Eines vorweg: Ich bin ein überzeugter Fan der Bahn. Ein Fortbewegungsmittel, in dem ich bequem von A nach B reise und die freie Wahl habe, ob ich lese, arbeite, döse oder einfach nur aus dem Fenster schaue – entspannter kann ich nicht reisen. Das Konzept an sich ist unschlagbar. In der Theorie. Matthias Heinrich ist Niedersachse. Nach Jahren in Berlin ist er mit seiner Familie wieder in der Provinz gelandet – allerdings in der fränkischen. Im Vergleich mit seinen Kindern fiel ihm die Eingewöhnung deutlich schwerer. Inzwischen hat er sich dank seiner Kinder und des Fußballvereins an Schäuferla und Seidla gewöhnt. Mit dem bayerischen Schulsystem hadert er aber noch. Hier in der Eltern-Kolumne „Schlaflos“ schreibt er unter Pseudonym. Bild: F.A.Z. Ich verzeihe der Bahn viel. Verspätungen, Ausfälle, fehlende Wagen, defekte Klimaanlagen, technische Störungen – das kenne ich alles. Trotzdem steige ich immer wieder ein. Ich habe nachgeschaut: Im Jahr 2024 bin ich nicht ein einziges Mal mit dem Zug angekommen, den ich gebucht hatte.Diese Unzuverlässigkeit, das Nicht-planen-Können, das ärgert mich schon: Aber ich vergesse jede Enttäuschung und vergebe jeden geplatzten Termin immer wieder und stehe dann hoffnungsfroh und optimistisch auf der Matte – oder eben: am Gleis. Dieser Gleichmut könnte vom Fußball kommen. Da bin ich Fan von Werder Bremen.Mit wenig Ballast ist man mobilerAber bleiben wir bei der Bahn. Ein befreundetes Paar hat im vergangenen Sommer Interrail-Urlaub gemacht. Gut zwei Wochen sind sie mit ihren drei Kindern (elf, neun und sechs Jahre alt) kreuz und quer durch Frankreich und Großbritannien gereist. Meine Frau und ich waren überrascht, dass es Interrail überhaupt noch gibt. Die beiden kamen aus dem Schwärmen gar nicht heraus. „Zugfahren ist total entspannt, wenn du erst mal aus Deutschland raus bist“, strahlten sie. Und weiter: „Das geht ruckzuck. Von Paris nach London hat’s gerade mal zweieinhalb Stunden gedauert. Das kannst du nicht mal fliegen.“ Klar, beim Gepäck, da mussten sie sich einschränken – je Person ein Reiserucksack oder eine Tasche – mehr ging nicht. „Tja, da muss alles rein. Aber das ging super. Außerdem bist du mit wenig Ballast mobiler.“Wenig Gepäck, keine Staus, kein Boarding am Flughafen, keine Reisetabletten für Kinder mit Flugangst. Meine Frau und ich brauchten nicht lange, um zu sagen: „Das probieren wir auch mal aus.“Wir besprachen das noch kurz mit unseren Kindern. Theo (dreizehn) und Frida (elf) hatten keine allzu großen Einwände. Sie hätten die Ferien zwar auch gerne mit Freunden oder ausschließlich an ihren Handys verbracht, aber die Neugier auf Frankreich war größer.Späte Buchung zwingt zum frühen Aufstehen14 Tage wurden es nicht, sondern eine gute Woche. Wir buchten ein Interrail-Ticket für vier Reisetage. Weil wir etwas entspannen wollten, entschieden wir uns für zwei Ziele: erst drei Nächte Sightseeing in der Weltstadt Paris und anschließend vier ruhige Tage an der bretonischen Küste von Saint-Malo. Eine Übernachtung in Straßburg, die die Rückreise etwas entzerren sollte, verwarfen wir wieder. Den vierten Reisetag ließen wir offen. Wir wollten spontan entscheiden.Beim Interrail-Reisen mit der Familie ist Spontanität etwas für Romantiker. Vielmehr ist es absolut ratsam, die Buchung genau zu planen. Denn man muss Plätze in den Zügen reservieren, und die Plätze sind begrenzt. Die Reservierung ist ein Muss, wenn man mit der Bahn von Deutschland in ein anderes Land reist. Und im französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV sowieso.Wir hatten bei der Buchung für die Rückreise nach Deutschland etwas gebummelt. Um am gewünschten Tag zurückzufahren, mussten wir schon um sechs Uhr morgens von Saint-Malo aus abreisen. Das war der einzige verfügbare Zug. Es empfiehlt sich also dringend, vorzeitig zu buchen. Sonst bleibt man womöglich auf der Strecke.Unbesetztes Stellwerk wirft Pläne umGünstig ist Interrail auch nicht. Wir zahlten für den Interrail Global Pass mit vier Reisetagen 788 Euro. Je 283 Euro für meine Frau und mich, 212 für Theo. Kinder bis elf Jahre reisen kostenlos. Dazu kommen die Reservierungen, und da langen die Bahngesellschaften ordentlich hin. Je nach Reisezeit werden bis zu dreißig Euro pro Person und Fahrt fällig.Bei uns waren es insgesamt etwa 230 Euro. Meine Frau bemerkte bei diesen Preisen sarkastisch: „Die sollen sich doch nicht wundern, dass die Leute alle in die Billigflieger steigen.