 2500 Milliarden Euro gefallen. Das ist ein Rückgang um mehr als 50 Prozent“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Eine Verdoppelung des Mindestreservesatzes würde die Überschussreserven der Banken um weitere 174 Milliarden Euro senken, so Krämer.Die Transferzahlungen an die Banken brachten der EZB auch immer wieder Kritik ein, zum Beispiel vom bankenkritischen Verein Finanzwende oder dem Ökonom Paul De Grauwe. Noch dazu sind diese Zinszahlungen auf die Überschüsse ungleich verteilt, weil die Notenbanken die Anleihen vor allem den großen Instituten abgekauft haben. Eine Erhöhung der Mindestreserve würde daher alle Banken treffen auch jene, die mangels Überschussreserven kaum von den hohen Zinszahlungen profitieren.