Vor sechs Jahren wurde ein 14 Jahre altes Mädchen nordöstlich von Amsterdam von einem Auto erfasst und kurz darauf tot im Straßengraben gefunden. Der Fahrer, ein in Deutschland lebender Iraker namens Jamal T., wurde erst sieben Wochen später von der Polizei festgenommen. Er gab an, dass er auf die Navigationsanzeige seines Mobiltelefons geblickt, „Vibrationen am Lenkrad“ gespürt und daraus geschlossen habe, dass er durch ein Schlagloch gefahren sei. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihm und verhängte ein Jahr später ein Bußgeld gegen ihn in Höhe von 1500 Euro wegen unachtsamen Fahrens; damit war die Sache für den Mann erledigt.Aber nicht für die Familie von Tamar Boes. Sie engagierte eigene Gutachter, die Zweifel an der Darstellung der staatlichen Forensikbehörde NFI weckten, und legte Widerspruch gegen die Entscheidung der Staatsanwaltschaft ein. Die Ermittlungen wurden Ende 2022 wieder aufgenommen. Dreieinhalb Jahre später teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass sie den Fall vor Gericht bringen will – und den Fahrer nunmehr wegen fahrlässiger Tötung und Fahrerflucht anklagt. An diesem Dienstag beginnt das Strafverfahren vor einem Gericht in der Provinz Nord-Holland.Wurde das Mädchen in den Graben gezogen?Was genau die Ermittler zu der Anklage bewog, wollen sie erst im Prozess darlegen. In einer Pressemitteilung war lediglich allgemein von DNA-Analysen, rechtsmedizinischen Untersuchungen und verkehrstechnischen Ermittlungen die Rede. Die entscheidende Frage lautet: Hat der Fahrer den Unfall womöglich doch bemerkt? Hat er angehalten und den Körper des Mädchens in den Graben gezogen? Die Spurenlage ist komplex und hat zu unterschiedlichen Deutungen geführt.Das betrifft besonders die Position, in der das Mädchen eine Stunde nach dem Unfall tot in der Böschung neben der Straße gefunden wurde. Arme und Beine waren gestreckt – „als wäre sie aufgebahrt worden“, sagte ein Beamter, der den Tatort untersuchte. Außerdem wurde eine Schleifspur auf dem Asphalt entdeckt, die in gerader Linie entlang der Straße verlief. Der Fundort des Mädchens befand sich in einem „Knick“ zu dieser Spur, was sich schwer mit einem gewöhnlichen Aufprall vereinbaren lässt. Wurde Tamar Boes also wirklich in den Graben geschleudert, was das NFI in seiner Analyse zumindest für plausibel hielt?Lag Tamara vor dem Aufprall schon auf der Straße?Oder war sie dorthin gezogen worden, wie die von der Familie engagierten Experten darlegten und damit den Verdacht auf Jamal T. lenkten? Eine Rekonstruktion der Polizei ergab, dass dies zeitlich möglich gewesen wäre, jedenfalls in einem engen Zeitfenster. Der Unfall ereignete sich gegen 3.05 Uhr in der Nacht auf der Deichstraße, die von Monnickendam zur Insel Marken im Ijsselmeer verläuft. Vier Minuten später hielt der Wagen auf einem Parkplatz in Marken, wo zwei der Insassen ausstiegen und die Front des Fahrzeugs untersuchten. Das wurde von einer Überwachungskamera aufgezeichnet, weshalb Ermittler überhaupt dem Wagen auf die Spur gekommen waren. Um 5.30 Uhr verließ er den Inselort wieder.Ermittler fanden DNA-Spuren von unbekannten Dritten am Leichnam, jedoch in geringer Zahl. Sie konnten diese Spuren weder Jamal T. noch seinen Begleitern zuordnen. Verdächtig ist allerdings, dass die Männer noch in der Nacht zurück nach Deutschland fuhren, obwohl sie eigentlich in der Gegend zelten wollten. Außerdem wurde das Auto gereinigt und verkauft.Denkbar wäre, dass das Mädchen den Zusammenstoß überlebte und selbst in den Graben robbte. Ein von ihrer Familie engagierter Gutachter schloss das aus, während das NFI diese Möglichkeit offenließ. „Die inneren Verletzungen müssen nicht unbedingt unmittelbar zu einer direkten Handlungsunfähigkeit oder zum Tod geführt haben“, hieß es im Gutachten des staatlichen Instituts, das in solchen Fällen routinemäßig eingeschaltet wird.Die Staatsanwaltschaft hatte schon 2021 mitgeteilt, „dass die Verletzungen des Mädchens nicht mit einem Verkehrsunfall vereinbar sind“. Die Polizei untersuchte deshalb, ob das Mädchen von einem anderen Fahrzeug angefahren worden sei, schloss dies aber aus. Unklar bleibt bis heute, in welcher Position es erfasst wurde. Ging oder stand sie neben der Fahrbahn, als sie von dem Wagen erfasst wurde? Oder lag sie schon auf der Straße, saß oder kniete dort – was erklären könnte, warum sie für den Fahrer in der Dunkelheit schwer zu erkennen war.Möglicherweise spielen die äußeren Umstände eine Rolle. Das Mädchen hatte sich an dem Abend mit ihren Eltern darüber gestritten, wie lange sie aufbleiben darf. Die Eltern bestanden darauf, dass sie um Mitternacht zu Hause ist und zu Bett geht. Daraufhin hatte Tamar Boes das Haus verlassen. Die Eltern machten sich auf die Suche, konnten sie aber nicht finden, auch nicht mithilfe weiterer Jugendlicher.
Tamar Boes: Prozess wegen fahrlässiger Tötung in Holland
Eine Vierzehnjährige wird tot im Straßengraben gefunden, alles deutete auf einen Verkehrsunfall hin. Doch die Eltern beauftragen private Gutachter – jetzt muss sich ein Mann wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten.












