Vor dem Gericht in San Isidro sieht an diesem Morgen zunächst nichts nach nationalem Drama aus. In der herbstlichen Kälte bauen Kamerateams ihre Stative auf, Reporter trinken Kaffee, Anwälte geben im Vorbeigehen kurze Interviews. Man grüßt sich, man kennt die Gesichter, man weiß, wer für welche Seite spricht. Der Prozess hat seinen Alltag gefunden. Doch gewöhnlich ist an ihm nichts. Hinter den Türen des Gerichtssaals geht es um den Tod von Diego Armando Maradona, einer Fußballlegende, die in Argentinien längst mehr ist als ein ehemaliger Spieler.Maradona starb am 25. November 2020 in einem Haus in Tigre an akutem Herzversagen, ausgelöst durch ein Lungenödem. Wenige Wochen zuvor war er wegen eines Blutergusses zwischen Gehirn und Schädeldecke operiert worden. Laut Autopsie war sein Herz krankhaft vergrößert, der Körper schwer geschädigt. Dennoch wurde er nach dem Eingriff nicht in einer Klinik weiterbetreut, sondern in ein privates Haus verlegt. Aus Sicht der Anklage war dieser Ort für seinen Zustand ungeeignet. Der Prozess soll klären, ob Maradona an seinen Krankheiten starb oder ob sein Tod hätte verhindert werden können.Acht Personen aus seinem medizinischen Umfeld stehen wegen Totschlags mit bedingtem Vorsatz vor Gericht. Zu den Hauptangeklagten zählen der Neurochirurg Leopoldo Luque und die Psychiaterin Agustina Cosachov. Es ist der zweite Anlauf. Der erste Prozess begann im März 2025 und musste nach gut zwei Monaten annulliert werden, nachdem eine Richterin wegen eines heimlich geplanten Dokumentarfilms über das Verfahren suspendiert worden war. Seitdem geht es auch darum, ob die argentinische Justiz einen Fall verhandeln kann, der vermeintlich größer ist als sie selbst.Für Fans ist er der Gott mit der Nummer 10Der Fall wühlt Argentinien auf und ist Dauerthema in den Medien. Wenn Angehörige Maradonas am Gericht auftauchen, versammeln sich davor Fans. An diesem Tag sind keine gekommen. Keine Sprechchöre, kein Gedränge. Doch auf einem kleinen Plakat an einer Hausmauer steht ihre Parole: „Justicia por D10S“, Gerechtigkeit für Diego, ihren Gott mit der Nummer 10. Der Satz ist Forderung, Ritual und Versuch, den Tod eines Manns zu akzeptieren, den viele Argentinier nie wie einen gewöhnlichen Sterblichen behandelt haben.Eine der Hauptangeklagten: Diego Maradonas frühere Psychiaterin Agustina CosachovAFPDrinnen ist von dieser Verehrung wenig zu spüren. Der Saal ist fast so kühl wie der Herbstmorgen draußen. Es geht um Krankenakten, Medikamentenpläne und Zuständigkeiten. Der Leiter der Klinik, in der Maradona operiert wurde, sagt aus. Alles sei professionell abgelaufen. Die Klinik habe das Hämatom diagnostiziert und der notwendigen Routineoperation durch Maradonas Ärzteteam zugestimmt. Die rund 30 Anwälte machen sich Notizen, haken nach. Doch der Klinikleiter bleibt ruhig. Er hütet sich, das Vorgehen seiner Kollegen infrage zu stellen.Die eigentliche Tragödie beginnt ohnehin nicht im Operationssaal, sondern in jenem Haus in Tigre, in dem Maradona seine letzten Tage verbrachte. In seinem Körper fanden die Gutachter Flüssigkeitsansammlungen und Hinweise auf Organversagen. Das Lungenödem sieht die Anklage als Beweis dafür, dass Maradona nicht einfach einschlief. Für die Verteidigung ist es Teil einer medizinischen Komplexität, in der nicht eine einzelne Entscheidung den Tod