Kai Havertz hatte von der aktuellen Grätsche Gary Linekers noch gar nichts gehört. Aber als er sie vernahm, reagierte er mit einem angewiderten Gesichtsausdruck. Verständlich. Es war ja nicht nur eine Grätsche, sondern fast schon eine Tätlichkeit, die also mit roter Karte zu ahnden ist. Ob er schon gehört habe, wurde Havertz gefragt, dass Gary Lineker himself die aktuelle deutsche Mannschaft als eine der schwächsten deutschen Mannschaften bezeichnet hatte, die er je gesehen habe. Lineker kam sogar zu folgendem Schluss: „Frankreich kann sich problemlos für das Viertelfinale qualifizieren.“Nun hätte sich Havertz auch ein bisschen freuen können, weil Linekers Aussage immanent bedeutete, dass Deutschland an diesem Montag Paraguay besiegen wird, um sich für eine Partie im Anschluss gegen Frankreich überhaupt erst erfolgreich zu bewerben. Havertz reagierte aber mit Sarkasmus. „Ich glaub’, wir haben schon viele Experten in unserem eigenen Land. Wenn auch noch die aus den anderen Ländern anfangen, dann reicht’s irgendwann.“Stefan Reuter im Gespräch:Kimmich im Mittelfeld? „Es wäre von Anfang an das Vernünftigste gewesen“Stefan Reuter, Rechtsverteidiger der Weltmeistermannschaft von 1990, fordert, dass der aktuelle Aushilfs-Rechtsverteidiger sofort ins Mittelfeld verschoben wird. Und er wundert sich, dass der Bundestrainer kein weiteres Tor gegen Ecuador wollte.Kai Havertz spielt beim FC Arsenal, er lebt seit Jahren in London. Gary Lineker war viele Jahre bei der BBC als Experte beschäftigt und mischt sich immer noch regelmäßig in die Analysen der Premier League ein. Aus Havertz’ Sicht dürfte Lineker so gesehen gar nicht aus einem anderen Land sein, sondern ein Heim-und-Hof-Kommentator. Selbstverständlich – wie könnte es anders sein – war Havertz nun aber genervt von der hohen Anzahl besserwisserischer Vorschläge aus dem Inland, die nach dem 1:2 gegen Ecuador auf die deutsche Mannschaft eingeprasselt sind.Diese Besserwisserflut wiederum war eine direkte Folge von der Art und Weise, mit der der Bundestrainer Julian Nagelsmann die zweite Halbzeit angegangen war. Nicht wie eine WM-Partie, sondern wie ein Testspiel. „Da waren sicher ein paar Wechsel dabei“, die er beim Streben nach einem „Pflichtergebnis nicht gemacht hätte“, sagte Nagelsmann am Tag vor dem Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Es sei darum gegangen, Spieler „zu belohnen für eine sehr gute Trainingsarbeit, die sie gemacht haben.“Am Montagabend (22.30 MEZ, ZDF und Magenta), wenn in Boston das Spiel gegen Paraguay angepfiffen wird, kann es keine Geschenke mehr geben. Das weiß auch Nagelsmann. Und ganz sicher braucht er auch nicht Lothar Matthäus oder Stefan Reuter, um von allein auf die taktische Variante zu kommen, Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger zu erlösen und ins Zentrum zu stellen. Er hat diese Variante bislang aber verworfen. Ändert sich das jetzt?Der große SZ-WM-Überblick:In 48 Teams um den GlobusVon kleinen Karibikinseln über Ex-Geheimfavoriten bis zu den Gastgebern und ihren Herausforderungen: Eine interaktive Übersicht über die 48 Mannschaften, die bei der WM 2026 teilnehmen.„Man kann alle Dinge diskutieren. Es gibt taktische Überlegungen, ein bissl was zu ändern“, sagte Nagelsmann, fuhr aber fort: „Es gibt auch den Gedanken, alles gleich zu lassen.“ Eine Aussage, die auf den flüchtigen Blick einen Erkenntnisgehalt hatte wie die gute, alte Bauernregel: „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter oder bleibt, wie es ist.“ Die in Wahrheit aber tief blicken ließ. Denn bislang betonte der Bundestrainer stets, dass es keinen Anlass für Änderungen gebe und die Mannschaft sich einspielen solle.Am Sonntag sprach Nagelsmann sogar über drei Kategorien von Gründen, weswegen er die Mannschaft umbauen könnte. Er präsentierte eine gemischte Platte mit dreierlei Zutaten: A) „Gucken, was der Gegner uns anbietet.“ B) „Was gefehlt hat im letzten Spiel.“ C) „Was dem einen oder anderen Spieler helfen könnte.“Die Kategorie A ist schnell abgehandelt. Die Mannschaft von Paraguay hat – ähnlich wie schon Ecuador (Alarm!) – ihre Stärken in der Defensive. Sie spielt robust, und wenn es sein muss, auch hart und schmerzhaft. Für die Kategorien B und C ließen sich hingegen Proseminare veranstalten.Gegen Ecuador hatte vor allem Aleksandar Pavlovic große ProblemeNagelsmanns Elf fehlte gegen Ecuador vor allem die Disziplin zur Positionswahrung. Außerdem: Präzision im Passspiel. Eiserne Zweikampfhärte. Geduld und die Bereitschaft, das Tempo zu variieren. Der unbedingte Wille, das Spiel zu gewinnen, und die letzte halbe Stunde nicht als Testspiel zu betrachten (so wie der Trainer).Richtig spannend hingegen ist die Kategorie C. Der Spieler, dem gegen Ecuador am meisten von all dem fehlte, was ihn auszeichnet, war Aleksandar Pavlovic. Er gewann gerade einmal 30 Prozent seiner Zweikämpfe, und zwar an der Stelle, wo Deutschland die größten Defizite hatte: im zentralen Mittelfeld. Nagelsmann nahm Pavlovic zur Pause aus der Partie und brachte Angelo Stiller – der jedoch ebenfalls nicht wirklich hineinfand in das Spiel. Die Idee ist nicht abwegig, einen weiteren Kandidaten auf die Position von Pavlovic zu stellen. Und dieser Kandidat könnte selbstverständlich auch einer seiner Vereinskollegen beim FC Bayern sein: Joshua Kimmich oder Leon Goretzka.Ein Umzug von Kimmich würde weitere Umbauten am System erfordernFür den robusten Goretzka spräche seine offensichtliche körperliche Eignung. Das System müsste für ihn auch nicht großartig geändert werden. Ganz anders also, als wenn Kimmich seine Horchposten hinten rechts verließe und auf die von ihm so geschätzte Kommandobrücke dürfe. Diese Maßnahme hätte Umbauten zur Folge, die weit darüber hinausgingen, was Nagelsmann mit „ein bissl was ändern“ meinen dürfte. Unlösbar wären die gleichwohl nicht. Der wieder genesene Nathaniel Brown kann auch auf der rechten Seite spielen. Und Malick Thiaw wurde auf dieser Position gegen Ecuador in der zweiten Hälfte ausprobiert. Er gewann immerhin vier seiner sechs Zweikämpfe.Kleine Wette: Für einen großen Umbau gegen das relativ kleine Paraguay wird Nagelsmann keine Notwendigkeit sehen.