PFAS, die sogenannten Ewigkeitschemikalien, belasten Umwelt und Gesundheit, daher sollen sie in der EU eingeschränkt werden. Durch ein Verbot würden aber wichtige Medikamente verschwinden, heißt es oft, auch aus der Wissenschaft. Oliver Jones etwa, von der RMIT-University im australischen Melbourne, nannte als Beispiel das Antidepressivum Prozac: „Was passiert mit der mentalen Gesundheit von Millionen Menschen, wenn dieses Medikament nicht mehr zur Verfügung steht?“ Insgesamt 111 verschiedene Wirkstoffmoleküle für Medikamente zählen nach OECD-Definition zu den PFAS.Dass die medizinische Versorgung ohne PFAS-Medikamente schlechter würde, dem widersprechen nun Forscher von der Universität Freiburg in der Zeitschrift „Sustainable Chemistry and Pharmacy“. Wie Michael Müller vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften und Kollegen festgestellt haben, sind von den 111 PFAS-Medikamenten in Deutschland lediglich 70 zugelassen; 41 wurden entweder vom Markt genommen oder noch gar nicht als Medikament eingeführt. Müller stellt fest: „Die können also gar nicht essenziell sein.“Das Problem: die extreme StabilitätDas Problem bei den PFAS-Medikamenten ist, was im menschlichen Körper oft als Vorteil gilt: Die Moleküle sind extrem stabil, werden im Körper daher kaum abgebaut und können so oft länger wirken. Aber dadurch sind sie auch in der Natur persistent und reichern sich in der Umwelt an. Oder sie zerfallen zu Trifluoressigsäure, kurz: TFA. Und die ist extrem stabil, also ebenfalls persistent. Da TFA zudem sehr mobil ist, verbreitet sich diese Substanz gerade im Wasserkreislauf. In oberflächennahem Grundwasser ist TFA bereits flächendeckend nachweisbar. Die Europäische Chemikalienagentur hat den Stoff inzwischen als fruchtbarkeitsschädigend eingestuft. Zudem steht TFA in Verdacht, in höheren Konzentrationen Leber und Immunsystem zu schädigen. Aus Wasser lässt sich die Substanz nur mit extrem hohem Energieaufwand beseitigen.Aus Medikamenten gelangen in Deutschland fast 30 Tonnen TFA jährlich in die Umwelt – in der Regel durch Urin und dann über die Kläranlagen, die es nicht entfernen können, in die Gewässer.Bisher gibt es für neun PFAS-Wirkstoffe hierzulande noch keine Alternativen. Zu den Wirkstoffen, für die hier noch keine PFAS-freie Version zur Verfügung steht, zählen vier Krebsmedikamente, zwei zur Behandlung von Krankheiten des Nervensystems, darunter ALS, und drei gegen Mukoviszidose. Für das Leukämiemedikament Ivosidenib allerdings ist in den USA bereits eine Alternative zugelassen, die keine perfluorierten Kohlenstoffatome enthält. Es ist also möglich, die Erkrankung ohne PFAS zu behandeln. Zudem entwickeln Pharmaunternehmen weitere Wirkstoffe ohne PFAS.Pharmaforscher Müller geht davon aus, dass es grundsätzlich nicht erforderlich ist, Krankheiten mit PFAS zu behandeln. „Stoffe mit zwei oder drei Fluoratomen an einem Kohlenstoffatom kommen in der Natur nicht vor“, sagt er. Daher gebe es auch im menschlichen Körper keinen einzigen Rezeptor, kein einziges Enzym, das nur auf perfluorierte Moleküle anspricht. Im Labor sei es für Chemiker einfacher, vollständig fluorierte Moleküle herzustellen. „Es ist aber unsere Aufgabe, innovativ zu sein und PFAS-freie Wirkstoffe zu entwickeln.“Zwar entsteht der Großteil des TFA in der Umwelt aus den Kältemitteln, die aus Autoklimaanlagen austreten. Michael Müller plädiert trotzdem dafür, PFAS überhaupt nicht mehr zu verwenden. „Wie bei den FCKW“, sagt er, bei den Gasen, die die Ozonschicht zerstören, habe es auch keine Rolle gespielt, ob sie als Treibmittel in Asthmaspray eingesetzt wurden, im Kühlschrank oder in Haarspraydosen. Denn entscheidend ist die Persistenz: Substanzen, die nicht abgebaut werden, sind irgendwann in solchen Mengen in Wasser, Boden oder im menschlichen Körper, dass sie die Gesundheit schädigen.Zurzeit liegt bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA ein Antrag vor, die gesamte Stoffgruppe der PFAS zu regulieren, und nicht nur einzelne Stoffe, für die bereits toxikologische Daten vorliegen. Medikamente und Pflanzenschutzmittel sind davon allerdings explizit ausgenommen. Das ist nach Ansicht von Michael Müller gar nicht nötig. Der Gesetzgeber könne die PFAS-Medikamentenwirkstoffe wie die anderen PFAS behandeln, sagt der Chemiker.
PFAS, sogenannte Ewigkeitschemikalien, sind als Medikamente nicht notwendig
Ewigkeitschemikalien stecken auch in Medikamenten und verbreiten sich so in Wasser und Lebensmitteln. Das muss nicht sein, auch wenn manche etwas anderes behaupten.






