Das Treffen in der Villa Reitzenstein, dem traditionsreichen Sitz der Landesregierung von Baden-Württemberg mit Blick auf den Stuttgarter Talkessel, war früh und sorgfältig geplant. Denn kaum hatte Cem Özdemir als neuer Ministerpräsident seinen Amtssitz bezogen, da holte ihn die Autokrise ein. Vor drei Wochen empfing er also in der Villa den Audi-Chef Gernot Döllner, um über die Zukunft eines wichtigen Wirtschaftsstandorts im „Ländle“ zu sprechen: Neckarsulm, eine jener deutschen Industriestädte, die stark von einem einzigen Arbeitgeber abhängen – in diesem Fall dem Audi-Werk mit 15.500 Beschäftigten.Schon im Wahlkampf hatte den Grünen-Politiker Özdemir die Sorge umgetrieben, die Krise der Autoindustrie könnte zu einem Flächenbrand werden. Jetzt warnt er: Der „dramatische Umbruch“ der Branche dürfe nicht dazu führen, dass immer mehr Wertschöpfung aus Deutschland abwandere. Immer mehr Wertschöpfung aus Baden-Württemberg, könnte man auch sagen.Rund 360 Kilometer nordöstlich, in Sachsen, bangt ebenfalls ein Standort des Volkswagen-Konzerns um seine Zukunft. Das Werk in Zwickau gehört – wie Neckarsulm – zu den Fabriken, die VW im Zuge neuer Sparpläne infrage stellt. Dort fühlt man sich von den baden-württembergischen Kollegen wenig solidarisch behandelt. Die „Audianer“ im Westen hätten es auf den elektrischen Kompakt-SUV Audi Q4 abgesehen, heißt es immer wieder – eines der letzten Modelle, das Zwickau nach vielen Einschnitten geblieben ist. So ist auch in Sachsen die Politik alarmiert: Ministerpräsident Michael Kretschmer von der CDU hält die VW-Sparpläne für „fatal“.Das Ringen um Kostensenkungen spaltet das LandOst gegen West, Christdemokrat gegen grünen Ministerpräsidenten – und mittendrin die SPD in Niedersachsen, dem Stammland des VW-Konzerns. Das ist die politische Ausgangslage rund eine Woche vor der mit Spannung erwarteten Aufsichtsratssitzung, auf der VW das eigene Zukunftsbild für einen schlankeren und international wettbewerbsfähigeren Automobilkonzern beschließen will.In kaum einem anderen Unternehmen greift die Politik so unmittelbar ins Geschehen ein. Niedersachsen hält 20 Prozent der stimmberechtigten VW-Stammaktien und entsendet zwei Vertreter in den Aufsichtsrat, derzeit Olaf Lies, den SPD-Ministerpräsidenten, und die Kultusministerin, Julia Willie Hamburg von den Grünen. Überall wächst die Angst um die Arbeitsplätze, und jedes Bundesland kämpft für seine eigenen Standorte.Schon vor anderthalb Jahren hatte VW um Kostensenkungen gerungen. Diese neue Sparrunde wird zur Zerreißprobe. Die AfD, die bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September laut Umfragen auf mehr als 40 Prozent kommen könnte, weiß die politische Sprengkraft zu nutzen. Kaum war vergangene Woche bekannt geworden, dass VW bis zu 60.000 weitere Stellen streichen will, warnte AfD-Bundessprecherin Alice Weidel schon vor einer Deindustrialisierung „mit absehbar verheerenden Folgen für Wohlstand, Beschäftigung und finanzpolitische Stabilität“ in Deutschland.Bislang wurde die Schließung größerer Werke hierzulande abgewendet, auch mit Hilfe der Politik in Niedersachsen, die zusammen mit den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat eine mächtige Allianz bilden kann. Das war schon zu Zeiten eines Ferdinand Piëch so, der bei