PfadnavigationHomeGeschichteStreit um NS-BunkerBerlins geschichtsloser Umgang mit dem unterirdischen Erbe geht weiterStand: 14:55 UhrLesedauer: 5 MinutenDietmar Arnold 2007 im Inneren des Großen Bunkers der Neuen ReichskanzleiQuelle: Reiner JanickWegen eines schon 2006 beschlossenen Bebauungsplans soll ein Relikt der Hitler-Zeit in Berlins Mitte demnächst abgerissen werden. Der Stadthistoriker Dietmar Arnold vom Verein Berliner Unterwelten ist entsetzt.Die Posse um die NS-Hinterlassenschaften im Boden des früheren (und heutigen) Regierungsviertels in Berlin-Mitte bekommt ein neues Kapitel. Dieses Mal geht es um den sogenannten Großen Bunker der Neuen Reichskanzlei. Er liegt nördlich der Voßstraße, mitten im 1961 bis 1989 gesperrten Todesstreifen der DDR. Seit dem Fall der Mauer hat sich hier wenig getan, wenn man vom fast ungebremsten Wachsen von Bäumen und Büschen absieht.Wegen des weiter geltenden Bebauungsplans für das Areal von 2006 soll der vorhandene Rest dieses Bunkers „tiefenttrümmert“, also vollständig abgetragen werden, um hier einen Neubau mit Wohnungen und Büros zu errichten. Dietmar Arnold, Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten und bester Kenner des unterirdischen Erbes der Stadt, ist fassungslos und kritisiert den geschichtslosen Umgang mit den Resten der Vergangenheit. Denn die Zerstörung des historischen Relikts ist unnötig – man müsste nur den Neubau etwas anders anordnen, als vor zwei Jahrzehnten bürokratisch festgelegt. „Über 1200 Quadratmeter sind in sehr gutem Zustand“, sagte Arnold gegenüber WELT.Unter der teilweise betonierten Fläche verbirgt sich ein riesiger, zu knapp der Hälfte erhaltener Bunker. Anfang 1938, als Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer hier hinter einer hohen Sichtschutzmauer die Neue Reichskanzlei bauen ließ, entstand im Fundament des Mitteltraktes mit Hitlers gigantischer, 390 Quadratmeter großer Arbeitshalle nach den damals neuesten Standards dieser Schutzraum.Die Anlage umfasste einst bei Wand- und Deckenstärken von 1,70 Metern auf einer Innenlänge von 106 Meter und einer Breite von 28 Metern 53 Räume. Über angrenzende Kellerräume war sie verbunden mit anderen Teilen des Untergeschosses. Von hier gab es auch den Zugang zu Treppen zum nördlichen Bürgersteig der Voßstraße, die mit hydraulisch zu öffnenden Betonplatten verschlossen werden konnten. Lesen Sie auchAuf einem bekannten Foto der Roten Armee kommt der letzte Wehrmachts-Kommandeur der Reichshauptstadt, General Helmuth Weidling, am 6. Mai 1945 aus diesem Bunker. Diese Aufnahme wird oft benutzt, um die Kapitulation Berlins vier Tage zuvor zu illustrieren, auch wenn sie mit dem eigentlichen Vorgang nichts zu tun hat und Weidling auch nicht seinen Gefechtsstand in diesem Bunker hatte. Der Fußboden des Großen Bunkers lag bei einer Deckenstärke von 1,70 Meter etwa sechs Meter unter der Erde. Der Luftschutzkeller war eigentlich als künftiger Führerbunker vorgesehen worden. Doch die Planer hatten nicht vorausgesehen, dass Hitler sich vergleichsweise selten in seinem völlig überdimensionierten Arbeitszimmer in der Neuen Reichskanzlei aufhielt und viel öfter, wenn er denn überhaupt in Berlin weilte, im Reichskanzler-Palais an der Wilhelmstraße 77.Jedenfalls wurde der Große Bunker unter der Neuen Reichskanzlei schon 1939 offiziell für die schutzsuchende Öffentlichkeit freigegeben und nach den ersten Luftangriffen der britischen RAF im Spätsommer 1940 tatsächlich als „Mutter-Kind-Bunker“ genutzt. Die perfekt mehrsprachige Berlin-Korrespondentin der „Chicago Daily Tribune“ Sigrid Schultz berichtete wenige Wochen später: „Als ich an Hitlers Reichskanzlei vorbeiging, sah ich vier Busladungen Jungs und Mädchen vor dem Eingang, die quengelten und weinten. Junge SS-Männer halfen ihnen aus den Bussen und brachten sie hinein.