verursachte.Maradona sei auch tot eine Nachricht, die nicht ende, sagt eine JournalistinKurz nach Mittag ist die erste Anhörung vorbei. Draußen warten Journalisten auf die Anwälte. Viele berichten seit Beginn fast pausenlos über den Prozess. Maradona sei auch tot eine Nachricht, die nicht ende, sagt Maru Pampin, die für einen lokalen Fernsehsender arbeitet und sich selbst als mäßig fußballbegeistert beschreibt. Das Verfahren sei für Argentinien keine gewöhnliche Gerichtsreportage, sondern eine parallele Reality-Show. Jeden Tag neue Aussagen, neue Details, neue Empörung. „Niemand glaubt hier, dass er einfach nur gestorben ist“, sagt Pampin.In Argentinien kann Diego Armando Maradona nicht einfach gestorben sein. Nicht er, der bei der WM 1986 im Spiel gegen England die „Hand Gottes“ und das Tor des Jahrhunderts in vier Minuten packte. Nicht er, der aus dem Elend von Villa Fiorito kam und es bis Neapel, Mexiko und in die Mitte eines ganzen Landes schaffte. Sein Tod verlangt nach Schuldigen, weil ein natürlicher Tod dem Mythos nicht gerecht wird.Die Verteidigung versucht deshalb, den Blick auf den anderen Maradona zu lenken: auf seine Krankheiten, seine Süchte, auf einen Mann, der sich kaum führen ließ und sein Leben lang Grenzen missachtete. Doch auch dieser Maradona gehört längst zum Kult. Seine Eskapaden werden nicht ausgeblendet, sondern vergeben, womöglich in der Hoffnung, selbst Vergebung zu finden.In einer Kapelle steht ein Altar mit Fotos und GabenVon diesem Kult ist im Nobelvorort San Isidro wenig zu spüren. Ganz anders in La Paternal, im Stadtviertel der Argentinos Juniors. Hier begann Maradonas Profikarriere. Hier betrat der 15 Jahre alte Junge mit den dunklen Locken einst zum ersten Mal den Rasen der Profis. Heute trägt das Stadion seinen Namen, die Mauern sind mit Wandbildern der Ikone bedeckt. In einer kleinen Kapelle in der Stadionmauer steht ein Altar mit Fotos und Gaben, davor drei Bankreihen zur Andacht. Zwischen Trikots, Bildern und Devotionalien verschwimmen die Grenzen zwischen Fankultur und Religion.Wo alles begann: In einer Kapelle in La Paternal, im Stadtviertel der Argentinos Juniors, wird an den 15 Jahre alten Maradona zu Beginn seiner Karriere erinnert.Tjerk BrühwillerEin paar Schritte weiter liegt das Lokal der einstigen Pizzeria „La Cuneta“. Maradona, der nur wenige Blocks entfernt wohnte, kam auf dem Weg vom Training oder nach Spielen regelmäßig vorbei. Heute heißt der Ort „Cafetería de D10S“ und ist eine von vielen Maradona-Kultstätten. An den Wänden hängen Fotos, Trikots, Wimpel und Geschenke von Fans. In Vitrinen liegen Gegenstände, die anderswo Souvenirs wären, hier aber wie Reliquien wirken.Der Besitzer Claudio Merce, dem damals schon die Pizzeria gehörte, hat den Aufstieg des Talents zum Star und den vom Star zur Gottheit miterlebt. „Für mich war Diego ein Kunde wie jeder andere“, sagt Merce und zeigt Fotos, auf denen er neben Maradona steht. Erst mit der Zeit habe er begriffen, was für ein Genie er war. Heute ist er überzeugt: „Es gab keinen wie Maradona. Er war außerirdisch.“ Maradonas Tod habe das Quartier verändert. „Heute ist Diego noch präsenter, noch lebendiger als je zuvor.