Die Explosion war so laut, dass man sie überall hörte im kleinen Monaco. Sie veränderte gleich auch das Selbstverständnis des Fürstentums am Mittelmeer.Nicht weit von der Place des Moulins, im Eingang eines Wohnhauses, detonierte am Montagabend um 21 Uhr ein Sprengsatz in einem Paket. Drei Personen einer ukrainischen Familie wurden verletzt: die Eltern schwer, der 13-jährige Sohn leicht. Was genau der Hintergrund der Tat war, ist noch unklar. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass man es „höchstwahrscheinlich“ mit einem Anschlag zu tun habe – wohl nicht mit einem terroristischen, eher mit einem aus dem organisierten Verbrechen. Der mutmaßliche Täter floh. Nach Italien? Nach Frankreich?Monaco ist für die Reichen ein Hafen der Ruhe. Jetzt nicht mehr?Albert II., der Fürst von Monaco, sprach von einem „Schock für die gesamte monegassische Gemeinde“. So etwas hatte es in seinem Land noch nie gegeben. Er versicherte, dass seine Behörden sehr eng mit den französischen zusammenarbeiteten, um den Täter zu finden und den Fall zu lösen. Die drei Verletzten werden in Krankenhäusern im nahen Nizza behandelt.Monaco, muss man dazu wissen, lebt davon, dass seine vermögenden Bewohner aus dem Ausland im dicht bebauten Fürstentum nicht nur ein Steuerparadies sehen, sondern dazu einen Hafen der Ruhe, in dem sie unter ihresgleichen sind – unter Reichen. Alles ist dafür angelegt, dass es diesen Residenten gut geht.Bei den Opfern des mutmaßlichen Attentats handelt es sich um die Familie des ukrainischen Oligarchen Vadym Iermolaiev. Dessen Vermögen schätzt das Finanzmagazin Forbes auf mehrere Hundert Millionen Dollar, auf der Rangliste der reichsten Ukrainer stand er 2022 an 23. Stelle. Doch Iermolaiev ist in der Ukraine nicht mehr gern gesehen. Nach der russischen Annexion der Krim im Jahr 2014 hatte er sich geweigert, seine Geschäfte dort abzubrechen, vor allem sein Business mit Spirituosen – er macht es seither mit den Russen.2023 setzte ihn Kiew auf die Liste derer, die mit Sanktionen belegt werden. 2019 gab er die ukrainische Staatsangehörigkeit auf und nahm die zyprische an.In Dnipro baute Iermolaiev Einkaufszentren und LuxusresidenzenGeboren wurde Iermolaiev 1968 im heutigen Dnipro, im Osten der Ukraine. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, absolvierte den Militärdienst in der Sowjetarmee. In den 1990er-Jahren, nachdem die Ukraine ihre Unabhängigkeit erlangt hatte, gründete er einen Mischkonzern namens Alef, in dem alle seine Geschäftsfelder zusammengefasst sind: Immobilien, Nahrungsmittel, Baumaterialien, Maschinen. In Dnipro baute er Einkaufszentren, Bürohäuser, Luxusresidenzen.Französische Medien, die sich nun aus gegebenem Anlass erstmals ausführlich für Iermolaiev interessieren, berichten, der Unternehmer sei vor einigen Jahren schon einmal ins Visier der europäischen Behörden geraten. Die Europäische Zentralbank entzog der Versobank mit Sitz in Estland, die ihm zur Hälfte gehörte, die Lizenz. 87 Prozent der Kunden dieser Bank waren Ausländer. Die EZB hatte deshalb den dringenden Verdacht auf Geldwäsche. Das war 2018, die Regionalzeitung Nice-Matin berichtete darüber. Danach wurde es wieder still um Iermolaiev – bis zur lauten Explosion am Montagabend bei der Place des Moulins in Monaco.