“ Umweltschonendes Reisen mit der Bahn muss man sich leisten können – und wollen. Nachdem wir das etwas trotzig akzeptiert hatten, freuten wir uns sehr auf den Urlaub.Dann kam unser Abreisetag. Um halb elf – so der Plan – sollte uns unser Nachbar zum Hauptbahnhof Erlangen bringen. Von da aus sollten wir bis Stuttgart fahren und da in den TGV steigen, der uns bis zu unserem ersten Ziel, Paris, Gare de l’Est, bringen sollte. Ich nippte gerade entspannt an meinem Kaffee, als meine Frau aufschrie: „So ein Mist! Der Zug fällt aus!“ „Welcher Zug fällt aus?“, fragte ich. „Der von Erlangen nach Stuttgart. Angeblich ist ein Stellwerk nicht besetzt!“ Sie zeigte mir die Meldung auf ihrer Bahn-App. „Sch… Und jetzt?“Gut, dass meine Frau vorher nachgesehen hatIch rief sofort bei der Servicenummer der Deutschen Bahn an. Nach knapp fünf Minuten Wartezeit, in der meine Frau und ich das weitere Vorgehen besprachen, meldete sich eine Servicemitarbeiterin. Mit beneidenswertem Gleichmut bestätigte sie mir, dass ein Stellwerk zwischen Stuttgart und Nürnberg nicht besetzt sei. Ach so, dachte ich. Da ist ganz einfach ein Stellwerk nicht besetzt, und dann fallen eben alle Züge aus. Fachkräftemangel nennt man das wahrscheinlich. Ich erklärte der Frau unsere Situation, dass wir unbedingt den Zug in Stuttgart erreichen müssten, da sonst unser Urlaub einen herben Fehlstart erleiden würde.Sie schlug uns vor, über Nürnberg nach Augsburg zu fahren und von dort dann einen Zug nach Stuttgart zu nehmen. „Zwischen Nürnberg und Augsburg ist, so wie ich das sehe, das Stellwerk besetzt.“ Beruhigend. Jetzt mussten wir also allerhöchste Eisenbahn machen. Der Zug in Nürnberg fuhr fast eine Stunde eher ab als der ursprünglich geplante, und die Fahrt dahin dauert länger.Zwanzig Minuten später saßen wir vier im Auto unseres Nachbarn, den ich zuvor mehr oder weniger aus der Dusche gezogen hatte. Mit einem Taxi hätten wir es nicht geschafft. Kurz vor dem Nürnberger Hauptbahnhof bekam meine Frau eine Pushmeldung über die Bahn-App. „Der Zug fällt aus. Die Zugbindung ist damit automatisch aufgehoben.“ Viel zu spät. Wenn meine Frau nicht zufällig vorher nachgesehen hätte, hätten wir keine Chance gehabt, den TGV in Stuttgart zu erreichen.Stuttgarts Bahnhof ist ein misslungenes ProvisoriumLetztlich haben wir es geschafft. Der Zug in Nürnberg war pünktlich und auch der Anschluss nach Stuttgart. Als wir ankamen, hatten wir noch gut fünfzig Minuten bis zur Abfahrt.Über den Stuttgarter Hauptbahnhof wird aktuell viel geschrieben. Die unendliche Baustelle, ein Milliardengrab. Erst 2031 soll er fertig sein. Es wird geklagt, geschimpft und sich über die Verzögerung, die steigenden Baukosten und die Unfähigkeit von Bahn, Stadt und Land beömmelt. Wie heißt der Slogan von Baden-Württemberg: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“? Von wegen.Ich will gar nicht meckern, aber ich kann nicht anders. Als Reisender gemeinsam mit Frau und Kindern bin ich einfach nur entsetzt. Wir sind alle entsetzt. Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist eine riesige Baustelle, ein einziges Provisorium. Allerdings kann man auch ein Provisorium freundlich, menschenwürdig gestalten. In Stuttgart ist das misslungen. Der Hauptbahnhof ist ein Ort, von dem man fliehen möchte. Wir müssen aber noch eine Dreiviertelstunde überbrücken.Auch im französischen Zug ist nicht alles intaktWir fliehen zumindest erst einmal aus dem Bahnhofsgebäude und lassen uns irgendwo unterhalb von Kränen und riesigen menschenleeren Bürotürmen nieder, an einem wasserlosen Brunnen, der grandios daran scheitert, die Stimmung aufzufrischen. Neben uns sitzt eine Großfamilie, offenbar genauso gestrandet ist wie wir. Vier junge Männer schleichen finster blickend an uns vorbei.Endlich steigen wir in den TGV. Ich bin aufgeregt, denn es ist meine erste Fahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug, auf den die Franzosen so stolz sind. Wir finden unseren reservierten Vierertisch und pflanzen uns nieder. Meine Frau und ich klatschen uns ab. Geschafft! Zum ersten Mal kommt so etwas wie Urlaubsgefühl auf. Der Zug startet, pünktlich auf die Minute. Es geht über Karlsruhe, dann über den Rhein nach Straßburg. Ich schaue aus dem Fenster und genieße die vorbeiziehenden Landschaften und Städte. Zu lange war ich nicht in Frankreich.Dann blicke ich mich im Zug um. Auch die anderen Passagiere sind entspannt. Geschäftsleute, Pendler und andere Familien aus Deutschland auf dem Weg in den Urlaub. Auch sie scheinen glücklich zu sein, in diesem Zug zu sitzen. Dabei ist der TGV gewiss kein Luxuszug. Die Einrichtung ist schlicht, pragmatisch, aber alt und etwas schmierig. Der Teppich im Gang hat Löcher. Der Mülleimer unter unserem Tisch fehlt.Der Schlüssel zur Wohnung liegt im afrikanischen SupermarktMeine Frau macht die Augen zu, Frida hört ein Hörbuch, Theo und ich spielen Rommé. Zwischendurch hatte ich mir im Bordbistro einen Cappuccino geholt, der ehrlich gesagt nicht besser ist als im ICE. Alle sind entspannt. Der Bildschirm an der Wand gegenüber zeigt an, dass wir Paris mit 324 Stundenkilometern entgegenpreschen. Irre.Wir kommen pünktlich an. Das Gewusel am Bahnhof ist wie erwartet gewaltig. Wir suchen den richtigen Ausgang, Gare de l’Est hat vier. Natürlich hätten wir ein Taxi nehmen können. Aber bis zu unserem Airbnb im Quartier de la Chapelle im 18. Arrondissement ist es nicht weit. Darum gehen wir zu Fuß.Allerdings ist das Gepäck doch recht schwer. Nach ein paar Hundert Metern nehme ich Frida ihre Tasche ab und komme ordentlich ins Schwitzen. Den Schlüssel für die Wohnung holen wir uns in einem kleinen afrikanischen Supermarkt ab. Das ist für uns Wahlfranken exotisch, abenteuerlich und sehr schön. Das Viertel erinnert ein bisschen an Neukölln oder Kreuzberg, ist aber doch völlig anders.Doppelt so schnell in Saint-MaloAn den nächsten Tagen erkunden wir die Stadt zu Fuß oder mit Leihrädern. Das ist für Familien mit größeren, verkehrssicheren Kindern absolut empfehlenswert. Ich rate dazu, etwas forscher zu fahren als in Deutschland. Das ist am sichersten. Wenn man stehen bleibt, ist man verloren. Mit den Rädern fahren wir kreuz und quer durch die Stadt und passieren auch größere Straßen ohne Probleme.Ohne Probleme, so lässt sich unsere weitere Reise gut beschreiben. Am Abreisetag fahren wir mit der Metro von unserer Wohnung zum Bahnhof Montparnasse. Wieder fährt der Zug pünktlich ab. Bis wir in Saint-Malo sind, dauert es gut zweieinhalb Stunden. Mit dem Auto hätten wir für die Strecke laut Google Maps etwa das Doppelte gebraucht.In Saint-Malo ist es verständlicherweise deutlich entspannter als in Paris. Auch hier nehmen wir uns Leihräder. Damit fahren wir bis zum Aquarium. Letztlich gefällt es uns am Meer, das jede Sekunde irgendwie anders aussieht als im Moment davor, so gut, dass wir den vierten Bahnreisetag verfallen lassen. Man hätte von Saint-Malo aus in einer guten halben Stunde nach Rennes, in die Hauptstadt der Bretagne, fahren können. Vielleicht machen wir das beim nächsten Mal.Irritierend wirkt auf uns die Zollkontrolle in DeutschlandNach Mont-Saint-Michel, dem neben dem Eiffelturm größten Besuchermagneten Frankreichs, gibt es leider keine Zugverbindung. Die Abtei auf einem Felsen mitten im Meer ist etwa eine Stunde entfernt. Wir hatten kurz überlegt, ein Auto zu mieten, verwarfen das aber sofort wieder, als wir die Mondpreise für das Mietauto sahen. Außerdem hätte es auch nicht zu unserem Urlaub gepasst.Am Tag der Abreise lief alles wie am Schnürchen, auch bei der Deutschen Bahn gab es keine Verspätung. Ungewöhnlich war nur, dass Zöllner die Waggons kontrollierten, als wir wieder in Deutschland waren. Aber das ging sehr zügig. Als Fazit können wir festhalten, dass das Reisen mit dem Zug eine gute Alternative zu Auto und Flugzeug ist. Kritikpunkte sind die recht hohen Kosten und die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn. Da sind die Franzosen schneller und wesentlich zuverlässiger.