“„Dafür kann ich heute sagen, dass Maradona zu meinem letzten Spiel kam“Verwurzelt ist Maradona nicht nur in La Paternal. Pablo Pellegrini steuert den Wagen aus der Hauptstadt hinaus, vorbei an Werkstätten, niedrigen Häusern, Tankstellen, improvisierten Läden. Irgendwann erzählt der Taxifahrer, als sei es die natürlichste Sache der Welt, dass er einmal gegen Maradona gespielt habe. Das war 1995, kurz nachdem der Superstar nach Argentinien zurückgekehrt war, um seine Karriere bei Boca Juniors zu beenden.Pellegrini war mit seiner Amateurmannschaft eingeladen, als plötzlich Maradona aus der Kabine gekommen sei. „Wir waren wie gelähmt“, erinnert sich Pellegrini. Seine Mannschaft verlor haushoch. Es sollte sein letztes Spiel sein. Er habe nie wieder Fußballschuhe angezogen. „Dafür kann ich heute sagen, dass Maradona zu meinem letzten Spiel kam.“Ein Held mit MakelnSolche Geschichten gibt es in Argentinien überall. Jeder Argentinier besitzt ein Stück von Maradona. In Villa Fiorito gilt das noch mehr. Dort, im armen Vorstadtgürtel von Buenos Aires, wo Müll am Rand löchriger Straßen liegen bleibt und Taxifahrer wie Pellegrini selbst tagsüber nur ungern hinfahren, steht noch immer das Haus, in dem Diego Maradona aufwuchs. Vor dem einfachen Gebäude hat sich eine lange Schlange gebildet. Es riecht nach Feuer, in zehn riesigen Töpfen kocht Locro, ein traditioneller Eintopf. Eine Hilfsorganisation organisiert hier zweimal pro Woche eine Essensausgabe. Fast tausend Menschen aus dem Viertel sind gekommen.Armenspeisung: In Villa Fiorito, wo Maradona aufwuchs, werden heute zweimal in der Woche Tausende Menschen mit einer warmen Mahlzeit versorgt.Tjerk BrühwillerAuch in Maradonas Familie reichte das Essen nicht immer. Seine Mutter, wird hier erzählt, habe manchmal Bauchschmerzen vorgetäuscht, um ihren Anteil den Kindern zu überlassen. In solchen Geschichten beginnt der Mythos, der Maradona so mächtig machte: das Kind aus der Armut, das reich und weltberühmt wurde, aber den Ort seiner Herkunft nie ganz hinter sich gelassen hat.Ximena Bucci, eine Helferin der Suppenküche, nennt ihn den „besten Argentinier“. Für sie steht Maradona für Loyalität und eine Klassensolidarität, die ihn in Fiorito bis heute unantastbar macht. Anders als Lionel Messi, sagt sie, habe Maradona sich nie verkauft, sondern sich immer auf die Seite der Schwächeren gestellt. Selbst die „Hand Gottes“ 1986 gegen England sieht Bucci als symbolische Antwort auf den verlorenen Falklandkrieg und als „Rache gegen den Imperialismus“.Doch Fiorito erklärt nicht nur Maradonas Aufstieg, sondern auch seinen Absturz. Die Armut, Perspektivlosigkeit und Verwahrlosung, die ihn prägten, sind geblieben. Bucci erzählt von Familien, die nicht genug zu essen haben, von Arbeitslosen und von Jugendlichen, die früh aus dem Schulsystem fallen. An einer Straßenecke nur wenige Schritte weiter sitzt ein junger Mann auf einem Fahrrad, zugedröhnt, kaum ansprechbar.Auch Maradona hatte seine Dämonen: Rauschgift, Exzesse, Gewalt. Er war nie ein makelloser Held. Für viele in den Barrios macht ihn gerade das menschlich. Seine Widersprüche werden hier nicht geleugnet, sondern als Teil einer Wahrheit verstanden, die glatte Helden selten besitzen. „Diego wäre heute hier in der Suppenküche“, glaubt Bucci, „weil sein Volk Hunger leidet.