125 Jahre nach der Vergabe des ersten Nobelpreises steht fest: Mehr Verantwortungsbewusstsein gab es selten in der Wissenschaft. Mehr Verantwortung für die Welt und auch mehr Druck – von außen wie von innen. „Viele machen sich Sorgen, es gibt immer weniger Zusammenarbeit in der Welt. Und in solchen Zeiten der Krise ist das Wichtigste: die Einigkeit.“Es waren Worte wie diese, man könnte auch sagen: aufrichtige Beschwörungen, mit denen die Nobelpreisträgertagung auf der Bodensee-Insel Lindau in diesem Jahr eröffnet wurde. Ausgesprochen wurden sie von dem ehemaligen Ministerpräsidenten Koreas und früheren Präsidenten der UN-Generalvollversammlung Seung-soo Han. Er war einer von drei Friedensnobelpreisträgern, die ein Zeichen setzen sollten. Tatsächlich war der „Friedensdialog“ von Lindau am Samstag vor der offiziellen Eröffnung der Jubiläumstagung („75 Jahre Wissenschaft, die Grenzen überschreitet“) zunächst einmal das, was man erwarten durfte: eine „Geste der Güte“, wie es Friedensnobelpreisträger José Manuel Barroso nannte, der Ex-Premierminister Portugals und Ex-EU-Kommissionspräsident.Gräfin Bettina Bernadotte mit jungen Wissenschaftlerinnen in der Inselhalle.Foto Frank RöthDas entscheidende Zeichen aber setzte ein Dritter: Der belarussische Menschenrechtsaktivist und Friedenspreisträger Ales Bjaljazki war erst vor wenigen Monaten nach viereinhalb Jahren Haft in einem Straflager freigelassen worden. Nun führte er auf der Bühne des Lindauer Stadttheaters den Zuhörern jenen unfassbaren Zynismus autokratischer Politik vor Augen, in der die Wahrheit nichts zählt und auch die Freiheit von Wissenschaftlern oder Studenten mit Füßen getreten wird. Ehrfürchtig nannte Barroso ihn „meinen Helden“.Damit war im Grunde auch der Ton für die Eröffnung der Nobelpreisträgertagung am darauffolgenden Sonntag gesetzt: Widerstand war angesagt, oder, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner bemerkenswert aufrüttelnden Jubiläumsrede formulierte, ein unbedingter Wille, der grassierenden politischen Bevormundung, Desinformation und Ignoranz entgegenzutreten: „Wir müssen entschlossen sein, für die Freiheit der Wissenschaft weiterzukämpfen.“ Keine Demokratie ohne freie Wissenschaft. Steinmeier nannte die USA als mahnendes Beispiel.Das zweite Jahr in Folge war damit schon zur Eröffnung des Lindauer Treffens ein erstaunlich starker politischer Spirit zu spüren. Mancher der mehr als siebzig Nobelpreisträger und über sechshundert jungen Spitzenforscher aus allen Kontinenten dürfte sich davon regelrecht wachgerüttelt gefühlt haben. Doch wie hatte Gräfin Bettina Bernadotte, die geschichtsaffine Präsidentin des Lindauer Nobel-Kuratoriums, zu Beginn des Lindauer „Friedensdialogs“ bemerkt: „Was für ein großer Moment für uns.“Mit dem Moment waren nicht nur die Gegenwart und ihre Herausforderungen gemeint, er bezog sich auch auf das Momentum, das 1951 geschaffen wurde. Damals waren auf Einladung ihres Großvaters, Graf Lennart Bernadotte, sieben Medizin-Nobelpreisträger und gut zweihundert andere Wissenschaftler auf der Insel zusammengekommen. Steinmeier hält dieses Ereignis, das insbesondere der Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg diente, auch für ein entscheidendes deutsches Datum: Es sei ein „kleiner, aber wichtiger Aufbruch in die moderne Demokratie“ gewesen. Es war damit auch, um einen von Gräfin Bettina verwendeten Begriff zu wiederholen, die Erfindung der Lindauer „Wissenschaftsdiplomatie“. In dieselbe Richtung argumentierte auch EU-Preisträger Barroso, der an den deutschen Soziologen Max Weber erinnerte und an dessen Verdikt, Wissenschaft drehe sich eben gerade nicht nur um Intelligenz und Innovation, sondern auch um eine „Ethik der Verantwortung“.Die 75. Nobelpreisträgertagung wird sich mit einer Rekordzahl an Laureaten noch mit zahlreichen weiteren Zukunftsfragen beschäftigen. Wir berichten in einer redaktionellen Sonderbeilage, die am 11. Juli erscheinen wird. Zudem ist in Lindau ein umfangreiches F.A.Z.-Team des Podcast-Ressorts unterwegs, begleitet von Kolleginnen des Social-Media-Ressorts (#Lino75), das dem Nobelpreisträgertreffen und den darin verhandelten großen Menschheitsfragen die diesjährige Sommerserie des „Podcast für Deutschland“ widmen will.