Man musste sich ernsthaft Sorgen machen um Stephen Eustáquio. Der Siegtorschütze des historischen 1:0 der kanadischen Fußballelf hatte komplett die Orientierung verloren. Er wusste schon, dass er sich in den Katakomben der WM-Arena in Los Angeles befand, aber emotional war er zunächst mal „über den Mond hinweg“ ob seines Treffers in der Nachspielzeit des ersten Sechzehntelfinales der WM und der WM-Geschichte. Er hatte eine kurze Kopfballabwehr zum Volleyknaller sowohl in das Tor (und die Herzen) von Gegner Südafrika als auch in die seiner Landsleute genutzt. „Jeder Kanadier wird bis an sein Lebensende wissen, wo er gewesen ist“, sagte Kollege Alistair Johnston auf die Frage, wie der erste K.-o.-Runden-Sieg bei einer Fußball-WM in der Eishockeynation Kanada aufgenommen werde. Für ihn ganz persönlich war es „ein magischer Moment.“Das kanadische Weiterkommen bei der Heim-WM in eine Kategorie mit Sidney Crosbys Golden Goal bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver einzuordnen, mag etwas hochgegriffen sein. Johnstons Emotionen im magischen Moment waren auch erst mal andere: „Erleichterung, dass es nicht 30 Minuten weiterging – und darüber, dass es nicht vorbei ist.“ Im kollektiven Jubel über das Weiterkommen hörte man auch ein tief-erleichtertes Ausatmen. Die Orientierungslosigkeit des Siegtorschützen spiegelte den Zustand der, nun ja, Fußballnation Kanada wider.Nachdem Eustáquios Emotionen beim Tor wie erwähnt über dem Mond waren, steuerte er gefühlsmäßig vorerst wieder den Heimatplaneten an: „Jetzt müssen wir zurück zur Erde, wir wollen nicht auf dem Mond sein – sondern daran glauben, dass es noch höher gehen kann.“ Also: Nicht durchdrehen ob des historischen Moments, geht ja noch weiter: am 4. Juli, dem Nationalfeiertag der Amerikaner, ausgerechnet in Texas, dem amerikanischsten der US-Bundesstaaten. Am Independence Day könnte Kanada seine Reise zu den Sternen fortsetzen.Ein erfolgreiches Turnier braucht eine gute Geschichte, heißt es oft. Die Kanadier haben gleich mehrere geschrieben am Sonntag. Die Erste und offensichtliche: Vielleicht ermöglichte gerade der Umzug zum Spielort Los Angeles ein paar Hollywood-reife Storylines. Zum Beispiel die des Torschützen Eustáquio. Der spielt bei Los Angeles FC, im Stadion Downtown in Fahrradweite. Seine Eltern sind einst aus Portugal nach Kanada ausgewandert, LAFC gilt in der Stadt als Fußballklub der Latinokultur, und Eustáquio passt dazu wie die Faust aufs Auge.Man erlebt selten ehrliche Emotionen bei dieser WM. Eustáquio aber, wie er zwischen aufgekratzt-freudig und Ich-muss-jetzt-was-Warnendes-zum-Achtelfinale-sagen wankte: einfach goldig. Und einer, der sagt, wie es nur Menschen aus südlichen Ländern so hinkriegen, dass es herzerwärmend und nicht kitschig ist: „Alphonso kommt aufs Feld und rockt. Promise David wird eingewechselt und spielt den Pass. Shaffelburg flankt. Alle haben dieses Tor geschossen, wir sind alle Brüder.“Die zweite Hollywood-Geschichte: FC-Bayern-Flitzer Alphonso Davies. Der hatte in diesem Stadion vor 15 Monaten einen Kreuzbandriss erlitten. Seine Genesung wurde in Kanada als mögliche Heldensage beschrieben, die am Sonntag ein Kapitel hinzugewann. Davies und Trainer Jesse Marsch hatten tags zuvor gemeinsam auf einer Bühne versichert, dass Davies nun, in LA „fit und einsatzbereit“ sei.Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA:Spielplan der Fußball-WM 2026: Alle Gruppen, Spiele und TermineDie Fußball-WM 2026 läuft, die K.o.-Runde steht an. Deutschland trifft auf Paraguay, danach droht ein Favorit. Der Spielplan mit allen Spielen, Terminen und Gruppen.Bayerns Alphonso Davies ist nach seiner Verletzung auch einer der kanadischen ProtagonistenDie Geschichte jetzt: Davies kam am Ort seiner Verletzung in der 75. Minute aufs Feld, wirbelte eine öde Partie durcheinander und war beim Siegtreffer einer der ersten Gratulanten. Und auch er ist jetzt Symbol für alle Kanadier, die nun ihren ersten Sieg in einer K.-o.-Phase bejubeln durften. Die Frage an Davies war natürlich, ob es sechs Tage nach diesem Einsatz vielleicht sogar für 90 oder gar 120 Minuten reichen könnte. In der Partie gegen den Sieger Niederlande gegen Marokko also, wenn diese Elf ihren nachweislich besten Spieler dringend gebrauchen kann? Nun, Trainer Marsch ist ein weltweit bekannter Schlawiner, also redete er viel, ohne irgendetwas Konkretes zu sagen. Sollen die Leute daheim (und beim Gegner) doch ein bisschen rätseln.Mit der Niederlage gegen die Schweiz im letzten Gruppenspiel, die die Kanadier erst in die USA geschickt hatte, begann für sie auch eine dieser sehr amerikanischen Sportgeschichten. In diesen wird der Protagonist „gehumbled“, also in Eustáquio-isch: auf die Erde geholt. Er muss demütig sein und sich beweisen. Erst dann darf er wirklich an sich glauben und nach Größerem streben. Die Kanadier erlebten diesen Moment gegen die Schweiz, als Beweis dient nun der Sieg gegen Südafrika – und das Streben nach Größerem das Achtelfinale gegen einen Favoriten.Und siehe da: Der gerade noch zwischen Erde und Mond schwebende Eustáquio flog ordentlich nahe an die Sonne ran. „Egal, gegen wen wir spielen, Marokko oder Niederlande: Ich hoffe, dass sie uns heute angeschaut haben – und jetzt wissen, dass dieses Spiel ein schweres für sie werden wird.“Gut, dass er sich noch im gleichen Satz zurückholte auf die Erde: „Wichtig für uns jetzt: bescheiden bleiben.“ Und dass direkt danach Alistair Johnston sagte: „Das sind zwei der besten Teams der Welt. Wir sind froh, dass wir Geschichte geschrieben haben und noch tanzen.“ In Houston, am Independence Day. Noch einmal Johnson: „Man muss sich ans Script halten.“ Er meinte in diesem Fall die Taktik oder den Spielplan. In Los Angeles aber, am Ort des historischen kanadischen Erfolgs, versteht man unter dem Script gemeinhin das Drehbuch. Und das der kanadischen Elf ist aktuell ein sehr amerikanisches.
WM 2026: Einzug ins Achtelfinale dank Last-Minte-Treffer - Kanadische Hollywood-Storys
Mit dem 1:0-Sieg gegen Südafrika gewinnt Kanada erstmals in seiner Geschichte ein WM-K.-o.-Spiel und ist von sich selbst überwältigt.












