Clooney schlägt noch mal an. Noch einmal kommt Hoffnung auf. Der Spürhund steht in den Trümmern eines eingestürzten Hauses in der venezolanischen Küstenstadt Caraballeda. Die Mittagssonne brennt. Hin und wieder dringt Verwesungsgeruch nach außen. Fast vier Tage liegt das verheerende Erdbeben in Venezuela zurück. Eigentlich gibt es kaum noch eine Chance, in den Trümmern Überlebende zu finden. Und doch: Noch wenige Stunden zuvor hatte das Bergungsteam des Technischen Hilfswerks (THW) im Innern der Ruine Lebenszeichen festgestellt. Seither läuft ein Wettlauf gegen die Zeit.„Nach einem Beben bleiben einem die sogenannten goldenen hundert Stunden, um Leben zu retten“, erklärt Bernd Stockhorst, einer der Notsanitäter des Teams. Danach werde es unwahrscheinlich. Ein entscheidender Faktor sei das Klima. Angesichts der Hitze und der dadurch beschleunigten Dehydrierung der Opfer grenze es an ein Wunder, dass hier noch jemand lebe.Stockwerke liegen wie Tortenschichten aufeinanderBei der sogenannten Einsatzstelle „Delta 25“ im Sektor, der vom THW bearbeitet wird, handelt es sich um ein eingestürztes neunstöckiges Wohnhaus. Zeugen berichten, dass das Gebäude erst bei einem der Nachbeben nachgegeben habe. Dabei sackte es nach unten und fiel in sich zusammen, wobei sich die Böden der Stockwerke wie Tortenschichten aufeinanderstapelten. Die Hohlräume dazwischen sind extrem eng.Erholung von der Hitze: Hundeführerin Christine Pestka mit ClooneyTjerk BrühwillerDie Situation sei sehr komplex, sagt Einsatzleiter Timo Eilhardt. „Ein Erdbeben wie dieses hätte auch bei uns einen enormen Schaden angerichtet.“ Es sei nicht damit zu rechnen, dass hier viele aus den Trümmern gerettet würden. In der Tat konnten die über drei Dutzend Rettungsteams, die in Venezuela im Einsatz stehen, bis zu diesem Zeitpunkt nur zwölf Opfer lebend bergen. Unklar ist, wie viele Opfer in den ersten Stunden und Tagen von lokalen Helfern gerettet wurden. Womöglich handelt es sich bei jenem in „Delta 25“ um einen der letzten Überlebenden in den Trümmern Venezuelas. „Es grenzt schon fast an ein Wunder“, sagt Eilhardt.Doch das Zeitfenster schließt sich. Als die Verstärkung am Vormittag eintrifft und einen weiteren Versuch startet, das Opfer zu orten, kommt keine Antwort mehr. Mehrere der 48 am Freitag angereisten Einsatzkräfte erinnern sich an die Bergungsarbeiten nach dem schweren Beben in der Türkei im Jahr 2023. Auch damals hatte das Team des THW über Stunden kein Lebenszeichen des Opfers bekommen, das schon tagelang eingeschlossen war. Vermutlich schlief die Person. Am Ende wurde sie lebend gerettet.Den General zum Schweigen gebrachtLeben zu retten, sei das oberste Ziel jedes Einsatzes, sagt Einsatzleiter Eilhardt. Alle hier wollten ein Erfolgserlebnis. Doch das THW habe auch einen diplomatischen Auftrag. „Es geht darum, den Leuten beizustehen, zu zeigen, dass Venezuela in diesem schwierigen Moment nicht allein ist.“Mitten während der sensiblen Arbeiten taucht plötzlich der Armeegeneral Rubén Dario Belzares an der Einsatzstelle auf, der Kommandeur des Bundesstaates La Guaira. Eilhardt erklärt ihm die Situation und dass das Opfer dringend in ein Krankenhaus mit Dialyseabteilung gebracht werden müsse, sollte es lebend geborgen werden. Der General verspricht, einen Hubschrauber zur Verfügung zu stellen. Dann muss er schweigen. Im engen Kanal, den das THW freigelegt hat, wird gelauscht. „Hier ist das Rettungsteam! Mach ein Geräusch!