allen Sparanstrengungen immer einen großen Bogen um die heimischen Fabriken gemacht hat. Das Gleiche dann vor anderthalb Jahren: Alle hiesigen Standorte senken ihre Kosten und bleiben erhalten, das war der Kompromiss, mit dem ein im Herbst 2024 ausgebrochener Machtkampf zwischen VW-Management und IG Metall zu Ende gegangen war. Fabriken wurden nur im Ausland dichtgemacht, in China, und auch das Audi-Werk in Brüssel. Jetzt, so das Signal von Vorstandschef Oliver Blume, müssen viel tiefere Einschnitte her.Amerikas Zölle, die Expansion chinesischer Hersteller in Europa und ein stagnierender Weltmarkt sorgen für noch größeren Druck. Gleich vier deutsche Standorte stellt das Management um Blume in Frage; neben Zwickau und Neckarsulm gehören dazu auch die beiden niedersächsischen Standorte Hannover und Emden. Ministerpräsident Lies übt scharfe Kritik: „Das Land Niedersachsen wird keiner Entwicklung zustimmen, die auf Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung setzt oder die bewährte Mitbestimmung infrage stellt.“Lies wehrt sich gegen Pläne für einen rechtlichen Umbau der Unternehmensstruktur. Nach den Vorstellungen des Managements sowie der Familien Porsche und Piëch soll der VW-Konzern zu einer Holding werden, die noch stärker vom operativen Geschäft ihrer Marken getrennt ist, insbesondere von der Stammmarke VW. Damit würden auch die besonderen Mitspracherechte des Landes Niedersachsens zurückgedrängt, die in einem speziellen Gesetz fixiert sind. Ob die Familien sich mit diesen Plänen gegen Lies und die Arbeitnehmervertreter durchsetzen können, ist offen.In den niedersächsischen Fabriken hoffen jedenfalls die VW-Beschäftigten, dass die Staatskanzlei in Hannover ihren Einfluss wahrt und die Standorte im Land erhält. Die IG Metall schließt die Reihe mit der Landesregierung: „Angriffe auf das VW-Gesetz, die Mitbestimmung und unsere Standorte sind unverantwortliche Drohungen“, heißt es von den Arbeitnehmervertretern. „Sollten solche Pläne vorangetrieben werden, würden wir sie mit aller Macht verhindern.“Zu wenige Modelle für zu viele FabrikenDie Schwierigkeiten im Fabriknetz sind indes seit Jahren bekannt. Gerade das Nutzfahrzeugwerk in Hannover, das den T7 Multivan und den elektrischen ID Buzz baut, gilt als teuerster und ineffizientester Standort im ganzen Verbund. Das Werk in Emden, in dem das SUV ID.4 und die Limousine ID.7 von den Bändern rollen, sieht sich dagegen im vorgegebenen Kostenrahmen - und hat damit schon das Misstrauen anderer gefährdeter Standorte auf sich gezogen, die mutmaßen, dass der Standort in Ostfriesland seine Zahlen schönrechnet. In Emden weist man das zurück.Auch das Stammwerk Wolfsburg steht vor einem Umbruch. Wenn im kommenden Jahr der VW Golf nach Mexiko verlagert wird, soll der elektrische ID.3 aus Zwickau einen Teil der Lücke schließen. In Zwickau wiederum verschärft sich dann das Auslastungsproblem: Etwa 8000 Beschäftigte arbeiten dort heute für VW. Bis zum Jahr 2030, so fürchten manche, könnte es nur noch die Hälfte sein. Im Hintergrund laufen Überlegungen, ob neue Modelle aus den chinesischen Partnerschaften des VW-Konzerns in Zwickau gebaut werden könnten. Es ist nur ein Hoffnungswert.HIstorischer Protest: Schon im Jahr 1975 stand das Audi-Werk auf der Kippe. Der „Marsch auf Heilbronn“ ist in die Geschichte eingegangen - am Ende wurde der Standort erhalten.Picture AllianceGleiches Bild in Neckarsulm: Das dortige Audi-Werk sieht sich im Rennen um künftige Fahrzeugmodelle in einer guten Ausgangslage. Zwar ist die Fabrik mit der Produktion der Audi-Modelle A5, A6 und A7 vor allem auf Verbrenner ausgelegt, die bis zum Jahr 2032 gebaut werden sollen. Aber die Elektrifizierung ist schon angestoßen. In dem kleinen Schwesterwerk in Heilbronn, den sogenannten „Böllinger Höfen“, bauen 500 Mitarbeiter seit sechs Jahren elektrische Sportwagen wie den E-tron GT. Und Audi-Chef Döllner will in der Manufaktur, die dem Neckarsulmer Werk zugeordnet ist, das Konzeptfahrzeug „Concept C“ in Serie fertigen lassen - einen elektrischen Zweisitzer, der aufgrund seines Designs wegweisend für Audi sein soll. Das alles, so glauben die Audianer, befähigt sie, demnächst auch den Q4 E-tron aus Zwickau zu bekommen.Im Staatsministerium von Baden-Württemberg stehen die Probleme der Autoindustrie ohnehin ganz oben auf der Agenda. Schon Anfang Juni hatte sich Ministerpräsident Özdemir mit Mercedes-Chef Ola Källenius, Porsche-Chef Michael Leiters und Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström zum Austausch getroffen. Dabei waren zudem die Vorstandschefs der Zulieferer Bosch, ZF und Mahle, Stefan Hartung, Mathias Miedreich und Arndt Franz.Audi-Chef Döllner hatte einen Einzeltermin. Mit ihm traf sich Özdemir vor drei Wochen im Eckzimmer der Villa Reitzenstein. Offiziell verlautete nichts, aber Thema war natürlich der Sanierungsplan im VW-Konzern – und wie dieser den Traditionsstandort Neckarsulm gefährden könnte. Özdemirs Hoffnung: Die hohe Kompetenz des Werks in neuen Technologien und die enge Verzahnung mit dem Ökosystem Heilbronn, dem dort entstehenden Innovationspark rund um Künstliche Intelligenz.Der Betriebsratsvorsitzende von Audi, Jörg Schlagbauer, zieht schon eine große historische Linie - und erinnert in einem Video auf Linkedin an den „Marsch auf Heilbronn“, die Nachbarstadt wenige Kilometer südlich von Neckarsulm. Damals, im Jahr 1975, wollte der VW-Konzern ebenfalls drastische Einsparungen durchsetzen. Rund 7000 Audi-Beschäftigte protestierten für den Erhalt ihres Werks. Tatsächlich wurde die Schließung in Neckarsulm abgewendet. Schlagbauer setzt auf die Solidarität der Belegschaft am Audi-Stammsitz: „Wir stehen in Ingolstadt bereit, wenn es drauf ankommt, diesmal mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Neckarsulm gemeinsam nach Heilbronn zu marschieren.“Entscheidend sind die Fabrikkosten, und zumindest für die betroffenen Werke mit dem VW-Logo an der Fassade gilt ein Stichtag. Bis Ende des Jahres, so sieht es eine Vereinbarung aus dem Tarifstreit vor anderthalb Jahren vor, müssen die Standorte bestimmte Kostenziele erreichen, sonst behält sich das Management vor, dort nicht mehr zu investieren.Auf der Kapitalseite des Aufsichtsrats wird betont, man wolle in keiner Hinsicht vertragsbrüchig werden und halte sich an alle Vereinbarungen. An manchem Standort wird dagegen schon befürchtet, dass sich die Belegschaft strecken kann, wie sie will - am Ende werde das Management trotzdem Schließungspläne vorantreiben. Nach der Aufsichtsratssitzung kommende Woche könnte der Kampf dann erst richtig losgehen.F.A.Z.