Während es Ende des vergangenen Jahrtausends keiner Erklärung bedurfte, wenn man sich zum Geschäftslunch zwei Gläser Weißwein bestellte, weckte derselbe Vorgang zuletzt Störgefühle, wie sie mancher hatte, wenn er in der Corona-Zeit drei Leute ohne Maske nebeneinanderstehen sah.Doch es ist etwas in Bewegung geraten. Gerade in München, erfahren mit Bewegungen, lässt sich feststellen, dass der öffentliche Konsum von Alkohol am helllichten Tag wieder an Selbstverständlichkeit gewinnt. Es mag damit zu tun haben, dass sich dafür der schicke Begriff „Daydrinking“ eingebürgert hat. Es mag – paradoxerweise – auch an der Konjunktur alkoholfreien Biers liegen: Wer schon morgens um elf eine Maß „mit Umdrehungen“ trinkt, ist geschützt durch die naheliegende Vermutung, es könne sich dabei nur um alkoholfreies Bier handeln. Ein weiterer Grund für die steigende Akzeptanz könnte aber auch die Einsicht sein, dass all die medizinischen Studien, die den Nullkonsum nahelegen, den Menschen nicht in seiner Gesamtheit erfassen.Unterdrücktes schlägt mehr auf den Magen als zwei Flaschen CrémantAls einer der wesentlichen lebensverkürzenden Faktoren gilt heute die Einsamkeit. Über viele Jahre waren Leute, die dem Alkohol zusprachen, gezwungen, dies überwiegend im Geheimen zu tun, mithin: allein. Diese Leute treten nun ans Licht, unter Menschen, Gleichgesinnte. Das Dunkelfeld wird dadurch kleiner, was nicht nur für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert ist. Es sollte bekannt sein, dass alles Unterdrückte auf Dauer mehr auf den Magen schlägt als zwei Flaschen Crémant. Jedenfalls bleibt es ein Desiderat an die Forschung, herauszuarbeiten, zu wie viel Prozent die gesundheitlichen Probleme, die ohne Zweifel mit dem Konsum des Alkohols einhergehen können, aus dessen Pathologisierung resultieren.Wir haben die Erfahrung gemacht: Wer es schafft, sich den ganzen Tag über auf dem Level „leicht einen sitzen“ einzupendeln, der wird auch sonst Maß und Mitte halten. Als ein Anzeichen für problematischen Alkoholkonsum gilt ja, dass man sein Leben nicht mehr im Griff hat. Dies kann in der Tat leicht passieren, wenn man die Nächte in Kneipen und Clubs verbringt. Demgegenüber fügt sich das Daydrinking bestens nicht nur in den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus, sondern auch in den Work-Flow, überhaupt in den Flow.Bestimmte Regeln sollten eingehalten werden, etwa: kein Bier vor vierBevor es nun wieder Leserbriefe von Suchtmedizinkoryphäen hagelt, sei klargestellt: Auch in Bayern, dem Land des Frühschoppens (besser als Frühshoppen!), in dem sieben Bier angeblich auch ein Schnitzel sind (und dann hat man erst noch nichts getrunken …), empfiehlt es sich, ein paar Regeln zu beachten, etwa: „kein Bier vor vier“. Um vier Uhr nachmittags sind die meisten eh längst im Feierabend. Und allen anderen, die etwa in Frankfurt noch abends um neun meinen, wichtig im Büro sitzen zu müssen, sei gesagt: Es gibt durchaus Erwerbsarbeit, die man mit ein, zwei Bier gut ausüben kann. Beraten oder Controllen etwa. Und natürlich Glösschen wie dieses schreiben.