Wohin mit all dem Strom aus Solaranlagen und Windrädern? Das fragt sich nicht nur Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) an besonders sonnigen und auch noch windigen Hellbrise-Tagen. Eine Antwort findet sie bei Felix Holy, Falco Krell und Michel Textor in Gießen. Das Trio hat einen neuartigen Hochtemperaturspeicher entwickelt. Zu sehen ist die Anlage in der Nachbarschaft einer Neubausiedlung auf dem Gelände des ehemaligen Motorpools der US-Armee im Osten von Gießen.2022 in Betrieb genommen, läuft der Hochtemperaturspeicher seit drei Jahren durchgehend störungsfrei, wie Holy sagt. „Wir sind bereit für die Hellbrise“, hebt er hervor. Gemeinsam mit Krell und Textor hat der promovierte Ingenieur die Powerlith GmbH gegründet, um die seit September 2025 patentierte Entwicklung auf den Markt zu bringen. Ihr Start-up ist erst ein Vierteljahr alt. Doch sprechen sie schon mit einigen Interessenten aus der Industrie.Der Hochtemperaturspeicher hat eine im Grunde einfach klingende Aufgabe. Er soll überschüssigen Grünstrom aufnehmen und bei Bedarf die Energie wieder abgeben. Der Hintergrund: Ein Überangebot an elektrischer Energie führt zu negativen Strompreisen. So wie in diesen Tagen mit Sonnenschein von frühmorgens bis in den Abend hinein. In solchen Fällen müssen Stromerzeuger für den Verkauf zahlen und nicht die Kunden für den Erwerb. Das ist aber nicht im Sinn der Energielieferanten.Der Ruf nach großen Stromspeichern wird lauterGleichzeitig wird der Mangel an Stromspeichern in Deutschland offenbar und der Ruf danach wieder lauter. Denn gäbe es mehr Speichereinheiten, könnte ein Teil des Überschusses vom Markt genommen werden. Zudem stünde die aufgenommene Energie für die Nacht oder andere dunklere Stunden zur Verfügung. Überdies könnte der überschüssige Strom in Anlagen wie jener von Powerlith direkt in Hitze umgewandelt und als Prozesswärme an Betriebe abgegeben werden.Geradlinig: Leitungen und Kabel nebst Wassertank neben dem Hochtemperaturspeicher, den die Gründer von Powerlith entwickelt habenMaximilian von LachnerFachleute sprechen von einem Power-to-heat-Verfahren. Der von Holy in seiner Doktorarbeit konzipierte Hochtemperaturspeicher befindet sich in einem mehrfach isolierten und luftdichten Stahlmantel. Darin kommen Keramiksteine zum Einsatz. Sie werden Reihe für Reihe nebeneinander wie Lego-Steine gestapelt. Durch ein Loch in ihrer Mitte bildet sich von oben nach unten jeweils ein sogenannter Strömungskanal. Durch diese Kanäle reichen dicke Drähte vom oberen Ende des Speichers bis hinunter zum Boden. Auf diese Drähte wird Strom geleitet, der aus den Solarmodulen aus der Neubausiedlung nebenan kommt. Diese Energie lässt zuerst die Drähte glühen, die in der Folge die Keramiksteine aufheizen. Der Werkstoff wird bis zu 1200 Grad heiß und wirkt dann selbst gelb glühend, wie es heißt.Zu der Anlage gehören auch eine Gasturbine und zwei haushohe Warmwasserspeicher mit jeweils 20 Kubikmeter Fassungsvermögen nebst Wärmepumpen. Sie kommen zum Einsatz, wenn die Energie gebraucht wird. Dann wird in die Gasturbine heiße Luft aus der Speichereinheit eingeblasen, sodass die Turbine ihrerseits Wärme und Strom erzeugt. Die Wärmepumpen machen auch die Temperaturen der Umgebung und die Abwärme aus der Energiezentrale nutzbar. Ein Container voller Batterien mit 700 Kilowatt Leistung komplettiert die Anlage.