Samstagmorgen, der ICE an Gleis drei des Frankfurter Hauptbahnhofs steht still und wirkt doch wie in Bewegung. Im ersten Morgenlicht schiebt sich eine Flut aus Reisenden mit ihren Rucksäcken und Reisetaschen durch die Türen des Zuges. Man sieht Familien mit Kindern, junge Paare, Alleinreisende mit Kopfhörern, Geschäftsleute mit Laptoptaschen. Da ist dieses typische Gemisch aus Kofferrollen, Kaffeedampf und Gesprächen.Der Zug, der in ein paar Minuten abfährt, gehört zu den wenigen direkten Hochgeschwindigkeitsverbindungen, die Deutschland ohne Umstieg mit Frankreich verbinden: Von Frankfurt geht es nach Paris, vorbei an Rhein und Vogesen, hinein in eine andere Sprache, einen anderen Rhythmus.Als der ICE Fahrt aufnimmt, verschwindet der Bahnsteig langsam aus dem Fenster. Die Mainmetropole bleibt zurück, während sich der Zug in Richtung Westen bewegt. Im Waggon stellt sich schnell eine Art provisorischer Alltag ein. Kaffeebecher auf Klapptischen, Gespräche in gedämpfter Lautstärke, man hört das Klackern der Tastaturen. An einem der Tische sitzen drei Menschen mit unterschiedlichen Reiseplänen.„Reisen mit dem Zug ist nachhaltiger“Da ist Ahmed Hatem, Anfang zwanzig, der nach Paris fährt, um Freunde zu besuchen. Er sitzt am Fenster, ganz in Schwarz gekleidet, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Er lächelt häufig, besonders wenn das Gespräch auf Paris und seine Pläne dort kommt. „Es ist großartig, einer Stadt wie Paris mit all seinen touristischen Möglichkeiten so nah zu sein“, sagt er. Hatem spricht ruhig, fast beiläufig über seine Entscheidung, mit der Bahn in die französische Hauptstadt zu reisen. Für ihn ist der Zug keine Alternative, sondern die naheliegende Wahl. „Es ist nachhaltiger“, sagt er. Flugreisen schließe er zwar nicht grundsätzlich aus, „auf so eine kurze Distanz aber hat es keinen Sinn“.Neben ihm sitzt Nina Bruns, Anfang dreißig. Ein großer Rucksack lehnt an ihrem Sitzplatz. Sommerlich gekleidet, offen und gesprächig erzählt sie von ihrer Fahrt, die sie über Paris bis an die Atlantikküste führen wird. Trotz der langen Reise, die bevorsteht, wirkt sie nicht gestresst, sondern voller Vorfreude. Ihre Route ist komplexer als die ihres Sitznachbarn: Bruns ist schon am Vorabend aus Berlin nach Frankfurt gefahren, nun bringt der ICE sie nach Paris. In der Stadt wird sie den Bahnhof wechseln, vom Gare de l’Est zum Gare Montparnasse, um weiter nach Bordeaux zu reisen und schließlich die Atlantikküste zu erreichen. Klingt alles ein bisschen anstrengend. „Das ist für mich kein Umweg, sondern Teil der Reise“, entgegnet Bruns.Sehnsuchtsort Paris: In weniger als vier Stunden fahren die Hochgeschwindigkeitszüge von Frankfurt in die französische Hauptstadt.dpaIhr gegenüber sitzt Malte Vatkins mit seiner Partnerin und dem gemeinsamen fünf Monate alten Sohn. Während Vatkins erzählt, meldet sich sein Sohn immer wieder mit begeistertem Brüllen zu Wort und sorgt für Schmunzler im Waggon. Die Eltern wirken gelassen, routiniert. Auch ihr Ziel ist zunächst Paris, dann kommt die Weiterfahrt mit dem Eurostar durch den Ärmelkanal in Richtung London und weiter nach Oxford. Warum haben sie sich für den Zug entschieden? „Mit einem Kind ist es einfacher, wenn man sich bewegen kann“, sagt Vatkins. Die Möglichkeit, aufzustehen, ein paar Schritte zu gehen, nicht auf einen Sitzplatz im Flugzeug fixiert zu sein, sei für ihn ein entscheidendes Argument. Komfort sei dabei kein Luxus, sondern eine Frage der Praktikabilität.Der Bahnverkehr läuft gut, aber nicht reibungslosMit jedem Kilometer Richtung Westen wandelt sich die Atmosphäre im Zug. Spätestens nach den Zwischenhalten in Karlsruhe und Straßburg füllen sich die Waggons bis auf den letzten Platz. Die Diskussion der Reisenden am Tisch geht währenddessen weiter. Sie sprechen über Preisunterschiede zwischen Flug und Bahn, über Buchungszeitpunkte, die manchmal überraschend stark über den Tarif entscheiden, und über technische Unterschiede zwischen den nationalen Bahnsystemen.Abfahrt in Frankfurt: Reisende besteigen den TGV in Richtung Mittelmeerküste.Wonge BergmannBruns berichtet, dass sie ihre Verbindung mehrfach neu gesucht habe, weil der gewünschte Zug