«Sie haben mir die Beine abgeschnitten»: Wie ein Dopingtest Maradonas WM-Karriere beendete – und Verschwörungstheorien befeuerteDas Drama um Diego Maradona von 1994 war so irre wie legendär. Seither scheint das Thema Doping an den Weltmeisterschaften nicht mehr zu existieren.Florian Haupt, Barcelona30.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDiego Maradona beim Torjubel während des WM-Spiels gegen Griechenland am 21. Juni 1994. Was er damals noch nicht wusste: Er würde nur noch einmal für Argentinien spielen.Charles Krupa / APEs gibt in der Geschichte des Fussballs keine zweite Figur wie Diego Maradona. Zum Besten fähig wie zum Schlimmsten, den höchsten Hochs und den tiefsten Tiefs. Maradonas Mythos ist unzerstörbar, er kommt nie aus der Konjunktur, schon gar nicht bei Weltmeisterschaften. Am Montag jährte sich zum 40. Mal seine Apotheose, der Finalsieg 1986 in Mexiko.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Dienstag, nur einen Tag später, jährt sich nun der Tag, an dem, wie er damals sagte, «sie mir die Beine abschnitten».WM 1994, ein Hotelzimmer in Dallas. Maradona hat auch in der B-Probe positiv auf das Aufputschmittel Ephedrin getestet. Um 13 Uhr Ortszeit hat der Fifa-Generalsekretär Joseph Blatter am Turniersitz des Weltverbands, ebenfalls in Dallas, bekanntgegeben, dass Argentinien den Superstar suspendiert habe.Michel D’Hooghe, Chef der medizinischen Kommission, sprach von einem «selbstgemachten Cocktail» mit fünf Substanzen und Ephedrin-Derivaten. Maradona sagte auf seinem Hotelzimmer einem argentinischen TV-Sender: «Ich denke, sie haben mich für alle Zeiten aus dem Fussball entfernt. Meine Arme sind erschlafft, meine Seele zerstört. Die Argentinier sollen nur wissen, dass ich nicht wegen Drogen rannte, sondern wegen des Herzens und des Trikots.»Zurück blieben Proteste in Buenos Aires und allerlei Verschwörungstheorien. Das Ereignis hat wie so vieles bei Maradona seine eigene Ikonografie: Argentinische Medien kehrten dieser Tage in das – inzwischen umbenannte – Hotel in Dallas zurück oder erinnerten an die Ärztin, die ihn damals vom Platz begleitete.Verblüffend ist aber auch ein anderer Umstand, der kaum mit der Realität des Leistungssports vereinbar scheint: Es war bis heute der letzte positive Dopingtest der Fussball-WM-Geschichte.Vorboten des IrrsinnsMaradona kam an jene Endrunde 1994 von einem Trip in die Hölle und zurück. 1991 war er nach einem positiven Test auf Kokain im Trikot der SSC Napoli für 15 Monate gesperrt, danach in Argentinien wegen Drogenbesitzes von der Polizei aufgegriffen worden, ein Rehabilitierungsversuch beim FC Sevilla war nach verheissungsvollem Beginn gescheitert.Im September 1993 sah er auf der Tribüne, wie Argentinien von Kolumbien eine 0:5-Demütigung verpasst bekam. Als das Desaster seinen Lauf nahm, begann das Publikum wie aus dem Nichts zu skandieren: Maradona, Maradona.Das Land brauchte ihn, zum Qualifikations-Play-off gegen Australien stand er wieder im Kader. Julio Grondona, Verbandschef und mächtiger Fifa-Vize, arrangierte, dass es keine Dopingtests geben würde – Maradona war noch nicht vom Kokain herunter. Auf dem Platz war er ein Schatten seiner selbst, aber gut genug, um im Hinspiel auswärts den 1:1-Endstand aufzulegen, das Rückspiel gewann Argentinien 1:0.Durch ein Bootcamp in den Weiten der Pampa mit seinem vertrauten Fitnesstrainer Fernando Signorini brachte er sich dann noch einmal in Schwung. Maradona speckte zwölf Kilo ab, besiegte vorübergehend das Kokain. Wenn nachts der Turkey gekommen sei, seien sie durch die Ödnis gelaufen, bis Maradona ermüdet ins Bett gesunken sei, erinnerte sich Signorini. Als sie in den USA ankamen, trauten die Reporter ihren Augen kaum: Dieser Diego hatte mit dem schwabbligen Altmeister der Australien-Spiele nichts mehr zu tun.Zum Auftakt fegte Argentinien mit 4:0 über Griechenland hinweg. Maradona führte brillant Regie und traf zum 3:0. Doch seine aufgerissenen Augen beim Torjubel wirkten schon wie Vorboten des Irrsinns, der folgen sollte. Nach einem 2:1 gegen den Afrikameister Nigeria im zweiten Gruppenspiel wurde Maradona als einer von zwei Spielern pro Team zur Dopingkontrolle ausgelost.