GastkommentarDavid BürginJugend unter Druck: Lob der Halbheit in Zeiten des OptimierungsdrucksJugendliche bewegen sich zwischen verlängerter Adoleszenz und überlasteten Systemen. Gleichzeitig nimmt die Beziehungsarmut zu und macht gesundes Aufwachsen schwieriger.01.07.2026, 05.15 Uhr3 LeseminutenDas Unvollkommene ist kein Defizit, das beseitigt werden muss, sondern ein Teil des Menschseins.Tolga Akmen / EPABetrachtet man die Lebenswelt heutiger junger Menschen, zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Junge Menschen wachsen in einer Gesellschaft auf, die hohe Anforderungen an Selbststeuerung, Leistungsfähigkeit und Optimierung stellt. Gleichzeitig geraten die sozialen Kontexte, die Entwicklung absichern und Belastungen auffangen können, zunehmend unter Druck oder erodieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Frage ist deshalb nicht nur, wie einzelne Jugendliche widerstandsfähiger und resilienter werden können, sondern auch, welche Vorstellungen von «gelingendem» Aufwachsen wir als Gesellschaft vermitteln.Die «neue Adoleszenz»Entwicklungstheoretisch betrachtet lässt sich das Aufwachsen heutiger Jugendlicher als verlängertes Ungleichgewicht beschreiben. Auf der einen Seite setzt die Pubertät historisch betrachtet immer früher ein. So beginnt die Pubertät in vielen Fällen bereits vor dem zwölften Lebensjahr. Gleichzeitig verschieben sich zentrale Übergänge ins Erwachsenenleben nach hinten. Junge Menschen ziehen später aus, erreichen später finanzielle Unabhängigkeit und übernehmen zentrale Rollen in Beruf und Familie häufig erst in einem höheren Alter als frühere Generationen.Zwischen diesen Polen entsteht eine verlängerte Zwischenphase, eine «neue Adoleszenz». Junge Menschen müssen durch komplexe Bildungswege navigieren, sich auf einem unsicheren Arbeitsmarkt orientieren und ihre Zukunft planen, während sie gleichzeitig mit globalen Krisen, digitaler Öffentlichkeit und hohen gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert sind.Diese Phase ist geprägt von Entwicklungsmöglichkeiten und Chancen, zugleich aber auch von erhöhter Vulnerabilität. Umso bedeutsamer werden die Menschen und Orte, die Orientierung, Sicherheit und Zugehörigkeit vermitteln und auch all jene Übergänge begleiten.Zentrale Entwicklungsräume unter DruckFamilie ist und bleibt der wichtigste Entwicklungs- und Schutzraum für Kinder und Jugendliche. Für eine gelingende Entwicklung braucht es verlässliche Bezugspersonen, Zugehörigkeit und eine emotionale Heimat. Gleichzeitig stehen viele Familien heute selbst unter erheblichem Druck. Verdichtete Erwerbsarbeit, steigende Wohn- und Lebenshaltungskosten sowie lückenhafte familien- und sozialpolitische Unterstützung übersetzen sich in Alltagsstress, der sich unweigerlich auch auf Kinder und Jugendliche überträgt.Einen grossen Teil ihres Alltags verbringen Jugendliche in einem zweiten zentralen Entwicklungsraum: der Schule. Wenn junge Menschen beschreiben, was sie belastet, stehen häufig Prüfungsdruck, Noten, Hausaufgaben, Unsicherheit bezüglich Ausbildung und Studium sowie Sorgen um die berufliche Zukunft im Vordergrund.Gleichzeitig ist Schule weit mehr als ein Ort der Leistung. Hier entstehen Freundschaften, Zugehörigkeit und wichtige Beziehungen zu Erwachsenen ausserhalb der Familie. Schule ist Lernumgebung und Lebens- sowie Entwicklungsraum zugleich. Doch auch das System Schule steht unter Druck. Lehrkräfte berichten von hoher Arbeitsbelastung, Zeitmangel und steigenden Anforderungen. Wenn Schule ein entwicklungsfördernder Raum sein soll, müssen deshalb nicht nur Schülerinnen und Schüler gestärkt werden, sondern auch Lehrpersonen und die Institution Schule selbst.Die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit kann nicht allein darin bestehen, die individuellen Anpassungsfähigkeiten junger Menschen zu fördern. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welche Bedingungen wir schaffen, damit gesunde Entwicklung gelingen kann.Menschsein jenseits der SelbstoptimierungIn vielen Diskursen über psychische Gesundheit schwingt eine implizite Norm mit: das Ideal des rundum optimierten, dauerhaft funktionalen Menschen. Jugendliche sollen resilient, leistungsfähig, emotional kompetent, sozial integriert, engagiert, das zukünftige Rentensystem tragend und möglichst dauerhaft gut gelaunt sein.Dem lässt sich eine andere Haltung entgegensetzen: ein «Lob der Halbheit», wie es der Religionspädagoge Fulbert Steffensky formuliert. In eine ähnliche Richtung weist auch das Konzept des Psychoanalytikers Donald Winnicott, der von der «good enough mother» beziehungsweise vom «good enough parenting» spricht: Die Eltern sollen von der Last des Perfektionsideals entlastet werden.Menschen sind nie vollständig fertig, nie durchgehend souverän und nie frei von Brüchen, Ambivalenzen und Verletzlichkeiten. Das Unvollkommene ist kein Defizit, das beseitigt werden muss, sondern ein Teil des Menschseins. Eine halb gute Freundin, ein halb gelungener Versuch oder ein halb guter Vater sind oft realistischere und menschlichere Ziele als das Ideal des Perfekten.Die zentrale Aufgabe besteht somit nicht darin, dauerhaft funktionale junge Menschen heranzuziehen. Sie besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen junge Menschen mit all ihrer Unfertigkeit wachsen, scheitern, lernen, widersprechen und solidarisch teilhaben dürfen.David Bürgin ist klinischer Entwicklungspsychologe und Senior Researcher an der Universitären Psychiatrischen Klinik (UPK) Basel.Passend zum Artikel