Frida Kahlo wird verehrt und vermarktet: Jetzt bricht sie in London BesucherrekordeDie mexikanische Malerin wurde für ihre kompromisslosen und farbenprächtigen Selbstporträts berühmt. Frida Kahlo wurde aber auch zum Kulturphänomen mit monströsen Zügen. Das zeigt die Tate Modern in einer Ausstellung.Marion Löhndorf, London01.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin Highlight der Ausstellung: Frida Kahlos «Selbstporträt mit Dornenkette und Kolibri» von 1940.Nickolas Muray Collection of Mexican ArtFrida Kahlo war ein Star. Zu Lebzeiten moderat bekannt, boomte ihre Kunst in den achtziger Jahren. Es gab sogar ein Wort dafür: «Fridamania». Ausgerechnet London spielte dabei eine entscheidende Rolle. Eine Frida-Kahlo-Retrospektive in der Whitechapel Gallery, die auf Tournee ging, machte 1982 ein breiteres internationales Publikum mit ihrem Werk bekannt. 2005 legte die Tate nach. Als auch das Victoria and Albert Museum vor acht Jahren eine grosse Ausstellung über die mexikanische Malerin organisierte, war kaum vorstellbar, dass sie noch populärer werden könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch genau das ist passiert. Heute ist Frida Kahlo (1907–1954) ein Superstar. Wie es dazu kam, fragt die Tate Modern jetzt in ihrer Ausstellung «Frida: The Making of an Icon». Und ist mit Kahlo schon im Titel auf Du und Du. «Frida» ist eine «Blockbuster»-Show, eine Veranstaltung, die Massen an Publikum mobilisiert. Im Vorfeld der Eröffnung am 25. Juni wurden bereits über 40 000 Tickets verkauft.Die Transformation einer zu Lebzeiten moderat bekannten Künstlerin zur Kult- und Konsumfigur fasziniert. Objekte ihres Lebens – vom Schmuckstück bis zum Tehuana-Kleid – sind ebenso zu sehen wie die Gegenstände, die sich eine um ihre Person entstandene Geschenkindustrie ausgedacht hat.Zwischen Glamour und HorrorRund 30 Originalbilder der Künstlerin werden gezeigt – und mehr als 150 Werke ihrer Vorläufer und Zeitgenossen, Epigonen und Nachahmer. Schon dieses Zahlenverhältnis deutet an: Ihr Nachleben als Märtyrerin, Überlebenskünstlerin und charismatische Inspirationsquelle überragt längst das Interesse an ihrer eigenen Kunst. Das Publikum, zu dem auch Fans wie Madonna und Tracey Emin gehören, ist auch verliebt in ihre aussergewöhnliche Biografie zwischen Glamour und Horror.Frida-Pop in Río Yañez' «Ghetto Frida's Mission Memories» von 2009.© Río YañezKahlo wurde 1907 als Tochter einer mexikanischen Mutter spanischer und indianischer Abstammung in Mexiko geboren. Ihrem Vater, einem aus Deutschland stammenden Fotografen, stand sie besonders nah. Später wurde der Maler Diego Rivera (1886–1957) zur Zentralfigur ihres Lebens. Mit ihm verband sie eine von beiden Seiten durch Affären und Trennungen verkomplizierte, dramatische Ehe. Auf Fotos steht sie klein wie ein Kind neben dem kolossalen Maler, der zur Zeit ihrer ersten Begegnung schon berühmt war.Diego Rivera und Frida Kahlo in New York.ImagoEin kurzer, riesig auf eine Museumswand projizierter Film zeigt die beiden in Farbe: Sie, wie sie immer wieder seine Hand nimmt und küsst; er, wie er immer wieder ihr Gesicht der Kamera zudreht. Ein frühes Porträt, das Diego von ihr anfertigt, nimmt Merkmale ihrer eigenen späteren Selbstporträts vorweg. Es zeigt sie in frontaler