Viele Jahre lang wollten junge Marokkaner, Tunesier und Algerier nur noch weg und nach Europa. Doch auf einmal werden sie zu Hause gebraucht. In ihrer Heimat ist das Bevölkerungswachstum eingebrochen. Wenn es so weitergeht, könnte der Maghreb bald selbst Migranten brauchen – für das Wirtschaftswachstum und die alternde Gesellschaft.In den drei Ländern kommen immer weniger Kinder zur Welt. In Tunesien ist die Geburtenrate sogar mit 1,53 Kindern pro Frau niedriger als in Frankreich (1,62 Kinder). Marokko ist auf einem ähnlichen Weg. Dort reichen die 1,97 Kinder pro Frau nicht aus, um die heutige Einwohnerzahl zu halten. Das Königreich habe den „historischen demographischen Rubikon überschritten“, heißt es beunruhigt in lokalen Onlinemedien. Man fragt sich, wie Marokko wieder gebärfreudiger werden könnte.Auslöser der Debatte ist eine aktuelle Studie des französischen Instituts für demographische Studien (INED). Sie stellt in allen drei Maghreb-Staaten einen rapiden und „beispiellosen“ Rückgang der Geburtenrate fest. In den siebziger Jahren brachten Frauen dort im Durchschnitt bis zu acht Kinder zur Welt. Die damalige Ausnahme werde nun zur Regel: die Familie mit zwei Kindern, die anfangs nur in den Städten zu beobachten war. Nur Algerien erlebte zwischen 2000 und 2017 einen kleinen Babyboom. Als dort die Wirtschaft kräftiger wuchs, stieg die Geburtenrate dort vorübergehend auf mehr als drei Kinder pro Frau, um dann wieder auf 2,61 zu sinken.Siebzig Prozent der marokkanischen Frauen verhütenIn der Region zeichnet sich ein tiefgreifender und dauerhafter Wandel ab: „Geburten werden aufgeschoben, in größeren Abständen geplant und fallen insgesamt seltener aus“, heißt es in der Studie. Dazu hat die Verhütung beigetragen. Hier ist Marokko führend. 70 Prozent der marokkanischen Frauen nutzen verschiedene Methoden, vor allem Pille und Spirale.Aber auch die Frauen selbst haben sich verändert. In allen drei Ländern ist ihr Bildungsniveau deutlich gestiegen. In Tunesien machen Frauen im Alter von 25 bis 34 Jahren inzwischen fast 60 Prozent der Studierenden aus. Zudem arbeiten viele Frauen erst einmal und leben als Single. Sie werden deshalb später Mutter als ihre Mütter. Nach der Geburt ihrer Kinder tun sie sich sehr schwer, ins Arbeitsleben zurückzukehren.Eltern zu sein, sei zu einem „anspruchsvollen Projekt“ geworden, schreiben die französischen Forscher: Eltern legten heute größeren Wert auf gute Lebensbedingungen für ihre Kinder, deren Wohlbefinden und schulischen Erfolg. Gleichzeitig propagieren soziale Medien neue Lebensmodelle.Ihre emotionalen und finanziellen Investitionen konzentrierten die jungen Eltern auf weniger Kinder. Das stellt sie auch vor materielle Herausforderungen. In marokkanischen Städten machen die Wohnungskosten oft zwei Drittel des Haushaltseinkommens aus; für kinderreiche Familien fehlt der Platz.Was wird aus der traditionellen Großfamilie?Der demographische Wandel verändert das traditionelle Familienmodell. In der patriarchalischen Großfamilie waren die Rollen für Frauen und Männer klar verteilt. Sie funktioniert wie ein kleiner Sozialstaat in Ländern, in denen sich die Menschen nicht auf die staatliche Fürsorge verlassen können, wie in Mitteleuropa. Mit einem Sicherheitsnetz, das aus möglichst vielen Personen besteht, sorgt die Großfamilie für Wohnung, Kinderbetreuung und bietet so etwas wie eine eigene Arbeitslosen- und Rentenversicherung.Ein niedrigeres Bevölkerungswachstum lässt die Gesellschaften schneller altern, für die ihr Staat kaum sorgen kann. Tunesien altert am schnellsten: Der Anteil der Bürger, die älter als 60 Jahre sind, ist von acht Prozent im Jahr 1997 auf 17 gestiegen, in Marokko sind es knapp 14 Prozent. Gleichzeitig nahm die Lebenserwartung dort auf 76,4 Jahre zu. Bis 2050 werden die Rentner ein Viertel der Bevölkerung in dem Land ausmachen, dessen Pensionskasse bald nicht mehr für die Beamten reichen könnte.Besonders in Tunesien sank der Anteil der Menschen unter 20 Jahren deutlich. Zudem sind weniger Tunesier im Alter, in dem sie Kinder bekommen können. Die Zahl der jährlichen Geburten geht dadurch automatisch zurück. In solchen Fällen kann nur Zuwanderung den Rückgang ausgleichen, wie etwa in Ländern wie Deutschland und Spanien, wo sie für Arbeits- und Pflegekräfte sorgt. Im Unterschied zum ärmeren Nordafrika sind diese Länder für Migranten attraktiv.Afrikanische Migranten sind in Tunesien und Algerien nicht willkommenDie drei Maghrebstaaten waren bisher vor allem Herkunfts- und Transitländer. Bis heute sind die Überweisungen der Landsleute aus Europa eine der wichtigsten Einnahmequellen. Dagegen sind afrikanische Migranten besonders in Tunesien und Algerien nicht willkommen. Um sie davon abzuhalten, auf ihrem Weg in Richtung Norden länger zu bleiben, greifen die Sicherheitskräfte oft brutal durch. Immer wieder werden Migranten in der Wüste ausgesetzt.Marokko handelt anders. Seit 2013 haben mehr als 50.000 Afrikaner, die in dem nordafrikanischen Land gestrandet waren, Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen erhalten.Während der Maghreb sich bei den Geburten immer stärker Europa angleicht, wächst in Subsahara-Afrika die Bevölkerung weiter. Das gilt vor allem für die Sahelregion. Im Tschad und in Niger haben Frauen durchschnittlich sechs Kinder. Gleichzeitig sinkt die Kindersterblichkeit, die Lebenserwartung steigt, und der Migrationsdruck wächst. Unter den Bootsmigranten, die auf den spanischen Kanaren landen, haben Malier als größte Gruppe mittlerweile die Marokkaner abgelöst.
Geburtenrate in Nordafrika: Braucht der Maghreb Migranten?
Vor 50 Jahren hatten Frauen im Maghreb im Durchschnitt acht Kinder. Heute sind es nicht mal mehr zwei. Die Gesellschaften altern – und könnten bald selbst Zuwanderer brauchen.













