PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungGesundheitswesenDer nächste Blackout kommt bestimmtVon Heyo KroemerVeröffentlicht am 09.01.2026Lesedauer: 4 MinutenDas Bettenhaus der Berliner Charité in MitteQuelle: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Paul ZinkenDeutschlands Gesundheitssystem ist auf Notfälle und Katastrophen nur ungenügend vorbereitet. Andere Länder im Westen zeigen, wie eine gute Vorsorge aussehen muss – schreibt der Chef der Berliner Charité in einem Gastbeitrag.Das weltweit renommierteste Krankenhaus ist die Mayo Clinic in Rochester, Minnesota. Menschen aus allen Teilen der Welt suchen dort Hilfe. An einer Wand der Klinik steht ein Satz ihres Gründers William J. Mayo: „The greatest asset of a nation is the health of its people“ (Das größte Kapital einer Nation ist die Gesundheit ihrer Bevölkerung). Kaum ein Zitat bringt präziser auf den Punkt, was in Deutschland breite Zustimmung findet: Für die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ist Gesundheit das höchste Gut. Rund zwölf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung entfallen hierzulande auf den Gesundheitssektor. Gesundheit ist damit zugleich gesellschaftliche Grundlage und ökonomischer Faktor ersten Ranges.Wenn das höchste Gut eines Landes die Gesundheit seiner Bevölkerung ist, dann muss das Gesundheitssystem auch unter außergewöhnlichen Belastungen verlässlich funktionieren. Genau hier setzt das Konzept von Health Security, der Gesundheitssicherheit, an. Es geht um nicht weniger als die Sicherung staatlicher Handlungsfähigkeit in Zeiten gesundheitlicher Ausnahmelagen – oder umgekehrt: die Sicherung der Gesundheitsversorgung in außergewöhnlichen Krisen. Denn jede größere Krise, ob Naturkatastrophe, Pandemie, Großschadenslage oder geopolitische Eskalation, trifft früher oder später das Gesundheitssystem und macht es damit zu einem zentralen Element nationaler Sicherheit. Die Geschehnisse in Berlin in den letzten Tagen haben uns diese Problematik intensiv vor Augen geführt: Der lang anhaltende, großflächige Stromausfall als Folge eines Anschlags hat diesmal nur wenige Krankenhäuser getroffen, die am Netz bleiben konnten. Ein noch größerer Ausfall hätte gravierende Konsequenzen.Health Security umfasst die Gesamtheit von Fähigkeiten, Ressourcen, Strukturen und Prozessen, die es einer Gesellschaft ermöglichen, gravierende gesundheitliche Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, ihre Folgen zu begrenzen und auch unter Krisenbedingungen eine kontinuierliche, bedarfsgerechte Versorgung sicherzustellen. Ein überlastetes oder fragmentiertes Gesundheitssystem wird im Ernstfall zur Schwachstelle für den Schutz der Bevölkerung und damit letztlich zum Risiko für die Stabilität des Staates.Die Bandbreite möglicher Bedrohungen ist groß: Sie reicht von Epidemien und Pandemien über hybride Bedrohungen und terroristische Angriffe, einschließlich biologischer, chemischer, radiologischer oder nuklearer Gefahren (CBRN), bis hin zu den Folgen militärischer Konflikte – mit erheblichen Auswirkungen auf das Gesundheitssystem. Hinzu kommen Sabotageakte, Cyberangriffe auf kritische Gesundheitsinfrastrukturen sowie die wachsenden Gesundheitsrisiken des Klimawandels. Zwar ist das Risiko dieser Szenarien in den vergangenen Jahren gestiegen, jedoch bleiben Zeitpunkt, Ort und Ausmaß solcher Lagen nur begrenzt vorhersehbar. Umso wichtiger sind vorausschauende Planung, regelmäßige Übungen und belastbare Strukturen.Zentraler Akteur ist dabei die Bevölkerung selbst: Sie ist zugleich betroffen und Teil der Bewältigung. Prävention, Vorbereitung, Frühwarnsysteme, klare Zuständigkeiten, sektorübergreifende