Minute 102, tief in der Verlängerung von Foxborough, dreizehnte deutsche Ecke. Jonathan Tah steigt am langen Pfosten hoch und drückt Nathaniel Browns Hereingabe mit voller Wucht rechts oben in den Knick.Für ungefähr neunzig Sekunden ist Tah der Mann, der alles wiedergutmacht. Das maue Auftreten der deutschen Nationalelf in den letzten 101 Minuten. Die Pleite gegen Ecuador. Vielleicht sogar alles, was seit dem WM-Titel 2014 schiefgelaufen ist: das Vorrunden-Aus 2018 in Russland gegen Mexiko und Südkorea, vier Jahre später in Katar die Niederlage gegen Japan und die zähen Remis gegen Spanien und Costa Rica, als wieder in der Gruppenphase Schluss war.Aber nein. Wir haben die Rechnung ohne das Mängelwesen Mensch gemacht.Als Tah die Ecke ins Tor und ins vermeintliche Glück köpft, gefällt der Video-Assistentin aus Nicaragua nicht, wie Waldemar Anton Torhüter Orlando Gill anschaut. Schiedsrichter Jalal Jayed läuft zum Monitor, sieht, was seine Kollegin sieht (was auch immer es war) und nimmt das Tor zurück. Im Elfmeterschießen ist es dann Tah, wer sonst, der den Ball über die Latte zimmert, nachdem Paraguay mit zwei Fehlschüssen Deutschland noch einmal Hoffnung geschenkt hatte. Deutschland fährt nachhause, Fußballzwerg Paraguay ist eine Runde weiter.Tah ist der tragische Held dieser WM-Nacht. Und so weh es tut: Genau solche Helden brauchen wir.