Am Samstag habe ich etwas Abwegiges getan: Ich fuhr in den Baumarkt und wollte noch schnell einen Ventilator kaufen. Die Verkäuferin lächelte schon, bevor ich meine Frage zu Ende gestellt hatte. Es sei wohl noch nicht zu mir durchgedrungen, dass Ventilatoren in ganz Berlin ausverkauft seien? Plötzlich war es zurück, das Corona-Gefühl.Das Wochenende könnte ein Kipppunkt gewesen sein, sagt eine Freundin am Telefon. Allein schon der Ansturm auf Klimaanlagen, der nun folge. Hoffentlich werde der Klimawandel jetzt wieder Thema. Womöglich passiere aber auch gar nichts davon, sagt sie.Das Corona-Gefühl kehrt nicht nur angesichts der leeren Ventilatoren-Regale zurück. Ich habe an diesem Wochenende auch viele Nachrichten von Menschen bekommen, die geplante Unternehmungen abgesagt haben, in ihren Wohnungen geblieben sind und dort an ihre Mitmenschen dachten. Ich hing die meiste Zeit auf der Couch, ohne Baumarkt-Ventilator, aber mit einem aus einer Kiste gekramten kleinen Handventilator, das man sich nah ans Gesicht hält und deswegen und deswegen zumindest Stirn und Wangen kühlt. Ein Souvenir aus Singapur, ich hatte es damals eigentlich nur als Gag gekauft.An diesem Wochenende schickten Menschen auch Fotos von sich auf Balkonen oder anderen Fluchtorten, Bahnsteige von U-Bahnen zum Beispiel oder durchklimatisierte Geschäfte. Auf Decathlon sei Verlass, schwärmte ein Freund am Telefon. Ein anderer lobte Jörg Kachelmann für seine jahrelange Missionsarbeit für den Durchzug. Die Krisen, die uns überfordern Mehrere Gespräche handelten von den jungen Menschen, die es vor Corona tatsächlich geschafft hatten, eine Massenbewegung zur Bekämpfung des Klimawandels zu initiieren. Sie waren sich der Dringlichkeit des Problems bewusst und wollten andere wachrütteln. Aber dann wurde vor allem über die Wahl der Mittel gestritten, und auch wenn dieser Streit nie wirklich endete, besteht heute zumindest weitgehend Einigkeit darin, dass sich das Festkleben auf der Straße und das Beschmieren von Kunstgemälden als nicht anschlussfähig für die Bevölkerungsmehrheit erwiesen.Die Klimakrise war nie verschwunden, sie wurde bloß verdeckt von Corona und Kriegen und der Inflation und den ganzen anderen Krisen, die überfordern. Oder wie eine Kollegin es formuliert: Im Grunde besteht das Problem nicht in mangelndem Wissen über die Klimakrise – sondern darin, dass wir sie immer wieder vergessen. Und das ist verständlich, weil unsere Aufmerksamkeit wie ein Scheinwerfer funktioniert: Sie leuchtet immer nur die dringendsten Krisen aus und lässt unbeachtet, was sich noch verdrängen lässt.Viele haben damals gesagt: Die Anliegen waren richtig, aber nicht die Methoden. Seitdem sind mehrere Jahre vergangen.Sebastian Leber, ReporterBei langfristigen Risiken handeln wir meist erst dann, wenn wir die Folgen selbst spüren. Wir prokrastinieren. Ich selbst bin dafür ein anschauliches Beispiel. Ich habe den Ventilator nicht gekauft, als die Nachrichten vor der Hitzewelle warnten. Ich wollte ihn kaufen, als es in meiner Wohnung 38 Grad warm war.Dass Menschen Straßenblockaden durch Festkleben für kein optimales Mittel halten, um auf den menschengemachten Klimawandel aufmerksam zu machen, kann ich nachvollziehen. Viele haben damals gesagt: Die Anliegen waren richtig, aber nicht die Methoden. Seitdem sind mehrere Jahre vergangen. Es wäre genug Zeit gewesen zu zeigen, welche Methoden besser funktionieren. Ich kann da nicht viel erkennen.Das vergangene Wochenende war ein Kipppunkt, sagt die Freundin am Telefon: „Erst wenn wir etwas am eigenen Körper spüren, handeln wir.” Und plötzlich sind die Ventilatoren ausverkauft.Vielen Dank für die vielen Zuschriften zur vergangenen Kolumne. Ich habe mich über jede einzelne gefreut. Viele Ihrer Gedanken, Beobachtungen und Einwände empfinde ich als sehr hilfreich. Schreiben Sie mir gern weiter: aufdemschirm@tagesspiegel.de
Erst wenn wir schwitzen: Was der ausverkaufte Ventilator über unseren Umgang mit dem Klimawandel verrät
Die Klimakrise war nie verschwunden. Unsere Aufmerksamkeit schon. Ändert dieses Hitzewochenende etwas daran – oder vergessen wir sie bald wieder?