“Die Journalistin, die Deutsch reden konnte „wie eine Berliner Marktfrau“, erkundigte sich bei einem uniformierten Wachposten, was vor sich gehe. Die Antwort war, dass Abend für Abend Kinder in dem Bunker untergebracht, dort betreut und am kommenden Morgen wieder zurück zu ihren Eltern gebracht würden.Lesen Sie auchIm Gegensatz zu dieser erstaunlich offenen Information über den Großen Bunker waren Existenz und Lage des eigentlichen Führerbunkers streng geheim. Er befand sich gut hundert Meter weiter nördlich, im Untergeschoss des 1935/36 errichteten Festsaals der Reichskanzlei, der in den Garten des benachbarten Auswärtigen Amts in der Wilhelmstraße 76 gebaut worden war. Bei Wandstärken von 1,20 Metern hatte er innen eine Länge von 15,50 Metern, eine Breite von 18,50 Metern und eine Höhe von 3,08 Metern. Der Luftschutzraum mit einer Decke von 1,60 Metern hatte insgesamt 18 Räume. Weil dieser Bunker mit Fortgang des Krieges nicht mehr sicher genug gegen die immer stärkeren Bombenkaliber erschien, ordnete Hitler Mitte Januar 1943 an: „Da der Luftschutzbunker in der Reichskanzlei nur eine Deckenstärke von 1,60 Metern hat, ist im Garten sofort ein Bunker nach den neuen Abmessungen (3,50 Meter Decke, 3,50 bis 4 Meter Seiten), aber mit denselben inwendigen Abmessungen wie der jetzt vorhandene Führerbunker zu bauen.“Lesen Sie auchDieser zweite Teil seines persönlichen Schutzraumes wurde 1943/44 errichtet und war im Januar 1945, als Hitler nach Berlin zurückkehrte, zwar nicht ganz fertig, aber bereits nutzbar. In diesem Hauptbunker des Führerbunkers verbrachte er den größten Teil der verbleibenden 14 Wochen seines Lebens, und hier nahm er sich am 30. April 1945 das Leben. Den älteren Bauteil, den Vorbunker unter dem Festsaal, nutzten Mitglieder seiner Entourage wie die Sekretärinnen. Beide Bunkerteile wurden während des Krieges nie getroffen. Nach Kriegsende entwickelten sich die Bunker unter der Neuen Reichskanzlei und der zweiteilige Führerbunker zunächst zum beliebten Ziel für Besucher aus den Siegermächten. 1948 versuchten die Sowjets, den Führerbunker zu zerstören, doch sie beschädigten ihn nur. Der Große Bunker unter der Reichskanzlei überstand den Abbruch des darübergelegenen Gebäudes Anfang der 1950er-Jahre weitgehend unbeschädigt. Mit der Sperrung der innerstädtischen Sektorengrenze durch die DDR-Machthaber am 13. August 1961 lagen die Reste beider Anlagen im Sperrgebiet. Anfang der 1970er-Jahre fürchtete die Staatssicherheit, der SED-Geheimdienst, Bunkeranlagen aus dem Weltkrieg könnten als Fluchtwege unter der Mauer genutzt werden, und führte umfangreiche Suchen in den „untertägigen Anlagen“ (so der Titel der einschlägigen Stasiakte) durch. Ende der 1980er-Jahre wurden der komplette Vorbunker des Führerbunkers und etwas mehr als die Hälfte des Großen Bunkers für den Neubau von Plattenbauten tiefenttrümmert; der 1943/44 errichtete Hauptbunker erwies sich als zu stark dafür, weshalb heute noch etwa 8,50 Meter unter dem heutigen Bodenniveau die etwa zweieinhalb Meter starke Bodenplatte beginnt; außerdem gibt es noch Reste der Seitenwände in unterschiedlicher Höhe. Deshalb liegt über diesem Areal heute ein Parkplatz.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Über den Führerbunker verfasste er 2003 das erste verfügbare Buch, das seit 2017 in stark erweiterter und aktualisierter Form unter dem Titel „Hitlers Ende im Führerbunker“ vorliegt.