Ein Behörden-Entscheid hat die Liebls zu Staatenlosen gemacht. Es geht um Kolonialismus, eine Ehe aus dem Jahr 1908 – und für die Familie um alles.

I m Jahr 1908 gab Kaiser Wilhelm II dem Daily Telegraph ein katastrophales Interview und stürzte damit die deutsch-britischen Beziehungen in eine Krise. Im selben Jahr annektierte Österreich-Ungarn die osmanische Provinz Bosnien. In den USA lief derweil die Massenproduktion für Fords Model T an, das Autos erstmals für breite Bevölkerungsteile erschwinglich machen sollte. Und – für die meisten wohl eher eine Randnotiz – in der deutschen Kolonie Togo heiratete der deutsche Arzt Friedrich Liebl die Togolesin Kokoé Edith Ajavon.

Aber diese Hochzeit vor über hundert Jahren ist der Grund, dass sich Ende Juni 2026 eine ganze Menge Leute in einen kleinen Konferenzraum der Anwaltskanzlei Nierenz und Calik in Siegen quetschen. An den wenigen Wänden, die nicht mit Aktenregalen zugestellt sind, hängen riesige Wildtierfelle, in einer Ecke lugt der ehemalige Bundespräsident Köhler aus einem gerahmten Foto. Es ist heiß. Die drei Schwestern und ihre fünf Kinder, die in dieser Szenerie sitzen und teils die Beine nicht mehr stillhalten können, sind die Liebls: die Nachkommen des Brautpaars von 1908.