SZ: Frau Alabali Radovan, wie fühlt sich das eigentlich an, die womöglich letzte Entwicklungsministerin der Bundesrepublik Deutschland zu sein?Reem Alabali Radovan: Ich kämpfe dafür, dass es nicht so kommt. Wir brauchen ein eigenständiges Ministerium – und vor allem gute Entwicklungszusammenarbeit.Um ein Haar wäre das Ministerium in dieser Koalition dem Auswärtigen Amt zugeschlagen worden. Die Union hielt es nicht für so wichtig.Gerade die letzten Monate haben gezeigt, wie wichtig Partnerschaften mit dem globalen Süden sind. Und ein Ministerium, das sich genau darum kümmert.Die Zukunft liegt in Afrika, Lateinamerika und Asien.Reem Alabali RadovanWoran denken Sie?Zum Beispiel auch an die missglückte Wahl in den UN-Sicherheitsrat. Dass es uns gemeinsam nicht gelungen ist, genügend Staaten zu überzeugen, war eine herbe Enttäuschung. Aber es verschärft sich auch die Krise des multilateralen Systems. Alte Allianzen bröckeln plötzlich. Ich bin überzeugt, dass sich die Zukunft Deutschlands auch daran entscheidet, ob wir unsere Partnerschaften mit dem globalen Süden ernst nehmen und ausbauen. Die Zukunft liegt in Afrika, Lateinamerika und Asien. Wenn wir dort als eine der größten Exportnationen weiter eine wichtige Rolle spielen wollen, dürfen wir uns nicht kleiner machen, als wir sind.Manche warnen schon davor, Deutschland verspiele gerade seine „Soft Power“, seine Strahlkraft in der Welt.Genau das dürfen wir nicht zulassen. Diese Gefahr wird oft unterschätzt. Wir stellen unsere Entwicklungszusammenarbeit daher strategischer auf, kommunizieren unsere Interessen klar und identifizieren aber vor allem gemeinsame Interessen. Wir können dabei auf Partnerschaften bauen und vertrauen, die teils schon 60 Jahre bestehen.Gleichzeitig steht Ihr Ministerium jetzt vor der fünften Kürzung des Haushalts in Folge. Wie passt das zusammen?Der Bundeshaushalt steht unter immensem Druck. Auch wir müssen unseren Beitrag leisten. Aber wir dürfen uns gerade jetzt nicht zurückziehen. Dafür kämpfe ich. Und gleichzeitig arbeite ich daran, dass wir uns in der Entwicklungszusammenarbeit stärker fokussieren, entsprechend der neuen geopolitischen Lage neu ausrichten.Kritiker bemängeln, dass deshalb von den 41 ärmsten Ländern nur noch zehn im engeren Fokus deutscher Entwicklungspolitik sind.Es gibt unter den ärmsten Ländern ein paar, die keine Partnerländer sind. Das heißt aber nicht, dass wir dort nicht helfen. Denn dort unterstützen wir weiter über internationale Organisationen wie das Welternährungsprogramm oder das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass wir uns aus bestimmten Ländern zurückziehen. Aber wir müssen stärker priorisieren, was wir wo machen. In aufstrebenden Ländern wie Indien, Brasilien und Mexiko, die mittlerweile ihre Entwicklung selbst finanzieren können, arbeiten wir über Kredite. Länder wie Kenia fragen uns vor allem nach Investitionen. Zu glauben, wir können mit weniger Geld dasselbe leisten wie zuvor, wäre naiv.Wir reden über Wohngeld, über Elterngeld, über Rente und Ähnliches. Gleichzeitig gibt es weiterhin eine große Bereitschaft der Menschen in Deutschland, in der Not zu helfen.Reem Alabali RadovanWas fällt denn weg?Was wir uns leider nicht mehr leisten können, ist die Unterstützung im Bereich Flucht in Südamerika oder Südostasien. Das ist dramatisch, wenn man an die Gruppe der Rohingya denkt, eine der größten Flüchtlingskrisen der Welt. Dafür konzentrieren wir uns aber in diesem Bereich auf unsere Nachbarregionen, etwa den Nahen Osten oder Nordafrika.Damit von dort nicht so viele nach Europa fliehen?Weil Entwicklungen dort unmittelbare Auswirkungen auf uns haben – wie wir gerade auch bei dem Iran-Krieg und der Blockade um die Straße von Hormus sehen. Was wir aber nicht machen werden, ist, Hilfen abrupt zu stoppen. Wir beenden Projekte geordnet in Absprache mit Partnern, wir beenden sie nicht von heute auf morgen. Es gibt mittlerweile Studien darüber, was der plötzliche Rückzug der USA aus der Entwicklungszusammenarbeit angerichtet hat. In afrikanischen Ländern hat das zu noch mehr Krisen und bewaffneten Konflikten geführt. Die USA leisten hier nicht nur keinen Beitrag mehr zur