Seit 2019 leitet Heyo Kroemer die Berliner Charité, Europas größtes Universitätsklinikum. Während der Corona-Pandemie führte er Deutschlands bekannteste Klinik durch ihre größte Belastungsprobe der Nachkriegszeit.WELT: Herr Kroemer, Corona hat gezeigt, wie verletzlich das deutsche Gesundheitssystem ist. Berlin ist als Hauptstadt mit Verfassungsorganen besonders exponiert. Ist die Gesundheitsversorgung ausreichend geschützt?Heyo Kroemer: Bei der Sicherheit im Gesundheitsbereich hat Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr deutliche Defizite. Wenn das System von außen unter Druck gerät – durch militärische Auseinandersetzungen, Terroranschläge oder andere Ereignisse –, müssen zwei Dinge gleichzeitig funktionieren: Die Bevölkerung muss weiter medizinisch versorgt werden, bei Geburten, Herzinfarkten, Schlaganfällen und all dem, was täglich im Krankenhaus nicht verschiebbar ist. Und zusätzlich können plötzlich viele Patienten durch eines der genannten Ereignisse hinzukommen. Diese Kombination wird in anderen Ländern über ein Health Security System gewährleistet. So etwas haben wir in Deutschland bisher nicht. Es braucht ein gutes Lagebild, eine verantwortliche Stelle, die dieses Lagebild führt, und die Fähigkeit, Ressourcen entsprechend zu steuern. Im Ausland wird dafür oft eine große Klinik betraut, meist in der Hauptstadt. Beispiele sind das Karolinska-Hospital in Schweden oder das Rigshospitalet in Kopenhagen.WELT: Und das wäre dann in Berlin die Charité?Kroemer: Das müssen die politisch Verantwortlichen entscheiden. In der Covid-Pandemie wurden sehr schnell sehr viele schwerstkranke Covid-Patienten aus Berlin und Umgebung in der Charité zentriert. Ein Oberarzt von uns konnte zudem auch die Intensivbetten der anderen Häuser mit koordinieren. In der Pandemie gab es einmal eine sehr klare Struktur für solche Fälle. Danach ist das nicht weitergeführt worden.WELT: Was könnte die Charité konkret leisten? Warum wäre sie geeignet?Kroemer: Wir könnten eine nationale Struktur dafür aufbauen und koordinieren. Wir haben bei uns bereits Mitarbeitende, die sich organisatorisch mit solchen Fragen befassen. Wir haben eine hohe Bettenkapazität, decken alle Fachrichtungen auf hohem Niveau ab und verfügen über besondere Einrichtungen, die anderswo nicht verfügbar sind. Das hat man etwa bei der Versorgung des an Ebola erkrankten Arztes vor einigen Wochen gesehen. Es gibt also besondere Fähigkeiten für eine solche Aufgabe.WELT: Nehmen wir ein konkretes Ereignis: einen Terroranschlag, eine Pandemie oder eine andere Großlage. Was würde dann in der Charité passieren?Kroemer: Bei einem Ereignis wie dem Terroranschlag am Breitscheidplatz mit mehreren Schwerverletzten käme Berlin relativ gut zurecht. Die unmittelbare Response durch die Feuerwehr ist geregelt. Problematischer wird es bei ungewöhnlicheren Lagen, etwa Terroranschlägen mit Radioaktivität oder giftigen Substanzen. Solche Fälle sind wesentlich komplexer, dafür gibt es nur sehr limitierte Kapazitäten und Expertise. Wenn man so etwas beherrschen will, muss man es regelmäßig üben. Vorher muss zudem festgelegt sein, wer in einem solchen Fall welche Verantwortlichkeit und Zuständigkeit hat. Bei einer Einbeziehung in eine militärische Auseinandersetzung, von der wir alle hoffen, dass sie nicht stattfindet, bräuchte es eine sehr enge Kooperation mit der Bundeswehr. Wir arbeiten mit dem Bundeswehrkrankenhaus intensiv zusammen. Aber auf übergeordneten Entscheidungsebenen müsste detaillierter festgelegt sein, was wann passiert. Wenn etwas passiert und man dann erst anfängt zu überlegen, ist das schlecht.WELT: Andere Länder sind da weiter?Kroemer: In Nordeuropa ist Gesundheitssicherheit Teil der Zivilverteidigung. Finnland etwa ist exzellent aufgestellt, Schweden und Dänemark ebenfalls. Dänemark ist in mancher Hinsicht ähnlich föderal strukturiert wie wir, hat das aber sehr klar geregelt. Auch Israel ist wegen der anhaltenden konfliktbehafteten Auseinandersetzungen sehr gut aufgestellt. Selbst die USA haben ein vollständiges Gesundheitssicherheitssystem mit Bewertungen, wie gut einzelne Kreise vorbereitet sind. Bei uns gibt es diesbezüglich bisher sehr wenig.WELT: