Die Familienehre steht vor der Liebe: «Wir gehen morgen auf eine Hochzeit, deine Hochzeit»Zwangsverheiratungen sind in Deutschland kein Randphänomen. Besonders in den Sommerferien werden Mädchen und junge Frauen im Ausland gegen ihren Willen verheiratet. Die Anwältin Seyran Ates kämpft seit Jahrzehnten gegen diese Praxis und bringt sich damit in Lebensgefahr.02.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Zahl der Zwangsverheiratungen ist in Deutschland wieder angestiegen (Symbolbild).hatSeyran Ates ist voller Energie. Ihr Terminkalender ist eng getaktet. Während sie in der von ihr gegründeten Moschee noch Gespräche führt, warten vor der Tür schon die nächsten Gäste. Jeder, der zu ihr möchte, wird von Beamten des Berliner Landeskriminalamtes kontrolliert. Nach Anfeindungen und Morddrohungen lebt die Anwältin, Frauenrechtlerin und Imamin seit Jahren rund um die Uhr mit Personenschutz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ates ist eine der bekanntesten Stimmen für Frauenrechte innerhalb der muslimischen Gemeinschaft. Zeit ihres Lebens setzte sie sich gegen Zwangsverheiratungen ein. Die fast völlige Aufgabe des Privatlebens ist der Preis, den die 63-Jährige dafür zahlt.«Ich werde nicht müde, darauf hinzuweisen, dass wir es mit einem riesengrossen gesellschaftlichen Problem zu tun haben», sagt Ates. In der türkischen Parallelgesellschaft sind die Fälle der Zwangsverheiratungen und Kinderehen in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Doch mit der Migrationswelle stieg die Zahl ab 2015 wieder an. Vor allem in Familien aus Syrien, Afghanistan, Libanon, dem Irak, aber auch unter Sinti und Roma werden Mädchen und junge Frauen immer noch gegen ihren Willen zu einer Ehe gezwungen.Ates selbst wuchs in einer kurdisch-türkischen Gastarbeiterfamilie auf und hat diese Praxis in der eigenen Grossfamilie erlebt. Genaue Zahlen über Zwangsverheiratungen gibt es nicht. Aber Frauenrechtsorganisationen gehen allein in Berlin von jährlich 600 Fällen aus. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein.Gemäss einer Befragung unter deutschen Lehrkräften der Frauenorganisation Terre des Femmes aus dem Jahr 2022 gab es fast 1500 Verdachtsfälle von drohenden oder vollzogenen Zwangsverheiratungen und 379 gesicherte Fälle. In 90 Prozent der Fälle sind Mädchen und junge Frauen betroffen.Ates: Zwangsehen sind keine «kulturelle Eigenheit»Seyran AtesPDDie Moschee im Berliner Stadtteil Moabit ist ein grosser Raum, ausgelegt mit einem hellen Teppich. An der Wand hängt die Regenbogenflagge. Ates hat einen Tisch an die Seite geschoben, an dem sie sitzt. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet. Während sie redet, sucht sie den Augenkontakt. Ihre Worte sind eindringlich.Die deutsche Gesellschaft betrachte Zwangsehen immer noch als Randphänomen, weil sie es nicht betreffe, sagt Ates. «Deshalb empört sich niemand.» Sie selbst könne es nicht mehr hören, wenn von «Einzelfällen» oder einer «kulturellen Eigenheit» gesprochen werde, die bewahrt werden müsse. «Das sind feige Aussagen, das ist Mittäterschaft», sagt sie bestimmt.Bei ihr melden sich viele Frauen, die juristischen Rat suchen, die über Gewalt und Zwang in der Ehe berichten. Lehrer rufen sie an, wenn sie Sorge haben, dass Schülerinnen gegen ihren Willen im Herkunftsland der Eltern zu einer Ehe gezwungen werden sollen. Vor den Sommerferien nimmt die Zahl der Hilferufe nochmals zu.Denn die meisten Mädchen werden im Ausland bei Verwandtenbesuchen verheiratet. Ab dann sind sie ganz dem Mann verpflichtet, den sie sich nicht selbst ausgesucht haben. Zum neuen Schuljahr melden die Eltern ihre Tochter von der Schule ab – meist wird ein Umzug als Grund angegeben. Vielfach verliert sich dann die Spur der Mädchen und jungen Frauen.Beleidigungen, körperliche Angriffe und MorddrohungenAtes hat lange dafür gekämpft, dass Zwangsehen und Heiratsverschleppungen als Straftatbestand anerkannt werden. 