“Als Anwalt Gottes gegen die MafiaIn San Isidro hält sich der Hunger in Grenzen. Im Restaurant neben dem Gericht sitzt Mario Baudry vor einem Stück Braten und Ofenkartoffeln, die er fast unangetastet lässt. Es ist Mittagspause im Prozess. Baudry ist der Mann von Verónica Ojeda, Maradonas letzter Lebensgefährtin, und zugleich der Anwalt von Dieguito Fernando, Maradonas jüngstem Sohn. Er spricht nicht über den Heiligen aus Fiorito, sondern über einen Patienten, der nach seiner Überzeugung im Stich gelassen wurde.Maradonas letzte Lebensgefährtin: Verónica Ojeda und ihr Mann Mario Baudry, der zugleich der Anwalt von Maradonas jüngstem Sohn istAFPBaudry erhebt massive Vorwürfe gegen das medizinische Team. Maradona sei in seinen letzten Wochen systematisch isoliert worden, um ihn finanziell auszubeuten. Sein Tod sei eine absehbare Folge medizinischer Vernachlässigung gewesen, da das Team von den Herzproblemen gewusst, sie aber ignoriert habe. „Wenn man einen herzkranken Patienten nicht behandelt, stirbt er. Und er starb.“ Baudry behauptet zudem, man habe Maradona gezielt mit Medikamenten betäubt und ihm etwa „fünf Beruhigungsmittel pro Bier“ verabreicht, um ihn gefügig zu machen.Auch die argentinische Justiz und das Verhalten der Verteidigung kritisiert Baudry scharf. Er spricht von einer aggressiven „medizinischen Korporation“, die sich gegenseitig schütze. Die Annullierung des ersten Verfahrens wegen einer befangenen Richterin nennt er den „größten Justizskandal“ in der Geschichte Argentiniens. „In Argentinien kannst du, wenn du Geld hast, sogar Maradona töten, und es passiert nichts.“Für die Familie, besonders für den jungen Dieguito, sei der Prozess ein „großes Leiden“, weil sie ständig mit Details der Autopsie und Bildern des verstorbenen Vaters konfrontiert werde. Der Anwalt sieht seine Aufgabe darin, Gerechtigkeit gegen mächtige „Mafias“ durchzusetzen, die Maradonas Leben kontrolliert hätten. Es sei seine bisher schwierigste Aufgabe, sagt er im Gespräch. „Er ist Gott. Es ist sehr schwierig, dem gerecht zu werden. Du darfst keine Fehler machen.“Maradona war ein Gegenbild zur EliteHätte Maradonas Tod verhindert werden können? Die Antworten darauf sind so kompliziert wie Maradona selbst. Er war nie nur ein Fußballspieler. Er war eine soziale Figur, ein Symbol. Er war der Beweis dafür, dass ein Kind aus dem Elendsviertel die Welt besiegen konnte. Ein Gegenbild zur Elite. Ein Mann, der England demütigte, als die Wunde des Falklandkriegs noch offen war. Einer, der mit Fidel Castro posierte, vom Papst umarmt wurde und sich immer wieder zum Sprecher der Erniedrigten machte. Wer ihn liebte, liebte nicht nur seine Fußballkunst. Er liebte die Erzählungen, die sie möglich machte.Vielleicht liegt darin die besondere Grausamkeit dieses Prozesses. Er zwingt Argentinien, sich noch einmal mit Maradona zu beschäftigen. Nicht mit dem Mythos, nicht mit dem unaufhaltsamen Maradona von 1986, sondern mit dem kranken und erschöpften Mann aus den letzten Wochen seines Lebens. Ein Land, das aus Diego Armando Maradona einen Gott gemacht hat, muss akzeptieren, dass sein Tod vor Gericht in Akten, Gutachten und Zeugenaussagen zerlegt wird. Und es muss klären, ob es den Menschen Diego Armando Maradona in seinen letzten Tagen im Stich ließ.
Diego Maradona: So aufgeladen ist der Prozess um seinen Tod
Diego Armando Maradona starb 2020 an akutem Herzversagen. Er war für Argentinien mehr als ein Fußballspieler, er war für viele ein Gott. Das macht den Prozess um seinen Tod so aufgeladen.