«Die Krankenschwester hat uns gekillt»Sue Ellen Carpenter war die für die Dopingkontrolle zuständige Ärztin – oder wie sie in den zeitgenössischen Berichten genannt wurde: die Krankenschwester. Als sie der argentinischen Bank die Spielerauswahl für den Test mitteilte und dabei beiläufig ihre Bewunderung für Maradona erwähnte, animierte sie der Teamarzt, ihn doch persönlich vom Platz zu holen.Unter dem Ruf «Viva Argentina und Viva Maradona!» näherte sie sich im weissen Kittel dem Star. Was folgte, war essenziell maradonianisch: Arm in Arm, zeitweise sogar händchenhaltend, verliessen die beiden den Platz. Auf der Tribüne aber, so erzählte es Blatter einmal, habe Grondona sich bekreuzigt und gemurmelt: «Möge Gott uns beistehen.»Ein Abgang, so legendär wie Maradona: Der Argentinier verlässt am 25. Juni 1994 nach dem Sieg gegen Nigeria das Spielfeld, begleitet von Sue Ellen Carpenter.Joe Cavaretta / APCarpenter leitet heute offenbar ein Kinderwunschzentrum in Atlanta. Bei Medienanfragen liess sie sich allerdings immer verleugnen – kein Wunder. In Argentinien behaupteten manche, sie sei in Wirklichkeit eine CIA-Agentin gewesen, und stilisierten sie zur «weissen Witwe».Denn ohne die Überfigur Maradona fiel ein geschocktes Team in sich zusammen. Wie er hinter dicker Sonnenbrille und mit versteinerter Miene selbst verfolgte, scheiterte Argentinien im Achtelfinal an Rumänien.Der Nationaltrainer Alfio Basile sagte später: «Wir hatten eine Supermannschaft. Aber die Krankenschwester hat uns gekillt.»Der Fussball erweist sich als unkaputtbarAllzu belastbar wirken die Komplotttheorien nicht. Sicher, Maradona galt als unbequem, pflegte eine Freundschaft zu Amerikas Erzfeind Fidel Castro und erhob seine Stimme auch gegen die Fifa, etwa wegen der vom Fernsehen bestimmten Anstosszeiten in der mittäglichen Gluthitze.Doch gerade an dieser WM konnte die Fifa kaum ein Interesse an seinem Sturz haben. Blatter hatte das Resozialisierungsengagement in Sevilla sogar mit angeschoben, weil er den Star unbedingt im neuen Markt Amerika dabeihaben wollte. Erst als Maradona nicht mehr zu retten schien, liessen ihn Blatter und Grondona gnadenlos fallen. Doping galt in jenen Jahren nach dem positiven Test des Sprinters Ben Johnson bei Olympia 1988 als besonders heikles Thema.Die Leichtathletik hat sich bis heute nicht voll erholt, der Fussball aber erweist sich als unkaputtbar – sosehr Antidopingkämpfer auch an seinem oberflächlichen, lückenhaften, von der Fifa selbst organisierten Kontrollsystem verzweifeln mögen. Und sosehr man dem Weltverband des Jahres 2026 kaum noch zutrauen würde, die Welt von einem ähnlich prominenten Dopingfall wie Maradona überhaupt in Kenntnis zu setzen.Wo eine Rotsperre des Superhelden Cristiano Ronaldo für die ersten WM-Spiele eilig zur Bewährung ausgesetzt wurde; wo wegen Sprechens mit vorgehaltener Hand der Mitläufer Miguel Almirón aus Paraguay einen Platzverweis erhielt, der Starspieler Jude Bellingham aus England aber unbelangt blieb – da erfuhr man auch erst im Herbst 2023, dass der argentinische Weltmeister Papu Gómez schon vor der WM 2022 positiv getestet worden war.Diego Armando Maradona spielte nach dem Match gegen Nigeria nie wieder für Argentinien. Substanzen und Doktoren sollten in seinem Leben aber weiter eine tragische Hauptrolle einnehmen. Fünfeinhalb Jahre nach seinem Tod läuft in Buenos Aires derzeit der zweite Prozess gegen die Ärzte und Pfleger seiner letzten Lebenswochen wegen des Verdachts auf Totschlag mit bedingtem Vorsatz.«Ich rannte nicht wegen der Drogen, sondern wegen des Herzens und des Trikots»: Nach dem positiven Dopingtest stand Maradona im Zentrum des Medieninteresses.Tim Sharp / APPassend zum Artikel
«Sie haben mir die Beine abgeschnitten»: Wie ein Dopingtest Maradonas Karriere beendete
Das Drama um Diego Maradona von 1994 war so irre wie legendär. Seither scheint das Thema Doping an den Weltmeisterschaften nicht mehr zu existieren.













