Ammar Awad / ReutersÜberfälle, zerstörte Ernten, abgebrannte Häuser: Die Übergriffe radikaler Siedler gegen Palästinenser haben im Schatten des Krieges massiv zugenommen. Selbst die israelische Armee warnt vor den Folgen.01.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenNaif Mussalams Haus ist kein Palast. Niedrige Decken, Steinwände, über Jahrzehnte gewachsen wie die Familie darin. Es steht in Khirbet al-Marajim, einem Dorf rund fünfzehn Kilometer von der palästinensischen Stadt Nablus entfernt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor dem Haus steht ein Autowrack, ausgebrannt, die Karosserie rostrot. Mussalams Enkelkinder haben sich darauf verewigt: Blumen, Herzen, mit Kreide gemalt. Das Auto erinnert an eine Märznacht im vergangenen Jahr, die Mussalam bis heute verfolgt.In der Dunkelheit tauchten damals Siedler auf. Vier, fünf vielleicht, zählten die Dorfbewohner zunächst, die zornig schreiend näher kamen. Später waren es mehrere Dutzend. «Plötzlich waren sie überall», erinnert sich Mussalam.Geboren und aufgewachsen in Khirbet al-Marajim: der Palästinenser Naif Mussalam.NZZSie hätten Steine geworfen, Frauen, Kinder und Männer bedroht. «Sie kamen nicht, um etwas zu stehlen. Sie kamen, um uns Angst zu machen und uns zu vertreiben. In diesen Stunden hatten wir das Gefühl, völlig allein zu sein.» Das waren sie auch. Denn gleichzeitig sperrten die Siedler die Zufahrten zum Dorf. «Zunächst konnte niemand zu uns kommen, niemand konnte uns helfen. Wir waren eingeschlossen.»Als der Angriff begonnen habe, seien die Eltern hinausgegangen, um zu sehen, was geschehe. Die Kinder seien zurückgeblieben – doch die Angreifer hätten sie aus dem Haus geholt und dann einen Raum in Brand gesetzt. Später hätten die Eltern ihre Kinder auf einem Feld in der Nähe gefunden. «Eines hatten sie auf einen Stuhl gesetzt, das andere zwischen die Olivenbäume geworfen.»Was Mussalam bis heute beschäftigt, ist nicht nur der Angriff selbst. Sondern das, was danach geschah. Die Feuerwehr habe das Dorf erst lange nach Ausbruch des Feuers erreicht, erzählt er. Als Soldaten eintrafen, waren die Angreifer längst verschwunden. «Statt sich um das Feuer zu kümmern oder nach den Tätern zu suchen, kontrollierten die Soldaten die Männer, die uns helfen wollten.»Von der palästinensischen Regionalverwaltung erhielt er später eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet rund 4000 Franken. Das reichte, um die Schäden an seinem Haus zu beheben. Für das ausgebrannte Auto gab es keinen Ersatz. Den Vorfall habe er bei der israelischen Militärverwaltung angezeigt. Täter wurden bis heute keine ermittelt.Es war nicht der erste Vorfall. Zweimal zuvor seien Siedler gekommen, hätten Schafe gestohlen, seine Herde attackiert, sagt Mussalam. «Doch diesmal richtete sich die Gewalt gegen uns selbst. Gegen unsere Familien, unsere Kinder, unsere Häuser.» Das habe etwas verändert. «Wenn Menschen bereit sind, Kinder einer solchen Gefahr auszusetzen, dann überschreiten sie eine Grenze.»Überreste einer Gewaltnacht: Das ausgebrannte Auto von Naif Mussalam.Raneen Sawafta / ReutersFünf Vorfälle pro TagMussalams Erlebnis ist kein Einzelfall. Zwar gibt es schon lange gewaltsame Übergriffe von Siedlern. Doch im Schatten der Kriege im Gazastreifen, in Libanon und gegen Iran hat die Gewalt in den vergangenen Jahren noch einmal massiv zugenommen. Laut Daten der Uno stieg die Zahl der Siedlerangriffe von 852 im Jahr 2022 auf 1828 im Jahr 2025 – im Schnitt sind es fünf Vorfälle pro Tag.Auch die israelische Armee bestätigt: Die Zahl schwerer Vorfälle – Schiessereien, Brandstiftung, Körperverletzung – stieg 2025 gegenüber dem Vorjahr um mehr als 50 Prozent.Die Spannungen haben auch einen demografischen Grund: Die Berührungspunkte zwischen Siedlern und Palästinensern sind schlicht mehr geworden. Lebten im Jahr 2000 noch weniger als 200 000 