“, ruft eine Stimme im Innern. Alle lauschen wie gebannt.Einsatzleiter Timo Eilhardt erklärt dem Armeekommandeur des Bundesstaates La Guaira, Rubén Dario Belzares, die Lage am Einsatzort.Tjerk BrühwillerDoch aus dem Innern ist nichts zu hören. Stattdessen stören Geräusche von Baggern die Stille. Auf einem großen Gelände neben der zerstörten Wohnanlage, das einst ein Golfplatz war, baut die Armee gerade einen Stützpunkt und Einrichtungen auf, um die Leute zu betreuen, die ihre Häuser verloren haben. Die Katastrophe habe hier sehr viele Menschen getroffen, da es sich um ein urbanes Gebiet mit teilweise sehr großen Gebäuden handle, sagt General Belzares. Die Rettung von Verschütteten habe in dieser ersten Phase Priorität, wofür Venezuela auf die großzügige Unterstützung ausländischer Hilfskräfte zählen könne. Nun laufe die Hilfe für die Überlebenden an.Auf Hilfe angewiesenWas der General nicht sagt, ist, dass Venezuela auch dafür auf Hilfe angewiesen ist. Die Not ist groß. Zehntausende haben ihr Obdach verloren. Der größte Teil dessen, was die Menschen bisher an Hilfe erreicht hat, stammt aus Spenden der Bevölkerung. Auch an diesem Tag sind zwischen Caracas und dem Katastrophengebiet wieder unzählige Autos unterwegs, die Wasser, Esswaren, Kleider und Medikamente in die Region bringen. Unterdessen hat die Armee improvisierte Verteilstellen für die Spenden eingerichtet, wo sich die Betroffenen mit dem Nötigsten eindecken können.Notsanitäter Bernd Stockhorst: „Nach einem Beben bleiben einem die sogenannten goldenen hundert Stunden, um Leben zu retten.“Tjerk BrühwillerKurz nachdem der General den Platz verlassen hat, donnern mehrere Hubschrauber direkt über die Einsatzstelle, darunter auch zwei Maschinen der US-Armee, wie ein Offizier bestätigt. Eilhardt wird nervös und gibt zu verstehen, dass das aufhören müsse. Die Hubschrauber machen nicht nur Lärm, sondern erzeugen auch Vibrationen, was die Stabilität der Ruine gefährdet. „Wenn hier mein Sensor losgeht, werde ich komisch“, sagt Eilhardt.Operation am offenen HerzenDie Arbeit zehrt an den Kräften, nicht nur jenen des Teams, sondern auch der Hunde. „In dieser Hitze können sie nur fünf bis zehn Minuten im Einsatz stehen, dann brauchen sie eine Stunde Pause, um herunterzukühlen“, erklärt Hundeführerin Christine Pestka, die mit Clooney im Schatten eines Sonnensegels sitzt und ihren Vierbeiner mit einem Eiswürfel kühlt. Die Anforderungen an die Hunde seien sehr hoch.Das gilt auch für die menschlichen Einsatzkräfte, die alle ehrenamtlich ihren Dienst für das THW leisten. Man wachse da hinein, erzählen sie, müsse immer wieder Übungen und Tests absolvieren. Viele aus der Gruppe, die in Venezuela im Einsatz sind, haben unmittelbar vor der Abreise ein mehrtägiges Training absolviert. Der Übungsleiter habe noch gesagt, dass sie nicht für die nächste Prüfung trainierten, sondern „für den Einsatz von morgen“. Am selben Abend wurde Venezuela vom Erdbeben heimgesucht.Die Zeit läuft davon. Die Bohrmaschinen müssen her, um Löcher in die Mauer zu bohren, durch die sich eine kleine Stabkamera in die Nebenräume einführen lässt. Doch das Opfer kann nicht lokalisiert werden. Jeder Schritt muss genau abgewägt werden, um die Struktur nicht zu gefährden. Eilhardt spricht von einer Operation am offenen Herzen. Später werden weitere Löcher gebohrt, um den Hunden noch einmal die Möglichkeit zu geben, eine Witterung aufzunehmen. Sie schlagen nicht an. Am späten Sonntagnachmittag, nach über 15 Stunden Arbeit an „Delta 25“, hat das Rettungsteam des THW Gewissheit und bricht den Einsatz ab. Es gibt in den Trümmern kein Leben mehr. Das Wunder von Caraballeda bleibt aus.