Ansicht mit schweren Ohrringen wie eine mythische Figur. Filmaufnahmen wie diese, aber auch Bildserien renommierter Fotografen bereiteten dem Power-Paar der mexikanischen Moderne eine Bühne: kosmopolitisch, kultiviert, gut vernetzt und mexikanischer als Mexiko. Das ultimative Meisterwerk waren sie als Paar selbst.Diego Riveras Porträt von Frida Kahlo, um 1935.Los Angeles County Museum of ArtDie Ausstellung aber stellt nicht Kahlos Selbstinszenierung, sondern ihre Leidensgeschichte in den Vordergrund. Das ist insofern sinnvoll, als die im Titel angekündigte Ikonenwerdung eng damit verbunden ist. Im Alter von sechs Jahren erkrankte Frida Kahlo an Kinderlähmung, die ihr rechtes Bein schrumpfen liess und dauerhaft schwächte. Im Jahr 1925 wurde sie Opfer eines Busunfalls. Dabei erlitt sie schwere Verletzungen, darunter mehrere Brüche an Wirbelsäule, rechtem Bein, Schlüsselbein, Rippen und Becken. Ihre Schulter war ausgerenkt, ihr rechter Fuss zerquetscht, und ihr Bauch sowie ihre Gebärmutter wurden von einem eisernen Handlauf durchbohrt.In den folgenden Jahrzehnten unterzog sich die Künstlerin mehr als dreissig medizinischen Eingriffen. Eigentlich hatte sie Ärztin werden wollen. Nach ihrem Verkehrsunfall, den sie achtzehnjährig erlebte, begann Kahlo zu malen. Monatelang war sie ans Bett gefesselt. Ein unter dem Baldachin des Himmelbetts befestigter Spiegel wurde zum Hilfsmittel bei der bald folgenden, obsessiven Herstellung von Selbstbildnissen: «Ich male mich, weil ich sehr viel Zeit allein verbringe und weil ich das Motiv bin, das ich am besten kenne.»Frida Kahlo im Bett in ihrem Haus in Coyoacán, Mexico-Stadt, 1952.Archive PhotosEines ihrer zahlreichen Selbstporträts: «Memory (The Heart)», 1937.PrivatsammlungIn der Tate ist eine Zeichnung zu sehen, die Frida Kahlo von ihrem Busunfall anfertigte. Sie selbst liegt im Vordergrund verletzt am Boden. Im Hintergrund skizzierte sie die gestürzten Vehikel – der Bus stiess mit einer Strassenbahn zusammen – sowie andere in Mitleidenschaft Gezogene und Ströme von Blut. Sie stellte den Unfall auch mit Spielzeugfiguren nach und hielt das Ganze in einer morbiden Fotografie fest, die ebenfalls in London zu sehen ist.Kult des LeidensDie Aspekte ihres Leidens, die sie in Kunst übersetzte, gehören zum Kahlo-Kult. Ihr auch auf der Leinwand ausgetragener Kampf um die versehrte eigene Person liefert Stoff für Fortschreibungen der Nachwelt: Der Triumph über Leiden und Tod durch die Kunst ist zum von ihr selbst genährten Topos geworden. Sie war sich des komplexen Selbstbildes, das sie schuf, sehr wohl bewusst und verstand es, Aspekte ihres Privatlebens und ihres kulturellen Erbes gewinnbringend einzusetzen, sie sorgfältig zu gestalten und sie zum Aufbau ihres öffentlichen Images zu nutzen.Dazu gehörte, dass sie sich offen als bisexuelle Frau mit indigenem Hintergrund präsentierte, zwei Aspekte, die in der Tate-Ausstellung in den Vordergrund treten. Der erste – und beste – Teil der Ausstellung bietet eine Einführung in die Person hinter dem Bild. Fridas Welt ist detailreich anhand der vielen überlieferten Objekte zu erkunden. Da ist eine beeindruckende Auswahl an persönlichen Gegenständen, darunter Schmuck und Fotografien. Da sind ihre Tehuana-Kleider, die sie trug, um ihre körperlichen Behinderungen und Korsetts zu kaschieren und damit gleichzeitig ihren Stolz auf ihre indigenen Wurzeln auszudrücken.Julien Levy fotografierte hier Frida Kahlo im Jahr 1938.