israelische Siedler im Westjordanland, sind es heute rund 500 000 – verteilt auf offiziell anerkannte Siedlungen und wilde Aussenposten, die tief in palästinensisches Gebiet hineinreichen.Die Regierung von Benjamin Netanyahu hat in letzter Zeit für immer neue Rekorde im Siedlungsbau gesorgt: 2025 wurden rund 27 500 neue Wohneinheiten genehmigt. Das sind fast doppelt so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2023.Für die Palästinenser wird der Zuzug auch deshalb zum Problem, weil sie nur in der sogenannten Zone A die volle Verwaltungs- und Sicherheitshoheit haben. Diese umfasst rund 20 Prozent des Westjordanlands. Die Zone C – mit 60 Prozent der grösste Teil des Gebiets – untersteht vollständig israelischer Kontrolle. Genau dort entstehen die meisten Siedlungen. Und genau dort sind palästinensische Gemeinden für Baugenehmigungen, Wasser und den Zugang zu Strassen auf israelische Behörden angewiesen. Und: Die israelische Armee ist hier auch für ihre Sicherheit verantwortlich. Doch oft wird der Vorwurf laut, dass die Soldaten bei Fällen von Siedlergewalt bewusst wegschauen.Kampf um AgrarflächenEiner der Orte, an denen man die Folgen des Siedlungsbaus unmittelbar spürt, ist das Städtchen Duma unweit von Khirbet al-Marajim. Einst war es mit den umliegenden arabischen Gemeinden verbunden. Heute ist Duma weitgehend von israelischen Siedlungen und Aussenposten umgeben.Suleiman Dawabsheh, der Bürgermeister, steht auf einem Hügel und zeigt auf die Siedlungen ringsum. Wer Duma verstehen wolle, müsse mit dem Land beginnen, sagt er. Das Dorf umfasse 18 500 Hektaren Land. «Heute sind uns davon nur noch etwa 940 geblieben – es ist die Fläche, auf der unsere Häuser stehen.»Warnt vor einer neuen Intifada: Suleiman Dawabsheh, der Bürgermeister von Duma, mit seiner Enkelin.NZZDie israelische Militärverwaltung wollte schon in den 1980er Jahren mehr als 10 000 Hektaren zum Naturschutzgebiet erklären. Die Gemeinde klagte – und gewann: 1987 bestätigte ein Gericht, dass es sich um Privatland der Dorfbewohner handelte. «Doch seitdem hat sich die Realität verändert. Heute entscheiden nicht mehr Gerichte über unser Leben, sondern Siedler mit Waffen.»Duma sei ein Bauerndorf, sagt Dawabsheh, die Existenz der Bewohner hänge von Landwirtschaft und Viehzucht ab. «Doch wie sollen wir Landwirtschaft betreiben, wenn wir keinen Zugang zu unseren Feldern haben?» Immer wieder würden die Zufahrtsstrassen abgeriegelt – aus «Sicherheitsgründen», heisse es jeweils. Im vergangenen Jahr hätten viele Bauern ihre Oliven deshalb nicht ernten können.Hinzu kommen regelmässige Anschläge. «Die Bäume sind zum Ziel geworden. Felder werden verwüstet, Ernten verhindert, Weiden blockiert. Für uns ist das nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden. Es ist ein Angriff auf unsere Lebensweise.»Den bislang schwersten Angriff erlebte Duma 2024. Dawabsheh erinnert sich: Hunderte Siedler überfielen damals das Städtchen, prügelten Menschen, zündeten Häuser und Autos an. Der Schaden wurde auf umgerechnet rund 1,3 Millionen Franken geschätzt. «Wer glaubt, solche Ereignisse seien spontan, irrt sich», sagt er. «Die Angriffe erfolgen planmässig und wiederholen sich ständig.»Vom Siedlungen umschlossen: Um das palästinensische Dorf Duma sind in den vergangenen Jahren mehrere israelische Siedlungen entstanden.Ammar Awad / ReutersDie damaligen Übergriffe sind gut dokumentiert, Fotos und Videos belegen die Gewalttaten. Was aber auch zur Wahrheit gehört: Dem Angriff war der Mord an Binyamin Achimair vorausgegangen, einem 14-jährigen Israeli. Seine Leiche war wenige Tage zuvor in der Gegend gefunden worden.Dawabsheh sagt, er lehne Gewalt ab. «Wir sind kein Volk, das Krieg sucht. Wir wollen Frieden. Wir sind Menschen, die leben, arbeiten und ihre Familien ernähren wollen.» Doch dann fällt ein Satz, der wie eine Warnung klingt: «Netanyahus