zunächst gar nicht angezeigt worden sei. Vatkins spricht von steigenden Preisen bei früher Buchung, die sich kaum erklären ließen. Hatem kommt noch einmal auf das Thema Nachhaltigkeit zurück. Im Gespräch zeigt sich bald ein gemeinsamer Nenner, die Urlauber sind sich einig: Der internationale Bahnverkehr in Europa funktioniert gut, aber nicht reibungslos. Schnittstellen zwischen nationalen Systemen, unterschiedliche Buchungsplattformen und variierende Preissysteme erzeugen Reibungspunkte.Ein Sprecher der Deutschen Bahn bestätigt: Der innereuropäische Reiseverkehr mittels Bahn hat zugenommen. Die Verbindung zwischen Frankfurt und Paris beschreibt er als Teil eines wachsenden Netzes internationaler Hochgeschwindigkeitsrouten. Auffällig sei dabei die zunehmende Bedeutung von saisonalen Direktverbindungen. So gebe es seit 2023 etwa eine direkte Verbindung nach Bordeaux, weil die Nachfrage in den Monaten Juli und August besonders hoch sei. Diese Route sei „keine klassische Ganzjahresstrecke“, sondern eine saisonale Ergänzung. Besonders der Samstag, an dem die Direktverbindung in den zwei Sommermonaten angeboten wird, spiele dabei eine zentrale Rolle: Der Samstag ist der klassische „Bettenwechseltag“, an dem die Ferienunterkünfte neu belegt werden.Das Netz der Direktverbindungen soll wachsenVom Frankfurter Hauptbahnhof aus spannt sich mittlerweile ein großes Netz direkter Verbindungen quer über den Kontinent. Amsterdam liegt etwa vier Stunden entfernt, nach Brüssel kommt man in gut drei Stunden. Bis nach Straßburg dauert die Fahrt zwei Stunden. Wer weiterfahren möchte, erreicht Lyon, Marseille oder im Sommer auch Bordeaux ohne Umstieg. Südwärts führen Schienen über Basel in die Schweiz, nach Zürich, Interlaken oder Chur. Ostwärts fahren die Züge direkt bis Wien und Graz. Auch Mailand ist ohne Umstieg erreichbar.Besonders gefragt sind dabei Verbindungen nach Paris, Amsterdam, Brüssel sowie in die Schweiz. Mehrere tägliche Fahrten mit ICE, TGV, IC und ECE zeigen die hohe Nachfrage auf diesen internationalen Achsen. Und nicht selten erreicht man sein Ziel dabei schneller als mit dem Flieger – wenn man die Zeiten dazuzählt, die Reisende beim Ein- und Auschecken an den Flughäfen benötigen.An weiteren Direktverbindungen wird auch schon gearbeitet. Der Sprecher der Deutschen Bahn berichtet, dass es langfristige Planungen für eine Eurostar-Direktverbindung zwischen Frankfurt und London gebe. Ein solches Vorhaben sei technisch und organisatorisch jedoch weitaus komplexer als die klassischen Linien auf dem europäischen Festland. Die strengen Sicherheitsanforderungen, die notwendigen Grenzkontrollen sowie unterschiedliche Zulassungssysteme für die Züge machten das Projekt zu einer bürokratischen und logistischen Mammutaufgabe.Während Flugzeuge im Prinzip global einsetzbar seien, müsse im europäischen Schienenverkehr jedes Fahrzeug individuell für die jeweiligen Länder zugelassen und technisch angepasst werden. Unterschiedliche Stromsysteme, Signalsysteme und Sicherheitsstandards führten dazu, dass nicht jeder Zug überall fahren könne. Internationale Bahnverbindungen seien daher immer das Ergebnis von Kooperationen zwischen mehreren Bahngesellschaften.Der ICE, der am Morgen in Frankfurt abgefahren ist, nähert sich nun der französischen Hauptstadt. Das Tempo bleibt konstant, doch die Wahrnehmung verändert sich. Die Gespräche im Waggon werden leiser, viele blicken aus dem Fenster. In Paris angekommen, löst sich die Gruppe der Reisenden am Tisch, die der Zufall zusammengebracht hat, wieder auf. Jeder geht in eine andere Richtung, jede Reise setzt sich anders fort. Ahmed Hatem wird gleich seine Pariser Freunde treffen. Nina Bruns zieht weiter zu ihrem Zug in Richtung Bordeaux. Malte Vatkins mit seiner Familie hofft darauf, dass es bei den Anschlussverbindungen nach Großbritannien keine Probleme gibt. Auf die Urlaubszeit freuen sie sich alle.
Mit der Bahn von Frankfurt ins Ausland: Was für eine Fernreise im Zug spricht
Ohne Umsteigen: Vom Frankfurter Hauptbahnhof aus lassen sich immer mehr europäische Metropolen direkt erreichen. Die Fahrt in ICE oder TGV wird für viele Urlauber zur Alternative zum Flugverkehr.






