Die Tanzsparten im deutschen Stadt- und Staatstheatersystem sind in der Regel sehr international. Egal, wo man hinschaut: Immer sind die Ensembles gemischt, bestehend aus Mitgliedern aus aller Welt. Und überall ist die gängige Verkehrssprache Englisch. Das gilt längst auch jenseits der Metropolen. Die einstige Provinz hat qualitativ aufgeschlossen: Die Tanztechnik ist auf hohem Niveau, die Spielpläne wagen das eine oder andere Experiment, von international tätigen Choreografen inszeniert. So verhält es sich auch für die vier Häuser in Sachsen-Anhalt, wo Anfang September ein neuer Landtag gewählt wird – mit der Aussicht, anschließend von der AfD regiert oder zumindest mitregiert zu werden.Die Frage liegt also nahe: Ist das Politische ein Thema in den Tanz- und Ballettdirektionen von Halle, Dessau, Magdeburg und Halberstadt?Wer sich das Kapitel „Kultur und Integration“ im Regierungsprogramm-Entwurf der AfD zu Gemüte führt, stößt gleich zu Beginn auf die Kernbotschaft: „Deutsch denken!“ Unter den Dächern der Bühnen in Sachsen-Anhalt arbeiten freilich Tänzer, die von Brasilien bis Italien, Spanien bis Neuseeland, der Ukraine, Japan und China ein globales Herkunftsspektrum abdecken. Was der AfD wohl kaum ins Konzept passt. Als Oppositionspartei hat sie schon 2019 in Baden-Württemberg Auskunft über die Staatsangehörigkeit von Balletttänzern und Orchestermusikern verlangt. Was sollte sie davon abhalten, einen ähnlichen Schritt in Sachsen-Anhalt zu gehen?Kulturpolitik:Alles Ideologen, nur wir nichtSound der Verachtung: In ihren Programmen zu den Landtagswahlen im Herbst reduziert die AfD die Kultur zur Heimatpflege – und kündigt Überprüfungen an.Auf Nachfrage, wie die Lage derzeit erlebt und eingeschätzt wird, antworten zwei der vier Ballettdirektoren des Landes persönlich. Halle schickt ein allgemeines Statement des Theaters, das aufs eigene Einstehen „für künstlerische Freiheit, Internationalität, Vielfalt, Teilhabe und ein diskriminierungsfreies Miteinander“ abhebt. Eine ähnliche Nachricht kommt aus Magdeburg, wo man sich „gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und demokratiefeindliche Ideologien“ positioniert.Interessanterweise sind es die Vorstände der beiden deutlich kleineren Compagnien in Dessau und Halberstadt, die sich äußern. Stefano Giannetti vom Anhaltischen Theater Dessau lässt am Telefon Besorgnis erkennen, was die Zukunft nach der Wahl mit sich bringen könnte. Noch verfolgt offenbar niemand Abwanderungsgedanken, aber das könnte sich Anfang September ändern. Tarek Assam, der das Tanzdepartement des Harztheaters in Halberstadt und Quedlinburg leitet und gerade ein erfolgreiches „TanzArt ostwest“-Festival auf die Beine gestellt hat, ist der einzige Chef, der sich schriftlich einlässt. Und zwar mit großer Klarheit.Es herrscht eine Verunsicherung in den CompagnienAssam, dessen Ensemble fünf Nationalitäten im Ballettsaal vereint, schildert die Vorsichtsmaßnahmen, die bereits jetzt angesichts der Montagsdemos getroffen werden: „Wir bitten unsere Tanzgäste (Choregraph:innen, Ausstatteri:innen, Trainingsleiter:innen und Tänzer:innen) nicht nach der Auflösung der Montagsdemos auf die Straße zu gehen.“ In Form regelmäßiger Gespräche „über mögliche politische Veränderungen“ verfolge man zudem eine proaktive Linie. Denn: „Die mögliche Wahlentwicklung ist ein präsentes Thema“, und zwar im gesamten Theaterbetrieb. Es sei, auch in der Stadt, „eine deutliche Verunsicherung spürbar“. Persönlich plädiert Assam „für einen Dialog auf dem Boden des Grundgesetzes“, das er als „tragfähige und unverrückbare Brandmauer“ bezeichnet.Sicher ist: Mit dem Slogan „Deutsch denken!“ wird eine AfD-geführte Regierung am Ballett- und Tanzrepertoire auf jeden Fall scheitern. „Schwanensee“ in Dessau, „Der kleine Prinz“ in Magdeburg, „Infinity“ in Halle, „Cardillac“ in Halberstadt – auch die kommende Saison ist mit internationalen Sujets bestückt. Der Tanz kann gar nicht anders.
Theater in Sachsen-Anhalt: Was, wenn die AfD kommt?
Die Tanzsparten an deutschen Theatern sind sehr international und divers. Sollte die AfD die Wahl gewinnen, könnte das Folgen für sie haben.