Sie haben ja sicherlich schon mit Politikern über Ihre Idee gesprochen. Wie ist da die Resonanz?Kroemer: Wir werben seit geraumer Zeit dafür. Alle Gesprächspartner sehen die Notwendigkeit ebenfalls. Am Ende geht es dann aber immer darum, wer zuständig ist. WELT: Woran scheitert es? Auch am Geld?Kroemer: Wenn man so etwas aufbauen wollte, bräuchte man einige qualifizierte Mitarbeitende und bestimmte Technologie. Die Startkosten wären im Verhältnis absolut überschaubar, vielleicht 20 Millionen Euro im Jahr. Im Verhältnis zu dem, was derzeit für Verteidigung ausgegeben wird – wenn man Gesundheitssicherheit als Zivilverteidigung betrachtet –, ist das wenig. Ich glaube, wenn man in Berlin damit anfangen würde, kämen sehr schnell auch andere Bundesländer auf die Idee, etwas Ähnliches aufzubauen. Man würde also nicht nur in Berlin als Bundeshauptstadt investieren, sondern ein Beispiel für die Republik setzen.WELT: Könnte nicht die Bundeswehr in einem Spannungs- oder Verteidigungsfall die medizinische Koordination übernehmen?Kroemer: Das ist nicht ihre Aufgabe. Wenn der Verteidigungsfall eintritt, sind in den Bundeswehrkrankenhäusern praktisch keine Ärzte mehr, weil sie einsatznah gebraucht werden. Außerdem hat das Bundeswehrkrankenhaus nur eine überschaubare Kapazität. Handhabbar wäre eine solche Lage nur in enger Abstimmung mit den zivilen Krankenhäusern. Auf Berlin geschaut: Die Charité hat 3300 Betten, Vivantes insgesamt mehr als 5000. Man kommt nicht darum herum, mit der zivilen Krankenhausseite zu arbeiten und das von vornherein zu planen. Die Frage ist: Wer macht das eigentlich? Wie funktioniert die Interaktion? Genau das ist nicht festgelegt. Sie müssen Zuständigkeiten festlegen, mit allen Beteiligten regelmäßig Trainings durchführen und Ablaufstrukturen entwickeln – damit es im Ernstfall auch klappt.WELT: Ihr Appell lautet also: Sicherheit nicht nur militärisch denken, sondern auch zivil – und dabei die Gesundheitsversorgung stärker einbeziehen?Kroemer: Genau. Die militärische Seite wird intensiv diskutiert, das ist auch richtig. Innerhalb der zivilen Sicherheit ist der Gesundheitsteil bisher aber nicht wirklich betrachtet. Für das THW wird jetzt viel möglich gemacht, auch das ist richtig. Aber wie das Gesundheitssystem unter äußerer Anspannung funktionieren soll, ist bisher nicht geplant.WELT: Warum hat Deutschland also nicht aus der Corona-Pandemie gelernt?Kroemer: Das war ein akutes Ereignis mit anfänglich vielen Überforderungssituationen. Wir haben damals die gesamte Charité auf die Pandemiebewältigung umgestellt, darunter leiden wir wirtschaftlich bis heute. Auch personell und materiell haben wir uns sehr verausgabt und sind an die Grenzen gegangen. Aber dadurch wurden die schwerstkranken Patienten hier zentriert. Ich glaube, das hat vielen Menschen das Leben gerettet. Danach klang die Aufmerksamkeit schnell wieder ab. Dabei war diese Phase genau eine Herausforderung der Gesundheitssicherheit: Corona-Patienten belegten Betten, andere konnten nicht behandelt werden. Daraus eine allgemeine Lehre zu ziehen, ist in unserem System extrem schwierig.WELT: Warum?Kroemer: Die Herausforderungen kommen alle gleichzeitig. Der Wohlstand schrumpft, globale Konflikte spielen auch bei uns eine Rolle, die Rente ist nicht mehr sicher und die Krankenhäuser sind in existenzieller Not, um nur einige aktuelle Aufgaben zu nennen. Wir dürfen aber nicht nachlassen und müssen die Probleme gleichzeitig angehen. Jetzt haben wir noch die Gelegenheit, uns vorzubereiten – und wir haben keine Zeit zu verlieren.Am 2. Juli beraten beim zweiten WELT-Sicherheitsgipfel im Berliner Axel-Springer-Haus führende Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und dem Sicherheitssektor über die Zukunft Europas in einer sich wandelnden Welt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Sicherheit künftig verstanden und gestaltet werden kann – von militärischer Verteidigungsfähigkeit über Cyber- und Energiesicherheit bis hin zu stabilen Lieferketten und Zivilschutz.Wir sind das WELT-Investigativteam: Sie haben Hinweise für uns? Dann melden Sie sich gerne, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (8SNK792J).