Vom Engländer Gary Lineker stammt einer der respektvollsten Sätze, die je über den deutschen Fußball gesagt worden sind. Man braucht ihn fast schon nicht mehr wiederzugeben, so oft ist er schon zitiert worden. Diese Sache mit dem Spiel namens Fußball, 22 Männern, einem Ball und dem Sieger, der nach 90 Minuten immer Deutschland heiße.Vom selben Engländer Gary Lineker stammt nun auch ein Satz, der ziemlich wenig Respekt vor der deutschen Nationalmannschaft zeigt. Gesagt hat er ihn der französischen Sportzeitung „L’Equipe“ in einem Interview, und zitieren muss man ihn, um zu verstehen, warum Kai Havertz not amused war, als er am Sonntagabend in der Pressekonferenz vor dem deutschen WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay darauf angesprochen wurde.„Dann reicht es irgendwann auch mal“Lineker sagte: „Ich glaube – ich könnte mich irren –, dass dies eine der schwächsten deutschen Nationalmannschaften ist, die ich je gesehen habe.“ Havertz sagte: „Jeder kann seine Meinung haben. (…) Wir haben schon viele Experten in unserem eigenen Land, wenn jetzt auch noch die in anderen Ländern angefangen, dann reicht es auch mal irgendwann. Es ist immer einfach, von außen auf uns einzuhauen. Aber mich interessiert das wirklich null.“„Wir haben schon viele Experten in unserem eigenen Land“: Deutschlands Kai HavertzAP PhotoSowohl die Frage (bei der der Reporter allerdings den Einschub unterschlagen hatte) wie auch die Antwort zeigte vor allem eines: Dass eine empfindliche Atmosphäre rund um die Nationalmannschaft entstanden ist nach dem 1:2 zum Vorrundenabschluss gegen Ecuador. Weshalb mit einer gewissen Spannung erwartet worden war, wie sich derjenige präsentieren würde, der im Zentrum der Debatten steht.Julian Nagelsmann, der Bundestrainer, ließ sich in dieser Hinsicht nicht aus der Reserve locken, als er am Sonntagabend das Pressepodium im Stadion von Foxborough bei Boston betrat. Wenngleich er sich anmerken ließ, dass die Kritik ihn getroffen hatte. „Das ist, glaube ich, wie bei jedem Menschen. Die Frage können Sie sich selbst beantworten“, sagte er.Was man manchmal vergisst, wenn über den Kommunikator Nagelsmann geurteilt wird: Dass er sich sehr wohl einer inhaltlichen Debatte stellt, er nimmt Fragen ernst, jedenfalls meistens, und oft antwortet er ausführlicher, als er müsste, was dann manchmal gut für die mediale Debatte, aber schlecht für ihn ist.Stellt Nagelsmann sein Mittelfeld um?Am Sonntag allerdings schien er alles in allem möglichst wenig Konkretes sagen zu wollen vor dem ersten K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft an diesem Montag gegen Paraguay. So blieb auch offen, ob es über die abzusehende Rückkehr von Nathaniel Brown hinaus Veränderungen im Team geben wird. „Es gibt taktische Überlegungen, ein bisschen was zu verändern, wie ich auch in die andere Richtung diskutiere, es alles identisch zu lassen, was die erste Elf angeht.“Das sollte vor allem dem paraguayischen Trainer Spielraum für Spekulationen lassen. Man verrät nicht zu viel, wenn man hinzufügt, womit dieser eher nicht rechnen sollte: Dass Nagelsmann sich an die große Rochade mit Joshua Kimmich ins Mittelfeldzentrum wagt. Was aber möglich wäre: Dass er die Rolle des Kapitäns ein wenig anpasst, damit der wieder aktiver ins deutsche Spiel eingreifen kann – womöglich sogar mit einer Umstellung auf eine Dreierkette. Es gehe darum, „die eigene Idee so anzupassen, dass Spieler sich wohlfühlen und viele Situationen in ihren gewohnten und gefährlichen Räumen haben“, sagte Nagelsmann.Hand in Hand ins Achtelfinale? Kapitän Kimmich und sein Nationaltrainer Nagelsmann.dpaWas auch möglich schien: Dass Leon Goretzka ins Team rückt, der für mehr körperliche Präsenz sorgen würde. „Vielleicht kriegt er morgen einen Einsatz, dann wird er das auch gut machen“, sagte der Bundestrainer. Was man aber auch für möglich halten sollte, bis der Spielberichtsbogen am Montagnachmittag ausgefüllt vorliegen wird: Dass Nagelsmann diese Veränderungen nur angetäuscht hat.Wie stark oder schwach seine Mannschaft gegen Paraguay sein wird, einen „unangenehmen Gegner, der uns einiges abverlangen wird“, wie er sagte, hängt schließlich auch von Verbesserungen ab, die nichts mit der Formation zu tun haben. Nagelsmann nannte: bessere Positionierung, besseres Verhalten vor dem Tor, besseres Verhalten vor allem bei Ballverlust, der keinen Kontrollverlust bedeuten dürfe.Zumindest am Rande fiel auf, dass Nagelsmann seinen Spielern mehr als zuletzt kommunikativ entgegenkommen zu wollen schien. Auch bei der Frage, ob er in der neu erreichten Phase mit dem Nationalteam das Gefühl habe, sich nochmal anders beweisen zu müssen als Bundestrainer. Er antwortete, dass er niemandem außer seinen Spielern gegenüber eine „Beweispflicht“ habe.Was Nagelsmann allerdings auch weiß: Dass er in den Augen der Öffentlichkeit zumindest in diesem Sechzehntelfinale in einer Ergebnispflicht steht, der er sich nicht wird entziehen können. Auf die Frage eines brasilianischen Reporters zu den Erwartungen an das deutsche Team antwortete er mit einem Satz auf Englisch, der vielleicht kein Lineker war, aber gleichfalls die Lage auf den Punkt brachte: „Wenn du gewinnst, ist alles perfekt, wenn du verlierst, ist alles shit.“
Fußball-WM 2026: Julian Nagelsmann vor Deutschland-Spiel gegen Paraguay optimistisch
Wo spielt Kimmich? Kommt Goretzka in die Partie? Und was soll das mit der Kritik aus England? Julian Nagelsmann kommt seiner Mannschaft vor dem Paraguay-Spiel kommunikativ entgegen.












