PfadnavigationHomePanoramaSechs Tote in StadePatentante soll vor Bluttat 20-seitiges Schreiben an Medien verschickt habenStand: 11:41 UhrLesedauer: 4 MinutenSeyran Ateş spricht über patriarchale Strukturen und mangelnde Integration bei bestimmten Migrantengruppen nach der Bluttat von Stade, bei der sechs Menschen nahezu hingerichtet wurden. „Ein gewisser Prozentsatz wird sich nie in unsere Gesellschaft integrieren.“Wenige Tage vor der Bluttat in Stade versuchte die Fahrerin des Fluchtwagens offenbar, den Sorgerechtsstreit mit dem Jugendamt öffentlich zu machen. Ein Schreiben zeigt, wie stark die 65-Jährige offenbar involviert war.Nach der Bluttat von Stade in einem Mutter-Kind-Heim mit sechs Toten rückt auch die Frau in den Fokus, die den Fluchtwagen des Tatverdächtigen gefahren haben soll. Nach Angaben der Ermittler saß die 65-Jährige am Steuer eines Mercedes, mit dem der 45-Jährige nach den Schüssen auf Mitarbeiter der Einrichtung flüchtete. Die Polizei stoppte das Fahrzeug später mit Schüssen auf die Reifen, die Fahrerin wurde vorläufig festgenommen. Nach Recherchen der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ (HAZ) soll es sich um die Patentante der wenige Monate alten Tochter des Verdächtigen Fatih Khan G. handeln. Die 65-Jährige ist offenbar stark in den Konflikt der Eltern wegen ihrer Tochter mit dem Jugendamt involviert. Wie die „HAZ“ berichtet, verschickte sie am Freitag, dem 26. Juni, ein 20-seitiges Dokument an mehrere Medien, um so den Fall öffentlich zu machen. Das Schreiben soll den Titel „Chronologie eines Albtraums – Der Fall B.“ tragen und sei auffällig juristisch firm gewesen, schreibt die Zeitung. Das könnte auch mit dem beruflichen Hintergrund der Frau zusammenhängen: Nach Recherchen der „HAZ“ arbeitet sie für eine Lobbyorganisation, die binationale Ehepaare berät und sich selbst als „Schnittstelle von Familien-, Bildungs- und Migrationspolitik“ versteht.Lesen Sie auchIn dem Dokument schildert die Patentante demnach ausführlich den Konflikt zwischen den Eltern des Babys mit Ärzten, Behörden und dem Jugendamt. Die „HAZ“ weist allerdings ausdrücklich darauf hin, dass es sich um die Sichtweise der Familie handelt. Viele der Vorwürfe seien nicht unabhängig überprüfbar, weil sich die betroffenen Stellen wegen Datenschutz und Schweigepflicht nicht zu Einzelheiten äußerten.Ausgelöst worden sei der Konflikt durch eine schwere Kopfverletzung des Kindes. Nach Angaben der Patentante stellten Ärzte eine Hirnblutung fest und vermuteten, der Vater habe das Kind geschüttelt. Dies habe der Mann mit türkischer Staatsangehörigkeit immer bestritten und von einem „unbeabsichtigten Vorfall“ gesprochen. Demnach sei der Vater im Halbschlaf unbeabsichtigt mit seinem Kopf gegen den Kopf des Säuglings gestoßen. Diese Erklärung habe er wiederholt gegenüber Ärzten, Polizei und Jugendamt abgegeben. Die Patentante wirft den behandelnden Ärzten vor, dieser Version keinen Glauben geschenkt zu haben. Aus ihrer Sicht entwickelte sich daraus eine Eskalationsspirale. Unter anderem soll der Vater den Ärzten auf der Station, auf der seine Tochter lag, sinngemäß mit den Worten gedroht haben: „Wenn meiner Tochter was passiert …“.Lesen Sie auchImmer wieder soll die Patentante den Vater in dem Schreiben gegen die Vorwürfe von Ärzten und Behörden verteidigt haben, die ihn als „aggressiven, unberechenbaren Mann“ dargestellt hätten. Dieses Bild sei falsch, argumentiert sie. Stattdessen beschreibt sie ihn als „ruhigen, besonnenen und kooperativen Mann“. Als Beleg führt die Frau unter anderem an, dass Polizeibeamte bei einem Kontakt mit dem Vater von dessen Auftreten überrascht gewesen seien und dieser sich sofort zu einer ausführlichen Aussage bereit erklärt habe.Laut einer Recherche von WELT erschien G. allerdings nach Angaben der behandelnden Ärzte am 22. April in einem äußerst aggressiven Zustand in der Medizinischen Hochschule Hannover, als es um die Behandlung seiner Tochter wegen des Verdachts auf ein Schütteltrauma ging. Er soll die behandelnden Mediziner massiv bedroht und sinngemäß erklärt haben: Sollte seinem Kind in der Klinik etwas passieren, werde er die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Am 5. Mai ging bei den behandelnden Ärzten nach WELT-Informationen eine weitere E-Mail des Mannes ein, in der er die Mediziner erneut beschimpfte. Die Staatsanwaltschaft Hannover bestätigte WELT, dass das Verfahren wegen Bedrohung eingestellt wurde. Eine strafrechtlich relevante Bedrohung habe nicht vorgelegen.Lesen Sie auchSchließlich landete der Fall vor Gericht. Es entzog den Eltern zunächst das Aufenthaltsbestimmungsrecht, später wurde das Kind aus der Familie genommen. Das Dokument der Patentante endet laut „HAZ“ Ende Mai, nachdem ein Gericht entschieden hatte, dass die 34 Jahre alte Mutter zu ihrer Tochter in die Jugendhilfeeinrichtung ziehen darf. Gut fünf Wochen später kam es dort zu dem Termin, der in der Bluttat mündete. An dem Tag sollte ein Hilfeplangespräch stattfinden, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Verdächtige fuhr offenbar gemeinsam mit seiner Patentante nach Stade. Während die 65-Jährige im Auto wartete, begab sich der Verdächtige zu dem Termin mit den Betreuern. Ob sie wusste, dass er eine Waffe bei sich trug, ist unklar. Gegen Fatih G. wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Eine eingerichtete Mordkommission hat die Ermittlungen übernommen.Die Staatsanwaltschaft bewertet die Taten aufgrund des Vorliegens von Mordmerkmalen, insbesondere Heimtücke und niederen Beweggründen, als sechsfachen Mord. Unter den sechs Toten sind drei Mitarbeiter des Jugendamtes der Region Hannover und drei der Jugendhilfeeinrichtung der Hansestadt. kami