Lösung von Problemen – ihr Rückzug hat Probleme verschärft.Der Wegfall von US-Hilfen verschärft die Probleme: Dürre in Usgura, Somalia, im April dieses Jahres. Jack Denton/APEinen großen Aufschrei hat die Kürzung der deutschen Entwicklungshilfe bisher nicht ausgelöst. Fehlt in Deutschland mittlerweile die Empathie, weil sich jeder selbst der Nächste ist?Es ist wichtig zu sehen, dass Kürzungen ein globaler Trend sind. Es gibt weltweit einen dramatischen Einbruch, da stehen wir im Vergleich noch ganz gut da. Es haben ja nicht nur die USA drastisch gekürzt, sondern auch Länder wie Frankreich oder Großbritannien. Aber ja, es gibt viele Themen, die Bürgerinnen und Bürger viel direkter beschäftigen. Wir reden über Wohngeld, über Elterngeld, über Rente und Ähnliches. Gleichzeitig gibt es weiterhin eine große Bereitschaft der Menschen in Deutschland, in der Not zu helfen. Das Spendenaufkommen der Deutschen bleibt relativ stabil. Wir müssen aber noch stärker zeigen, was unsere Hilfe bewirkt.Als da wäre?Zum Beispiel, dass wir mit der Impfallianz Gavi eine Milliarde Kinder grundimmunisiert haben. Oder, dass wir mit dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Malaria, Tuberkulose und Aids gemeinsam 70 Millionen Menschenleben gerettet haben. In der Ukraine haben wir dafür gesorgt, dass sieben Millionen Menschen trotz Krieg Energie und Wärme haben. Bei der Schulernährung erreichen wir mit unseren Partnern bereits 500 Millionen Kinder und legen jetzt noch mal drauf. Deutsche Hilfe macht einen Unterschied. Sehr viele schauen darauf, was Deutschland macht. Im Kreis der OECD-Staaten sind wir schließlich mittlerweile der größte Geber.Wir kämpfen nicht nur gegen Stimmungen, sondern auch gegen Fake News.Reem Alabali RadovanGrößter Geber – ist es so klug, das laut auszusprechen? In Deutschland denken viele, ihr Steuergeld werde mit vollen Händen zum Fenster rausgeworfen.Es ist ein absolut verzerrtes Bild. Vor Kurzem sollten Bürgerinnen und Bürger bei einer Umfrage schätzen, wie viel die Bundesregierung im Bereich Entwicklungszusammenarbeit ausgibt. Ergebnis: zehn bis 15 Prozent! In Wahrheit sind es nur knapp zwei Prozent des Bundeshaushaltes. Und die investieren wir in unsere Sicherheit und unseren Frieden, in unseren Wohlstand und neue Märkte. Damit genießen wir international ein hohes Ansehen.Die AfD verweist lieber darauf, dass mit deutschem Geld Radwege in Peru gepflastert werden.Gerade deshalb müssen wir stärker vermitteln, was unsere deutsche Hilfe tatsächlich bewirkt. Dass wir uns zum Beispiel gerade darum bemühen, Dünger für Länder zu organisieren, der wegen der Sperrung der Straße von Hormus knapp geworden war. Und dass wir damit auch helfen, einer Hungerkrise vorzubeugen. Aber der Bundesnachrichtendienst hat uns vorgewarnt, dass auch Desinformationskampagnen gegen Entwicklungspolitik laufen. Wir kämpfen nicht nur gegen Stimmungen, sondern auch gegen Fake News und gezielte Desinformation.Immerhin hat die Bundesregierung nun auch eine „entwicklungspolitische Nord-Süd-Kommission“, unter anderem mit Ex-Kanzler Olaf Scholz an der Spitze. Kann sie die Stimmung drehen?Olaf Scholz ist bekannt als Verfechter einer starken globalen Kooperation. Er hat große internationale Expertise, breite Erfahrung und persönliche Netzwerke, er steht für Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Es ist großartig, dass er diese Aufgabe übernimmt – gemeinsam mit der ehemaligen Präsidentin Costa Ricas, Laura Chinchilla. Die Kommission arbeitet unabhängig. Sie wird aus 20 Mitgliedern bestehen, und sie soll konkrete Vorschläge für gemeinsame Kooperationen erarbeiten, mit Fokus auf Ländern des globalen Südens.Das klingt jetzt ziemlich abstrakt.Ich will der Kommission nicht vorgreifen. Aber es geht um die großen Fragen unserer Zeit, also Armut, Klima und Energie, Entschuldung, Krisenprävention, Frieden, auch digitale Gerechtigkeit, digitale Teilhabe. Die Kommission soll sich einbringen, insbesondere in internationalen Gremien, und der Politik Vorschläge vorlegen. Und sicher wird sie auch dabei helfen, das Thema auf der Agenda wieder etwas nach oben zu heben. Denn die globalen Probleme sind alles andere als abstrakt.