Herr Wallenberg, in Deutschland wird zurzeit über die Einführung einer Aktienrente für alle debattiert, wie es sie bei Ihnen in Schweden schon lange gibt. Bundeskanzler Merz findet sie „genial“, es gibt hierzulande aber auch viele Vorbehalte dagegen. Wie gelang es der schwedischen Regierung damals, eine Mehrheit dafür zu finden?Wir hatten Anfang der 1990er-Jahre eine schwere Finanzkrise. Damals sahen unsere Politiker ein, dass es mit der Rente nicht weitergehen konnte wie vorher. Dann ist es ihnen zusammen mit den Banken und den Gewerkschaften gelungen, eine aktienfreundliche Stimmung zu schaffen. Das hat nicht nur dem Rentensystem geholfen, sondern auch dem Kapitalmarkt, was Sie an den ungewöhnlich vielen Börsengängen in Schweden ablesen können. Ich finde die Zahl der verheißungsvollen jungen Gründer, denen ich zurzeit begegne, wirklich beeindruckend. Wir denken in Europa oft an Risiken. Aber alles im Leben ist riskant. Meine Perspektive auf die Aktienrente ist, dass darin vor allem eine große Chance liegt.Wie meinen Sie das?Wie groß ist das Altersvorsorgevermögen der Deutschen? Sind es Milliarden oder sogar Billionen von Euro? Nehmen Sie die Summen aus den anderen Ländern Europas dazu, die für die Altersvorsorge festliegen. Wenn es uns gelingt, auch nur einen Teil davon in den Wandel zu investieren, in neue Ideen, dann können wir damit viel bewegen. Das ist eine große Gelegenheit, damit die Zukunft besser wird als die Vergangenheit und die Gegenwart.In Deutschland betrachten wir Schweden oft als Vorbild, nicht nur bei der Rente. Was können wir wirklich von den Schweden lernen?Vergessen Sie vor allem nicht, wie sehr wir wirtschaftlich vom Rest Europas abhängig sind. Wenn Deutschland niest, bekommen wir einen Schnupfen. Aber davon abgesehen: Wir sind ein kleines Land, das seit vielen Jahrhunderten weit über seine Grenzen hinaus Handel treibt. In der Hagia Sophia von Istanbul haben die Wikinger eine Runeninschrift hinterlassen. Unsere Unternehmen mussten stets auf internationalen Märkten bestehen, durften ihren Erfolg nie für selbstverständlich halten. Ich würde sagen, das hat ein gewisses Talent für Innovationen und Unternehmergeist gefördert. Dazu kommt, dass unsere Politiker in den vergangenen Jahrzehnten sehr verantwortlich mit unseren Finanzen umgegangen sind, die Rente ist dafür nur ein Beispiel.