© Philadelphia Museum of ArtEin traditionelles Tehuana-Kleid von Frida Kahlo.Museo Frida KahloSie gehörten zu ihren imagewirksamen Markenzeichen wie die Monobraue, der massive Schmuck und die komplexe Frisur. Weitere Gegenstände, die ihr ganz nah waren, körpernah, liegen in den Vitrinen: medizinische Korsetts aus Gips, Leder, Metall und Leinen, die sie brauchte, um ihren versehrten Rücken zu stützen. In diesen ersten Räumen werden auch ihre Gemälde und Zeichnungen mit Werken anderer zeitgenössischer Künstler in einen Dialog gesetzt.Die Werke aus Kahlos künstlerischem Umfeld – von Abraham Ángel und Manuel Rodríguez Lozano, María Izquierdo und der engen Freundin Rosa Rolanda – schaffen einen reichen Kontext. Ebenso der Vergleich mit den Surrealisten, obwohl Kahlo selbst künstlerische Affinitäten zum europäischen Surrealismus verleugnete. Highlights der Ausstellung sind Frida Kahlos «Vier Bewohner Mexikos» (1938) aus einer Privatsammlung, «Der Selbstmord von Dorothy Hale» (1938) aus dem Phoenix Art Museum sowie «Selbstporträt mit Dornenkette und Kolibri» (1940), eine Leihgabe des Harry Ransom Center in Texas, die nun erstmals in Grossbritannien zu sehen ist.Aus Frida Kahlos künstlerischem Umfeld: María Izquierdo: «Dream and Premonition», 1947.Rocio and Boris Hirmas CollectionMarkt der ScheusslichkeitenDer zweite Teil der Ausstellung ist enttäuschend. Die letzten Räume werden von seelenlosen Werken überschwemmt, die als Hommage an Kahlo nach ihrem Tod entstanden. Frida, die behinderte Künstlerin. Frida, Symbol des radikalen Feminismus. Frida, die schicke, geschlechtsfluide, schöne und monströse Ikone.Es gibt weniger als eine Handvoll Ausnahmen, darunter ein Bild der Fotografin Mary McCartney. Sie nahm Tracey Emin in Frida-Kahlo-Verkleidung auf («Being Frida», 2000) und stellte so eine Verbindung zwischen zwei weiblichen Leidensfiguren der Kunstgeschichte her. Das Foto ist ein Hinweis auf die zeitgleich stattfindende Tracey-Emin-Retrospektive im selben Haus auf derselben Etage.Tracey Emin als Frida in Mary McCartneys Fotoarbeit «Being Frida, London» 2000.© Mary McCartneyDer Vermarktung aller Aspekte des Kahloschen Daseins ist ein ganzer Museumsraum voller Scheusslichkeiten gewidmet – Puppen, Schuhspanner, ein Porzellanschwein mit Frida-Gesicht. Das ist der letzte Saal der Ausstellung, bevor man nahtlos in den Geschenk-Shop entlassen wird, der Ähnliches zum Verkauf anbietet. Die Tate zeigt, wie Kahlo zum Kulturphänomen mit monströsen Zügen wurde, und hat selbst Anteil daran.«Espero alegre la salida – y espero no volver jamás», hatte Frida Kahlo kurz vor ihrem Tod notiert. «Ich freue mich auf die Abreise – und hoffe, nie wieder zurückzukommen.» Die Nachwelt hat sie nicht gehen lassen. Postum ist Frida Kahlo präsent wie nie zuvor.Schlüpft in die Haut von Frida Kahlo: Yasumasa Morimura in seinem Gemälde «An Inner Dialogue with Frida Kahlo (Hand Shaped Earring)» von 2001.© Yasumasa Morimura, Luhring Augustine, New York, and Yoshiko Isshiki Office, Tokyo.«Frida: The Making of an Icon», Tate Modern, London, bis 3. Januar 2027.Passend zum Artikel