Koordination und eine evidenzbasierte Risiko- und Krisenkommunikation sind deshalb unverzichtbare Voraussetzungen für eine effektive Bewältigung von Gesundheitskrisen. Health Security erfordert daher ein abgestimmtes Zusammenspiel von zivilem und militärischem Gesundheitswesen, Sicherheitsbehörden, Katastrophenschutz, Wissenschaft sowie öffentlichen und privaten Institutionen. Genau hier offenbaren sich in Deutschland erhebliche Defizite. Leistungsfähige und resiliente Gesundheitssysteme bilden die Basis für eine wirksame Gesundheitssicherheit. Ihre Belastbarkeit entscheidet darüber, ob Gesellschaften Krisen bewältigen oder destabilisiert werden. Voraussetzung sind ausreichend qualifiziertes Personal, eine moderne Infrastruktur, stabile Lieferketten für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie digitale Melde- und Frühwarnsysteme und systematische Echtzeitlagebilder über verfügbare Ressourcen. Ohne diese Grundlagen bleibt Health Security ein Schlagwort ohne Substanz.Lesen Sie auchInternational hat sich Health Security in den vergangenen Jahrzehnten von einem Randthema der globalen Gesundheit zu einem festen Bestandteil nationaler Sicherheitsstrategien entwickelt. Spätestens die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, dass Gesundheitskrisen weit über den medizinischen Bereich hinausreichen und Wirtschaft, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Ordnung massiv beeinträchtigen können. Gesundheitspolitik, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, Forschung, Katastrophenschutz sowie Außen- und Entwicklungspolitik sind heute enger denn je miteinander verflochten.Mehrere europäische Staaten haben darauf reagiert. Die skandinavischen Länder verstehen Gesundheitssicherheit als Teil ihrer „Total Defence“. Besonders Finnland gilt als Vorbild: Dort existieren verpflichtende Vorsorgestrukturen für Behörden, Krankenhäuser und Kommunen, regelmäßige Szenario-Übungen und eine umfassende Vorratshaltung an Medikamenten und Material. Schweden, Norwegen und Dänemark verfügen über klar definierte Krankenhäuser als Teil der nationalen Sicherheitsarchitektur, etwa das Karolinska University Hospital in Stockholm, das Rigshospitalet in Kopenhagen oder das Helsinki University Hospital. Außerhalb Europas gelten Israel und die USA als führend in der Gesundheitssicherheit. Letztere haben 2023 eine National Health Security Strategy verabschiedet und messen ihre Vorsorgefähigkeit systematisch mit einem umfassenden Preparedness-Index.Gesundheitssicherheit ist kein LuxusEine nationale Health-Security-Gesamtstrategie existiert in der Bundesrepublik nicht. In Deutschland führen föderale und sektorale Zuständigkeitsgrenzen und die bewusste Trennung von zivilem Gesundheitswesen und Sicherheitsbehörden zu Fragmentierung, Redundanzen und Koordinationsdefiziten. Zuständigkeiten im Krisenfall sind unklar, gemeinsame Übungen finden nur punktuell statt, die strategische Risiko- und Sicherheitskommunikation bleibt schwach. Was es braucht, ist eine klare Verortung der Gesundheitssicherheit im Nationalen Sicherheitsrat, eine bundesweite Gesamtstrategie verbunden mit eindeutigen rechtlichen und organisatorischen Zuständigkeiten sowie wirksamen Koordinationsmechanismen. Deutschland hat in anderen Politikfeldern schmerzlich erfahren, wie teuer und folgenschwer Versäumnisse beim vorausschauenden Handeln sind. Gesundheitssicherheit sollte nicht das nächste Beispiel dafür werden. Sie ist kein Luxus, sondern eine Kernaufgabe moderner Daseinsvorsorge: im Interesse der Bevölkerung, der Wirtschaft und der staatlichen Stabilität. Heyo Kroemer ist Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin.