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Volkswagen: VW erwägt Verkauf und Fertigung chinesischer Modelle in Europa Was lange als Tabu galt, wird bei VW konkreter: China-Modelle des Konzerns könnten künftig auch in Europa vertrieben, später zudem in deutschen Werken gebaut werden. Einen ersten Prüfauftrag gibt es schon.
Lazar Backovic 30.06.2026 - 16:23 Uhr Artikel anhörenModell ID.Era 9X von Volkswagen: „Testballon“ für den europäischen Markt? Foto: AFPDüsseldorf. Der Transformationskurs von Konzernchef Oliver Blume für Volkswagen reicht weiter als bislang bekannt war. Nach Angaben mehrerer Konzerninsider prüft Volkswagen erstmals konkret, eigene China-Modelle der Marke VW nach Europa zu holen. Ein entsprechender Auftrag umfasst sowohl den Import als auch eine spätere Produktion der Fahrzeuge oder von Komponenten in Europa.Als möglichen Produktionsstandort nennen Insider unter anderem das VW-Werk in Zwickau. Welche Modelle und Stückzahlen dafür infrage kommen, ist noch offen. Auch könnten die Pläne wieder verworfen werden. „Das dürfte erst mal ein Testballon sein, danach muss man weiterschauen“, sagt ein Entscheider. Volkswagen wollte sich auf Anfrage nicht äußern.Der Vorstoß könnte gleich mehrere Probleme bei Europas größtem Autobauer lösen: VW könnte die Werke auf seinem Heimatkontinent besser auslasten, von deutlich niedrigeren Entwicklungs- und Produktionskosten profitieren und Kunden Zugang zu Fahrzeugen verschaffen, die auf dem modernsten Stand der Technik sind. China gilt als weltweiter Leitmarkt der Automobilindustrie.Zwei Modelle gelten als Kandidaten für den europäischen MarktKonkret soll das Management um Konzernchef Blume zunächst das gemeinsam mit dem chinesischen Autohersteller SAIC entwickelte Range-Extender-SUV ID.Era 9X für einen Import ins Auge gefasst haben.Das Modell ist größer als der auslaufende VW Touareg und könnte eine Lücke im europäischen Portfolio schließen. In China gibt es den ID.Era zu Preisen ab umgerechnet rund 45.000 Euro zu kaufen. Volkswagens Touareg liegt in der Grundausstattung eher bei 75.000 bis 80.000 Euro.Volkswagen in Zwickau: Das Werk gilt als möglicher Produktionsstandort für ein China-Modell. Foto: Jan Woitas/dpaAls zweite und mittlerweile wahrscheinlichere Möglichkeit gilt ein anderes SUV, das erst im kommenden Jahr auf der neuen China-Plattform CSP auf den Markt kommen soll und eine ähnliche Größe wie der Touareg hat. Nach Angaben eines Insiders wäre ein Export frühestens Ende 2027 denkbar.Der Vorteil an dem CSP-Fahrzeug wäre, dass VW anders als beim ID.Era die Technik des Fahrzeugs komplett selbst beherrscht. Allerdings müssten die Fahrzeuge zuvor an europäische Anforderungen angepasst werden.Betroffen wären unter anderem Software, Assistenzsysteme, verbaute Materialien und regulatorische Vorgaben. Dabei prüft der Konzern erstmals auch, ob in China entwickelte Software für den Einsatz in Europa angepasst werden kann.VW steckt in der tiefsten Kosten- und Strukturkrise seit Jahrzehnten: Überkapazitäten, sinkende Margen und ein verschärfter China-Wettbewerb lasten auf dem Konzern. Zurzeit bereitet der Vorstand ein Sanierungspaket vor, das weit über ein bereits laufendes Sparprogramm hinausgehen soll.Nach Informationen des Handelsblatts steht dabei auch ein weiterer Stellenabbau im Raum, der dazu führen könnte, dass Volkswagen in nur einigen Jahren 100.000 Stellen weniger im Konzern zählt. Die Zahl ist so groß, dass sie selbst internationale Restrukturierungsfälle der jüngeren Industriegeschichte etwa bei General Motors oder IBM überträfe.Kommentar Wer nur Kosten senkt, gewinnt noch keinen Kunden zurück Lazar BackovicEntsprechend groß ist der Druck auf Vorstandschef Blume, neue Wege zu finden, Kosten zu senken, bestehende Werke auszulasten und die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns zu stärken. Für den 9. Juli ist dazu ein Aufsichtsratstreffen anberaumt.Separat soll im Juli auch das aktuelle und künftige China-Portfolio des Konzerns analysiert werden. Fraglich ist dabei auch, ob Lokalisierungsvorgaben der Europäischen Union das Vorhaben erschweren. Die Kommission arbeitet derzeit an einem Label „Made in Europe“, um sich vor Technik aus China zu schützen. Dies könnte sich als Nachteil für mögliche China-Importe von VW erweisen.Fest steht: Für den Konzern wären Importe von vollständig in China entwickelten und gebauten Autos ein Paradigmenwechsel. Bislang dominiert bei VW das sogenannte Weltauto-Prinzip, wonach Autos in Wolfsburg entwickelt, in Europa produziert und weltweit verkauft wurden.Milliarden-Investitionen in das China-GeschäftBereits seit drei Jahren produziert und entwickelt Volkswagen zunehmend Fahrzeuge in China für China. Ähnliche Ansätze sind für Nordamerika geplant.Auf der VW-Hauptversammlung Mitte Juni sagte Blume vor Aktionären: „Unser über Jahrzehnte erfolgreiches Geschäftsmodell funktioniert heute nicht mehr. Wir müssen es weiterentwickeln.“ Die Überlegungen zu den China-Modellen für Europa gehen genau in diese Richtung.VW hat in den vergangenen Jahren Milliarden in den Umbau seines China-Geschäfts investiert. Bis 2027 plant China-Chef Ralf Brandstätter die Einführung von insgesamt 40 neuen Modellen in China auf teils eigenen Plattformen. Viele der Modelle entstehen in der Volkswagen China Technology Company (VCTC) im ostchinesischen Hefei, dem mittlerweile zweitgrößten Entwicklungsstandort des Konzerns – nach Wolfsburg.Autoindustrie „Kommt trojanischem Pferd gleich“: Wie China-Marken Fabrikprobleme deutscher Autobauer ausnutzen Dort entwickelt VW seine Autos nicht nur schneller, sondern auch 40 und bald 50 Prozent günstiger als in Europa. Niedrigere Lohn- und Energiekosten sorgen für erhebliche Vorteile. So kostet eine Entwicklerstunde in China weniger als die Hälfte des deutschen Niveaus, auch die Fabrikkosten gelten als deutlich niedriger.So könnten die China-Modelle selbst mit möglichen Strafzöllen für den Konzern wirtschaftlich interessant sein. Hersteller wie BYD, Chery oder Geely, aber auch der US-Elektroautobauer Tesla exportieren seit Jahren Fahrzeuge aus China in die ganze Welt.Kontroverse Diskussionen in WolfsburgBeim Import von Elektroautos aus China erhebt die EU zusätzlich zum Basiszoll von zehn Prozent einen sogenannten Ausgleichszoll. Für SAIC liegt dieser bei 35 Prozent, für BYD bei 17 Prozent, Tesla zahlt knapp acht Prozent extra. Auch mögliche VW-Stromer aus China würden mit einem Ausgleichszoll belegt.Der Unterschied zu den neuen Überlegungen besteht darin, dass der Tavascan weitgehend auf europäischer Technik basiert. Nun würden erstmals Fahrzeuge verschifft, die ursprünglich für den chinesischen Markt entwickelt worden waren.Modell Cupra Tavascan: Ausnahme von den EU-Zusatzzöllen. Foto: PREntsprechend kontrovers wird das Thema in Wolfsburg diskutiert. Bislang galt die unausgesprochene Regel, dass in China entwickelte Fahrzeuge nicht nach Europa kommen – auch um hiesigen Modellen keine Konkurrenz zu machen und die Auslastung der europäischen Werke nicht zusätzlich unter Druck zu setzen.Nach Informationen des Handelsblatts stößt die Prüfung zusätzlicher Modelle bei Arbeitnehmervertretern jedoch nicht grundsätzlich auf Ablehnung. „Auch die IG Metall weiß durchaus, was zurzeit bei VW auf dem Spiel steht“, sagt ein Manager.Autobauer Vier Standorte nicht ausgelastet – VW sprach offenbar schon 2024 mit Chinesen über deutsche Werke Bereits im Mai hatten die Spitzen von Betriebsrat und IG Metall betont, dass sie neue Geschäftschancen für die deutschen Standorte grundsätzlich ergebnisoffen prüfen würden, solange diese bestehende Zusagen aus dem Tarifkompromiss von Ende 2024 ergänzten und nicht ersetzten. Als rote Linie gelten für Betriebsratschefin Daniela Cavallo jedoch weiterhin Werksschließungen und ein Abrücken von vereinbarten Beschäftigungsgarantien. Verwandte Themen ChinaEuropaOliver BlumeEuropäische UnionBYDIG MetallAuch im Vorstand gehen die Meinungen auseinander. „Das, was Blume vorschwebt, schwebt längst nicht jedem vor“, sagt ein Insider. Finanzchef Arno Antlitz warnte jüngst in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ davor, „Fahrzeuge von völlig fremden Wettbewerbern aus China zu bauen und diese Fahrzeuge auch noch mit dem Volkswagen-Qualitätsimage auszustatten“. Das hatten einige in Wolfsburg als Veto gewertet.Einen im Vorstand würde die Debatte aber weiter stärken: China-Chef Ralf Brandstätter. Mit der VCTC verfügt er inzwischen über weitreichende Entwicklungsbefugnisse. Zudem sollen die chinesischen Werke künftig verstärkt als Exportdrehscheibe für Zentralasien, Afrika, Südamerika und Südostasien dienen. Europa war bislang ausgenommen. Noch. 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