Ende April konnte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) eine gute Nachricht verkünden: Bayern baue die Luftrettung aus, vor allem in ländlichen Regionen. An fünf Standorten in Bayern würden die Rettungshubschrauber künftig auch bei Dämmerung noch fliegen. Die Staatsregierung antworte damit auch auf Veränderungen in der Krankenhausstruktur in Bayern, sagte Herrmann, „da sich die Wege zu geeigneten Kliniken dadurch verkürzen“. Die Kliniklandschaft wandelt sich. Manch kleine Klinik muss schließen. Die Rettungskette aber steht, so klang das im April bei Herrmann. Im Zweifel kommt immer der Helikopter.Aber kommt er wirklich? Nur zwei Monate später sät ausgerechnet Deutschlands größte gemeinnützige Luftrettungsorganisation selbst Zweifel an diesem Versprechen. „Wir werden nicht mehr jeden retten können“, warnte der Chef der ADAC-Luftrettung, Frédéric Bruder, kürzlich in der Bild. Die ADAC-Luftrettung, die anders als die Pannenhilfe gemeinnützig ist, flog im vergangenen Jahr knapp 12 000 Einsätze in Bayern. Nun aber sehen die Luftretter ihre Arbeit durch die Sparpläne der Bundesregierung gefährdet. „Die Reform sorgt für eine dauerhafte Unterfinanzierung der Luftrettung und gefährdet so die Notfallversorgung insgesamt“, sagt Bruder.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Konkret geht es um das GKV-Sparpaket von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Dieses soll die Ausgaben im Gesundheitswesen drücken und so die Beitragssätze der Krankenkassen stabil halten. Für alle Bereiche des Gesundheitswesens gilt deshalb künftig, dass die Ausgaben nicht stärker steigen dürfen als die sogenannte Grundlohnsumme, also die Entwicklung der Einkommen der Beitragszahler. Zwischen 2027 und 2029 soll diese zusätzlich noch um einen Prozentpunkt gekürzt werden. Für die Luftrettung heißt das wie für viele andere Akteure im Gesundheitswesen: Sie bekommen bei gleichen Kosten weniger Geld.In der Luftrettung aber seien die Kosten zuletzt stark gestiegen, warnt die ADAC-Luftrettung. Ausgaben für Kerosin, Technik, Wartung, Infrastruktur und Personal hätten sich etwa doppelt so schnell entwickelt wie die Durchschnittslöhne. Das Kerosin etwa sei innerhalb von drei Monaten 60 Prozent teurer geworden. „Das kostet uns mehrere Millionen Euro, die jetzt schon schwer sind, ersetzt zu bekommen“, berichtet ein Sprecher. Auch die Preise für die Hubschrauber selbst seien über die Jahre gestiegen, auch weil sich an Bord immer mehr medizinisches Gerät befindet. Zusätzlich würden den Rettern immer neue Schulungen vorgeschrieben. So müssten seit zwei Jahren auch die in der Luftrettung tätigen Notfallsanitäter, die den Piloten bei Start und Landung helfen, ein Mal im Jahr im Flugsimulator trainieren. „Das schreibe die Luftfahrtbehörde vor“, so der Sprecher. „Da können wir nichts sparen.“Migration und Fachkräftemangel:Von Bangalore nach Burgau - gekommen, um zu pflegenKliniken und Heime werben immer mehr ausländische Mitarbeiter an. Sie sollen sich wohlfühlen – und bleiben. Klappt das bei fünf jungen Inderinnen?Die Luftretter sind nicht die Einzigen, die sich gegen die geplanten, pauschalen Kürzungen auflehnen. Viele Kliniken in Bayern haben Mitte Juni für einen Vormittag lang symbolisch ihre Haupteingänge zugesperrt, um gegen das Sparpaket zu protestieren. Die Kürzungen im Rettungswesen kritisiert auch das Bayerische Rote Kreuz (BRK). Der Rettungsdienst sei keine beliebige Kostenstelle. Er sei das Sicherheitsnetz, das trägt, wenn alles andere zusammenbricht, sagte BRK-Präsident Hans-Michael Weisky in einer Pressemitteilung. „Wer hier mit starren Deckeln, pauschalen Kürzungen und realitätsfernen Rechenmodellen arbeitet, gefährdet nicht nur Strukturen – er gefährdet Menschenleben.“Die Finanzierung des Rettungsdiensts müsse sich an den tatsächlichen notwendigen Kosten orientieren, fordern ADAC-Luftrettung und BRK gleichermaßen. Die Staatsregierung haben sie inzwischen auf ihrer Seite. Der Passus zur Finanzierung des Rettungsdiensts sollte aus dem Gesetzesentwurf gestrichen werden, heißt es aus dem Innenministerium. Denn einerseits werde mit der anstehenden Reform der Notfallversorgung dieser Bereich ohnehin gänzlich neu organisiert. Andererseits müsse der „hervorragend aufgestellte bayerische Rettungsdienst“ bei allen Sparbemühungen auch künftig verlässlich und zukunftsfest finanziert sein, sagte eine Sprecherin.Die Reform dürfe nicht zu einer systematischen Unterfinanzierung führen, heißt es beim BundesratAuf Nachbesserungen an der Reform dringt auch Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU). Es sei richtig, dass die Bundesregierung die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung entschlossen angehe, sagte Gerlach. „Im Interesse der Bürgerinnen und Bürger und im Hinblick auf einen funktionalen Rettungsdienst sind allerdings noch Korrekturen notwendig.“Gemeinsam mit anderen Ländern hat Bayern sich hierfür auch im Bundesrat stark gemacht. Die Reform dürfe nicht zu einer systematischen Unterfinanzierung des Rettungsdiensts führen, liest man in der Stellungnahme des Bundesrates zu den Plänen aus Berlin. Eine pauschale Begrenzung der Ausgaben könne die Versorgung, vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen, nachhaltig gefährden. Im Innenministerium ist man optimistisch, dass Berlin einlenkt.