Überblick: die Pilotanlage an der Technischen Hochschule Mittelhessen von oben gesehenMaximilian von LachnerDer Prototyp zeigt nach den Worten von Holy die berechnete Leistungsfähigkeit und dabei keine Beeinträchtigungen. Die technischen Kerndaten sehen so aus: Die Anlage kommt auf 2500 Kilowattstunden je Quadratmeter Aufstellfläche für die Keramiksteine, bei einem Gesamtwirkungsgrad von bis zu 95 Prozent. Der Verlust an Hitze belaufe sich in einer Großanlage auf weniger als ein Prozent am Tag, sagen die Gründer. In solchen Fällen reiche die in den Steinen gespeicherte Hitze einen Monat lang für die Rückverstromung. Stattdessen könnte die Anlage aber auch von Kunden genutzt werden, die regelmäßig Prozesswärme brauchen. Traditionell wird die mit Erdgas erzeugt – bei Einsatz des Speichers nach Gießener Vorbild ließe sich der fossile Brennstoff zumindest teilweise durch Grünstrom ersetzen.Aus Sicht von Stefan Lechner eignet sich diese Technik auch für Dunkelflauten, also Zeiten ohne Sonnenstrom und Windenergie. Da könnte rein rechnerisch ganz Deutschland mit einem riesigen Würfel aus Keramiksteinen mit einer Kantenlänge von 600 Metern versorgt werden, sagt der Professor am Institut für Thermodynamik, Energieverfahrenstechnik und Systemanalyse der Technischen Hochschule Mittelhessen. Er hat die Entwicklung und Inbetriebnahme des Prototyps begleitet. Lechner gesteht zu, einen Klotz mit den oben beschriebenen Ausmaßen werde niemand in die Landschaft pflanzen. Machbar wären aber Hunderte kleinere Würfel über ganz Deutschland verteilt, vorzugsweise an Orten mit Fernwärmenetzen, so Lechner.Was die Gießener Gründer berichten, können sie mit zahlreichen Daten unterfüttern. Es gibt außer Holys Dissertation mehrere Schriften zu Versuchsreihen, Zahlen zu Wärmeverlusten und der Temperaturverteilung. Krell spricht von einem digitalen Zwilling der Pilotanlage. Und die Doktorarbeit von Textor dazu folgt noch. Nach seinen Worten beziehen sich 16 Prozent des Energiebedarfs auf der Welt auf Temperaturen von mehr als 400 Celsius. In Europa seien es elf Prozent. „Das ist nicht mit Wärmepumpen zu regeln“, sagt er. Vor diesem Hintergrund spricht er von einem „riesigen Potential für Hochtemperaturspeicher“ nicht nur hierzulande.Innovationspreis von Bauunternehmen Max Bögl gewonnenVorweisen können die drei Gründer zudem den Innovationspreis des bayerischen Bauunternehmens Max Bögl. Dabei geht es um klimaneutrale Asphaltproduktion durch mit Grünstrom beladene Hochtemperaturspeicher als Alternative zu fossiler Prozesswärme. Nun erhofft sich Powerlith einen Folgeauftrag. Das Start-up hofft, durch die Zusammenarbeit mit spezialisierten Beratern in der Industrie bekannter zu werden. Bisher seien Anfragen über die Technische Hochschule hereingekommen oder als Folge von Presseberichten.Großes Interesse zeigen die Gründer daran, mit Contracting-Unternehmen ins Geschäft zu kommen. In solchen Fällen installiert und betreibt das Contracting-Unternehmen eine Energieanlage, und die Kunden zahlen einen vertraglich vereinbarten Preis für gelieferte Wärme. Powerlith spreche derzeit mit einem Branchenvertreter, der sich auf Solaranlagen und Batteriespeicher spezialisiert habe. Ein klares Ziel hat sich das Trio für dieses Jahr gesetzt. Bis Ende Dezember will es die erste Anlage verkauft haben.