Nicht selten widerlegt die Kunst althergebrachte Scheingewissheiten – „Glück und Glas, wie leicht bricht das“? Weit gefehlt. Immer wieder entringen Archäologen dem harten Boden erstaunlich gut und vollständig erhaltene Gläser der Römerzeit, und die ältesten erhaltenen Propheten-Kirchenglasfenster aus dem Augsburger Dom haben immerhin auch schon tausend Jahre auf dem nur leicht gekrümmten Bleistegbuckel.Fortuna wie auch Fama des zerbrechlichen Werkstoffs sind mithin enorm. Alle modernen und zeitgenössischen, oft auch atheistischen Künstler wollten und wollen sich in Glas und damit meist im kirchlichen Kontext verewigen: die Nachkriegs-Trias Matisse, Picasso und Chagall, überhaupt die Nachkriegszeit speziell in Deutschland mit ihrem enormen Reparaturbedarf sah Meisterwerke von Georg Meistermann (das größte Kirchenfenster Europas) bis zu Gottfried Böhms Rosenfenster in Neviges.In der jüngeren Vergangenheit kamen Pierre Soulages in der Pilgerkirche Ste-Foy de Conques hinzu, Sigmar Polke im Züricher Grossmünster, Günther Uecker in Schwerin, Ólafur Elíasson in Caspar David Friedrichs Taufkirche in Greifswald, Thomas Bayrle im „Name der Rose“-Kloster Eberbach oder Gerhard Richter in Köln und Tholey. Und auch Macron als neoantiker Maecenas lässt bald die historischen Fenster Notre-Dames in Paris, die wie durch ein Wunder unversehrt die Brandkatastrophe überlebten, ohne Not und gegen jedes denkmalpflegerische Gebot durch die grässlichen Fenster der zeitgenössischen Künstlerin Claire Tabourets austauschen.Kein Glas kam zu SchadenNun also auch Markus Lüpertz, dessen drei monumentale Buntglasfenster im Naumburger Dom gestern Abend eingeweiht wurden. Es sind wahrlich nicht die ersten Fenster des Künstlers, in Kölns Andreaskirche ist er seit 2010 diaphan-transparent vertreten. Im Weltkulturerbe-Dom mit den ikonischen Stifterfiguren folgt er allerdings auf die kunsthistorisch besonders wichtigen mittelalterlichen Fenster und auf die ganz in Rot und Weiß gehaltenen Erzählungen in Glas Neo Rauchs zur Vita Elisabeth von Thüringens.Ein Menschenfischer im Boot, eine Taube wie der Prometheus-Adler und Christus mit den erlösenden Wundmalen, zu dem sich Auferstehende wenden: Auf Markus Lüpertz’ monumentalem Naumburger Fenster mangelt es nicht an alter christlicher Ikonographie.Giulio Coscia / VG Bild-Kunst, Bonn 2026Rauchs Fenster in der Kapelle der Heiligen sind klein, jene von Lüpertz riesig. Wie im Filmabspann das „No animals were harmed“ darf auch hier die Entwarnung nicht fehlen: Anders als in Paris wurde kein historisches Glas in Mitleidenschaft gezogen, denn während die sechs aus dem 14., 15. und 19. Jahrhundert stammenden und 2021 umfassend restaurierten Chorfenster nicht angetastet wurden, verblieben zwei große Fensterflächen nach dem Verlust ihrer Glasmalereien über Jahrzehnte lediglich hell verglast, was aus ästhetischer wie lichttechnischer Sicht das Gesamtkunstwerk Ostchor störte. Die Ausführung durch die Firma Derix bürgt jetzt für jahrhundertelange Haltbarkeit der Farben, finanziert wurde der kunstvolle Farbausgleich im Chor nicht von der Kirche, sondern aus den Schatullen der Stifter Hans Hack und Karl Gerhold.Urplötzlich ein Weltkriegssoldat von DixAuch ikonographisch fügen sich die Fenster bestens in den Ostchor, der traditionell christlichen Orientierung Richtung Auferstehung, da „ex oriente lux“ aus dem Osten das Licht kommt. Das Lüpertz sehr vertraute Thema der stark farbigen Scheiben ist die Verdammnis und Erlösung. Über einem Sockel aus Schädeln, die traditionell auf Tod und Verderben, aber auch auf Golgotha als Richt- sowie Sündentilgungsstätte Christi anzuspielen vermögen, deren „Gesichter“ aber eindrücklich von mehreren Bleiruten durchfurcht sind, erheben sich neben Engeln und Auferstehenden auch die Endgegner. Ähnliche Manierismen wie das pferdeartig in die Länge gezogene Gesicht des Erzengels Michael auf einem der beiden nun ebenfalls neu gefüllten kleinen romanischen Fenster erlaubte sich Lüpertz zuletzt in seinen überragenden Reprisen auf das im Landesmuseum Oldenburg ausgestellte Œuvre des spätmanieristischen Bildhauers aus dem siebzehnten Jahrhundert Ludwig Münstermann.Goldener Reiter? Einer der vier Einläuter der Apokalypse weist eine prächtige königliche Kluft sowie eine Krone auf und jagt Krähen, ein anderer mit blitzendem Schwert wirkt wie ein Weltkriegssoldat in Grün aus Otto Dix' FlandernbildGiulio Coscia / VG Bild-Kunst, Bonn 2026Auch den für Figürliches immer schwierigen Vierpass in der Spitze der Lanzettfenster meistert Lüpertz (der wie im Mittelalter an einer Stelle seine ligierten Initialen im Glasmosaik versteckt), indem er das Christusgesicht in byzantinischer Tradition stark längt und über die gesamte Höhe zieht, während er die beiden seitlichen Bögen mit Blüten wie einen Nimbus füllt und Jesu Arme mit den vorgezeigten Wundmalen raffiniert in die beiden unten flankierenden Dreipassfenster ausgreifen lässt. Selbst die Freiheit, andere Meister der Kunstgeschichte wie Otto Dix und George Grosz zu zitieren, gönnt sich Lüpertz inzwischen, wenn sich etwa im Fenster der vier apokalyptischen Reiter plötzlich ein dixesker Weltkriegssoldat mit Stahlhelm aus dessen Flandern-„Altar“ mit einem Schwert wie ein abgenommenes Bajonett über den Schädeln erhebt oder wenn der gehörnte Satan fast bemitleidenswert devot zu einem himmlischen Wesen in Weiß in der Manier Füsslis oder Blakes emporblickt.Auch die Farbikonologie, das Kombinieren unterschiedlicher Töne mit Konnotationen, setzt Lüpertz furios ein: Der Wirbel aus hoffnungsfrohen und vielfach abgestuften Grüntönen, wie sie beispielsweise innerhalb der Figur eines Gläubigen mit gen Gott gewendeten Armen auf innig liebevolles Flammenrot in dessen Herzgegend stoßen, vermittelt ebenso die gewollte Atmosphäre und erhellt in einem „Enlightenment“ das Prekäre des Moments, wie die deutlich dunkleren Töne die Gegenwelt charakterisieren.Einzig die überlängten Gesichter mit teils beinahe dümmlichem Ausdruck wie beim Erzengel verstören – sollen sie für die Ambivalenz des Guten stehen, das nie nur gut ist, so wie auch das Böse zwiespältig sein kann? Mit dem nun gleichmäßig stark durch ein Spektrum aller Regenbogenfarben gebrochenen Licht im Ostchor mit Fenstern vom 14. ins 21. Jahrhundert scheinen die Naumburger jedenfalls gut leben zu können. Wie die von der Uta im Westchor in Zukunft sicher häufiger auch in den Ostchor pilgernden Besucher den Einbruch der Moderne aufnehmen, bleibt abzuwarten.
Neue Fenster von Lüpertz im Ostchor des Naumburger Doms
Modernes im Alten: Die nun eingeweihten Fenster von Markus Lüpertz im Ostchor des Naumburger Doms werden absehbar für Diskussionen sorgen.






