Ein russischer Tanker fährt mit zwei Maschinengewehren und Soldaten durch die Ostsee. Was hat der Kreml vor?Die Sicherheitslage in der Ostsee ist angespannt. Nun wurden erstmals Bilder von einem bewaffneten zivilen Schiff öffentlich.29.06.2026, 17.00 Uhr3 LeseminutenDie «Marshal Vasilevskiy» ist für die Versorgung der russischen Exklave Kaliningrad von zentraler Bedeutung.Vitaly Nevar / ReutersAm 14. Mai um 10 Uhr 02 verlässt der Tanker «Marshal Vasilevskiy» den Hafen Bolschoi Bor in der russischen Oblast Leningrad. Das Schiff durchquert den Finnischen Meerbusen und nimmt dann Kurs Richtung Kaliningrad auf. Irgendwo vor der estnischen Küste kreuzt sich seine Route mit einem Flugzeug des estnischen Grenzschutzes.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus der Luft beobachten Beamte etwas, was sie noch nie auf einem zivilen Schiff gesehen haben.An beiden Enden des 290 Meter langen Tankers türmen sich Sandsäcke. Dahinter stehen zwei Maschinengewehre. Laut Experten handelt es sich um Waffen des Typs Kord, die von den russischen Streitkräften seit den neunziger Jahren eingesetzt werden. Das 12,7-Millimeter-Maschinengewehr kann pro Sekunde bis zu zehn Schüsse abfeuern und Ziele in einer Entfernung von bis zu zwei Kilometern treffen.Personen, die die Waffen zu bedienen wüssten, sind auch an Bord. Laut der estnischen Zeitung «Delfi» und der russischen Rechercheplattform «Dossier Center» hat die «Marshal Vasilevskiy» seit Anfang Jahr nicht nur Flüssiggas, sondern auch 50 Passagiere transportiert. Von ihnen dienten 22 nachweislich in der russischen Armee, im Geheimdienst oder in der Nationalgarde.Die Sicherheitslage in der Ostsee ist schon länger angespannt. Nach mehreren mutmasslichen Sabotageakten, bei denen Unterseekabel beschädigt wurden, verstärkte die Nato ihre Präsenz im Januar 2025 mit Patrouillenbooten. Als Antwort darauf lässt Russland Schiffe seiner Schattenflotte immer wieder von Militärbooten begleiten. Auch Wagner-Söldner sollen sich schon an Bord der Tanker befunden haben, mit denen der Kreml die westlichen Sanktionen umgeht.Der Fall «Marshal Vasilevskiy» ist dagegen ein neues Phänomen.Kein Schiff der SchattenflotteDie NZZ hat vom estnischen Grenzschutz Bilder erhalten, die von den Beamten aus dem Flugzeug heraus gemacht wurden. Sie machen in vielerlei Hinsicht stutzig.Die Aufnahmen der estnischen Grenzwache zeigen auf dem Deck der «Marshal Vasilevskiy» Sandsäcke, Paletten und ein Maschinengewehr.PPA EstoniaDie «Marshal Vasilevskiy» gehört nicht zur Schattenflotte, sondern fährt ganz offiziell unter der Flagge Russlands. Sie transportiert Flüssiggas und gehört dem mehrheitlich staatlich kontrollierten russischen Energiekonzern Gazprom. Das Schiff wurde 2018 gebaut und ist in gutem Zustand. Für die Gasversorgung von Kaliningrad spielt es eine zentrale Rolle. Im vergangenen Jahr legte es die Strecke zwischen Bolschoi Bor und der Exklave vier Mal zurück.Der dänische Militärexperte und Fregattenkapitän Jens Wenzel Kristoffersen sagt: «Diese Waffen zielen auf Behörden, die möglicherweise ein Entern des Schiffes erwägen. Sollte Estland oder ein anderes Land sich solchen Schiffen nähern, wären Warnschüsse denkbar. In diesem Moment beginnt die Eskalationskette.»In den letzten Monaten haben die Ostseeanrainer – allen voran Schweden – immer wieder Schiffe der Schattenflotte festgesetzt. Der Grund waren eine falsche Beflaggung, Verdacht auf Schmuggel oder mangelnde Seetüchtigkeit. All das trifft auf die «Marshal Vasilevskiy» nicht zu. Der Grundsatz der freien Schifffahrt gewährt fremden Schiffen das Recht, die Meere ungehindert zu befahren, wenn sie es friedlich tun. Für die Nato-Mitglieder gäbe es also keinen Grund, das Schiff festzusetzen.Wozu also der ganze Aufwand?Schutz vor ukrainischen Drohnen oder Imponiergehabe?Möglich wäre es, dass der Kreml die Maschinengewehre zum Schutz vor ukrainischen Drohnen anbringen liess. Aus der Luft kommende Flugobjekte lassen sich mit einer solch grosskalibrigen Waffe aber nur schlecht abwehren, und es ist praktisch ausgeschlossen, dass die Ukraine Marinedrohnen in der Ostsee einsetzen könnte.Laut Experten handelt es sich bei der Waffe um ein 12,7-Millimeter-Maschinengewehr des Typs Kord.PPA EstoniaAnders als fliegende Drohnen können diese nicht aus der Ukraine gesteuert werden. Einer der Anrainerstaaten müsste sein Territorium den Ukrainern zur Verfügung stellen. Das ist aber unwahrscheinlich. Die Nato-Staaten haben bereits in Bezug auf die unbemannten Flugkörper mehrfach klargemacht, dass sie dies nicht tun werden.Bleibt also noch eines: Drohung, Imponiergehabe.Seit Finnland und Schweden der Nato beigetreten sind, wurde die Ostsee praktisch zum Binnenmeer des Verteidigungsbündnisses. Russland kontrolliert mit der Oblast Leningrad und der Exklave Kaliningrad nur noch kleine Küstenabschnitte. Patrick Bolder, ein niederländischer Militärexperte und Oberstleutnant der königlichen Luftwaffe, sagt zur finnischen Zeitung «Helsingin Sanomat», dies sei Russlands Art zu zeigen, dass es seine Schiffe und Seewege auch im Einflussgebiet der Nato kontrolliere.Passend zum Artikel
Bewaffneter Tanker in der Ostsee: Was plant der Kreml?
Die Sicherheitslage in der Ostsee ist angespannt. Nun wurden erstmals Bilder von einem bewaffneten zivilen Schiff öffentlich.