2011 war es so weit, auf Druck der Unionsparteien und der FDP. Eheschliessungen gegen den Willen eines der Partner werden jetzt als schwere Menschenrechtsverletzung gewertet und mit einer Haftstrafe bis zu fünf Jahren geahndet.Mit ihrem Kampf für Frauenrechte hat sich Ates viele Feinde gemacht. 1984, als sie noch Jurastudentin war, beriet sie von Gewalt betroffene Frauen. Bei solch einem Gespräch stürmte ein Mann in das türkische Frauenzentrum und eröffnete das Feuer. Ates wurde lebensgefährlich verletzt, eine ihrer Klientinnen starb. Es dauerte Jahre, bis sie wieder genesen war.Nach dem Studium eröffnete sie eine eigene Anwaltskanzlei und beriet dort weiterhin Frauen. Drohungen, Beleidigungen und auch körperliche Angriffe gegen sie häuften sich. 2006 gab sie deshalb ihre Anwaltszulassung zurück. Ates fürchtete nach zahlreichen Morddrohungen um ihr Leben.2009 zog sie sich für ein paar Jahre sogar ganz zurück. Erst 2016 kehrte sie mit der Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee an die Öffentlichkeit zurück.Mit einer Heirat gegen den Willen von jungen Frauen beginnt ein furchtbarer Kreislauf, den auch Ates viel zu oft in ihrer Praxis erlebt hat. Oft kommt Gewalt in der Ehe dazu. Bei Kindern verfestige sich ein Familienbild, das keine Liebe kenne, dafür aber auf patriarchalen Strukturen fusse, sagt Ates. Oftmals würden auch die Söhne später gewalttätig gegenüber ihren Ehefrauen.Bruch mit der Familie ist der schwerste SchrittViele junge Frauen sind völlig hilflos, wenn sie von der Familie erfahren, dass sie verheiratet werden sollen. Sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen.«Ich habe Fälle erlebt, da wurde dem Mädchen gesagt: ‹Wir gehen morgen auf eine Hochzeit. Was für eine Hochzeit? Deine Hochzeit›», erzählt Ates. Manche Mädchen oder Frauen begingen Selbstmord, weil sie die Situation nicht aushielten. «Das habe ich auch schon erlebt.»Es gibt laut Ates nur einen Ausweg: Die Mädchen und jungen Frauen müssen sich von ihrer Familie distanzieren. «Der Bruch mit der Familie ist leider unumgänglich», sagt sie. Manche Frauen müssten sogar vor einem «Ehrenmord» geschützt werden. Nur in wenigen Fällen schafften es die Betroffenen, sich innerhalb der Familie zur Wehr zu setzen.Den Schritt weg von der Familie schaffen jedoch die wenigsten Jugendlichen. Denn ihr ganzes Leben lang wurde ihnen beigebracht, dass die Familie das Wichtigste ist und man sich ihr nicht zu widersetzen hat. Selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, haben sie nicht gelernt. Ausserdem, wohin sollen sie gehen? Von staatlichen Hilfsangeboten wissen nur die wenigsten von ihnen.Seit ein paar Jahren verschickt der Berliner Senat vor den Sommerferien Brandbriefe an Berliner Schulen und warnt vor Zwangsverheiratungen. Lehrkräfte sollen sensibilisiert werden und auf Signale achten: wenn Mädchen nicht mit zur Klassenfahrt dürfen, plötzlich in den Zensuren absacken oder zu Hause abgeschottet werden. Sie können sich dann an Beratungsstellen wenden oder den Mädchen einen Kontakt zu Hilfsangeboten geben.Es gibt keine Zahlen darüber, wie oft eine Zwangsheirat verhindert werden konnte. Frauenorganisationen und Migrationsbeauftragte berichten aber von einer zunehmenden Zahl von Mädchen und jungen Frauen, die Hilfe suchten. Denn zur Realität gehört, dass in vielen Schulen mit einem hohen Migrantenanteil nach den Sommerferien mindestens ein Platz leer bleibt.Passend zum Artikel
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