Politik treibt uns in die nächste Intifada.» Eine palästinensische Gewaltwelle wie jene also, die Israel in den nuller Jahren Hunderte Todesopfer kostete. Nicht weil die Menschen Gewalt suchten, schiebt er nach. Sondern weil sie immer weiter in die Enge getrieben würden.Armee warnt vor EskalationWeiterfahrt Richtung Süden. Die Allon-Strasse schlängelt sich auf neunzig Kilometern von Norden nach Süden durch das Westjordanland. Irgendwo auf halber Strecke, in einer ihrer Kurven, steht ein Container. Darin: ein Coffee-Shop.Eine junge Frau steht hinter der Theke. Sie ist braungebrannt, wirkt, als habe sie den Vormittag auf dem Surfbrett verbracht. Sie lächelt, scherzt mit den Kunden, schenkt Americano mit Mandelmilch aus und serviert Carrot-Cake.Drei junge Männer plaudern im Schatten, sie tragen Adidas-Shirts und Nike-Sneaker. Wer nicht genau hinschaut, könnte meinen, er sei in Tel Aviv gelandet, auf der hippen Shenkin-Strasse würden die drei nicht weiter auffallen. Wären da nicht die Schläfenlocken, die unter den Basecaps hervorschauen und bis auf die Wangen fallen.Espresso-Spezialitäten und Carrot-Cake: ein israelischer Coffee-Shop im Westjordanland.NZZEin paar Schritte weiter sitzt ein Mann in seinen Dreissigern unter einem Sonnensegel. Er trägt eine gehäkelte Kippa, vor ihm ein Laptop und ein Eiskaffee. Er plaudert gern, seinen vollen Namen aber will Elisha nicht in der Zeitung lesen. «Ihr Europäer fragt immer: Warum lebt ihr hier? Als wäre das eine vernünftige Frage», sagt er.Niemand frage einen Franzosen, warum er in Marseille lebe, sagt Elisha. Nur Juden müssten erklären, warum sie in Hebron leben wollten. «Hebron ist die Stadt Abrahams! Muss ich wirklich erklären, warum ich hier bin?»Er sei dabei nicht allein wegen der Bibel, wegen seines Glaubens hier. Er habe gesehen, was passiere, wenn Juden glaubten, sie könnten die Welt durch Zugeständnisse besänftigen. Israel sei 2005 aus Gaza abgezogen. «Haben wir Frieden bekommen? Nein. Also erzählen Sie mir nicht, dass noch ein Rückzug die Lösung sei.»Die Leute sprächen im Hinblick auf das Westjordanland von Besetzung. Das aber sei die Sprache von Diplomaten und Journalisten. Für ihn gebe es nur eine Frage: Wem gehört dieses Land? «Wenn die Antwort lautet: den Juden, dann muss man hier leben. Und nicht nur darüber reden, sondern Häuser bauen, Kinder bekommen und Fakten schaffen.»«Vielleicht wird die Welt mich dafür hassen», sagt er. Aber die Welt habe die Juden schon gehasst, als sie kein Land hatten. «In hundert Jahren aber wird ohnehin niemand mehr über die Schlagzeilen von heute sprechen.»Man solle ihn nicht falsch verstehen, er glaube nicht, dass die Palästinenser keine Wurzeln hier hätten, sagt Elisha. Diese liebten diese Landschaft wahrscheinlich genauso wie er. «Aber die Tatsache, dass sie eine Geschichte mit diesem Land haben, bedeutet nicht, dass unsere Geschichte deshalb weniger wahr ist oder weniger Bedeutung hat.»Die Übergriffe der vergangenen Jahre verleugnet er nicht. «Es gibt Gewalt hier, und das ist falsch. Ich werde niemanden verteidigen, der unschuldige Menschen angreift», sagt er. Doch viele Journalisten kämen mit einer vorgeschriebenen Geschichte hierher, glaubt Elisha. «Wer hier lebt, weiss, dass die Wirklichkeit meistens komplizierter ist als das, was später in der ‹New York Times› steht.»Allerdings: Vor einer Eskalation warnt mittlerweile auch die Armee selbst. General Avi Bluth, Kommandant des für das Westjordanland zuständigen Zentralkommandos, bezeichnete die Gewalt extremistischer Siedler im April gar als «jüdischen Terrorismus». Die palästinensische Bevölkerung habe bislang erstaunlich zurückhaltend reagiert, sagte Bluth. Doch das werde nicht ewig so bleiben.Schutt und Asche: Nach einer Siedler-Attacke begutachtet ein Palästinenser die Schäden in einer Wohnung in Duma.Raneen Sawafta / ReutersPassend zum Artikel