Ein Blick in den jüngsten Bericht der Minijob-Zentrale lässt ahnen, mit wem sich die Koalition durch ihre Rentenpläne potenziell anlegt. Mehr als 6,8 Millionen Menschen arbeiten als Minijobberin oder Minijobber. Das ist jeder zwölfte im Land, eine große Wählergruppe, die man vor den anstehenden Landtagswahlen im September in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern womöglich nicht zu hart anpacken sollte.Da könnten sich die Empfehlungen der Rentenkommission, welche die Koalition grundsätzlich ohne Abstriche umsetzen will, noch als Problem herausstellen. Die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission hatte vergangenen Dienstag ihre Vorschläge vorgelegt. Eine der Forderungen: Alle Vergünstigungen für Minijobs bei Steuern und Sozialabgaben sollen fallen, außer für Schüler.Die Empfehlungen der Rentenkommission verlangen auch anderen Gruppen etwas ab. Diverse Interessenvertreter haben Einwände, das wissen auch die Koalitionsspitzen. Eben deshalb drängen Kanzler Friedrich Merz (CDU) und die SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil auf eine Umsetzung im Paket, die Vorschläge dürften jetzt „nicht zerredet werden“, sagt Klingbeil. Auch der für pointierte Sonderwünsche bekannte CSU-Chef Markus Söder ließ wissen, er unterstütze die Umsetzung aller Pläne grundsätzlich. Allerdings: Die Vorschläge zu den Minijobs lehnt Söder ab. Man müsse „aufpassen, dass man nicht Schaden anrichtet, den man nach einem Jahr wieder korrigieren muss“, sagt der bayerische Ministerpräsident.In den Lohnabrechnungen der Minijobber würden laut den Plänen neue Posten auftauchen, die keinen Jubel auslösen werden. Bisher sind geringfügig Beschäftigte, wie Minijobber offiziell heißen, von Sozialversicherungsbeiträgen in der Regel befreit; der Arbeitgeber zahlt eine pauschale Abgabe von 30 Prozent. Grundsätzlich müssen die Beschäftigten zwar in die Rentenkasse einzahlen, können sich davon aber befreien lassen, was mehr als 80 Prozent nutzen.Bei 603 Euro würden etwa 130 Euro abgezogenIm Ergebnis bekommen Minijobber ihren Lohn fast ohne Abzüge, bis zu 603 Euro im Monat lassen sich so verdienen, auch zusätzlich neben einer regulären Beschäftigung. Kommt die Reform wie vorgeschlagen, müssten Minijobber ihren vollen Beitrag für Krankenkassen, Rente, Pflege und Arbeitslosenversicherung zahlen. Bei 603 Euro würden etwa 130 Euro abgezogen.Die Abschaffung der Sonderregeln würde Gaststätten und Hotels mit am stärksten treffen, eine Branche, für die Söder bereits im Wahlkampf als Schutzherr auftrat und in den Koalitionsverhandlungen einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz auf Speisen durchsetzte. Aber auch in den Reihen der SPD ahnt man, dass bei dem Thema noch etwas auf sie zukommen könnte. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) sagt, er sehe beim Umsetzen der Empfehlungen noch Handlungsbedarf – und nennt ausdrücklich die Minijobs.Das Modell ist quer durch alle Altersgruppen beliebt. Viele Studierende nutzen es und etwa 1,3 Millionen Rentner. Die meisten sind Frauen, unter ihnen viele Mütter mit Kindern, die sich nebenher etwas dazuverdienen. Kritiker sagen: Für viele Beschäftigte wäre der Minijob durch die Sozialbeiträge nicht mehr attraktiv, für sie fiele das Einkommen weg. Das beraube jobbende Studierende einer wichtigen Einnahmequelle, heißt es vom Studierendenwerk. Fast zwei Drittel hätten einen Nebenjob, im schlimmsten Fall drohe der Studienabbruch. Arbeitgeber- und Branchenvertreter warnen, die Betriebe würden dann keine Leute mehr finden.„Minijobs sind vorprogrammierte Altersarmut.“Gewerkschaften, Sozialverbände und die meisten Wissenschaftler dagegen sehen die Minijobs kritisch. Sie ebneten den Weg in die Altersarmut, weil man so keine Rentenansprüche erwerbe, sie hielten gerade Mütter davon ab, ihre Arbeitszeit auszuweiten und Karriere zu machen, die sogenannte Teilzeitfalle. Und sie machten Frauen abhängig von besser verdienenden Partnern. Die „Wirtschaftsweisen“, die die Bundesregierung beraten, hatten erst im Mai wieder einmal die Abschaffung der Vergünstigungen für Minijobs gefordert.Auch in der Union finden sich trotz der Proteste aus der Wirtschaft gewichtige Fürsprecher der Abschaffung. „Minijobs sind vorprogrammierte Altersarmut“, sagt der Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel. Der Arbeitnehmerflügel CDA fordert die Abschaffung der Minijob-Regeln. In der Union sieht man die Abschaffung zudem als Mittel gegen Sozialmissbrauch. EU-Bürger würden zuwandern, offiziell Minijobs annehmen und dann mit Grundsicherung aufstocken, heißt es.Ein Mitglied der Rentenkommission sagte der Süddeutschen Zeitung, womöglich werde man überdenken müssen, ob man die Vergünstigungen für weitere Gruppen aufrechterhält, über die Schüler hinaus, die ohnehin privilegiert bleiben sollen. Das Argument drohender Altersarmut und der Teilzeitfalle träfe auf Studierende nicht zu.
Minijobs in Deutschland: Rentenpaket trifft rund sechs Millionen Beschäftigte
Bundesregierung will Vergünstigungen für mehr als sechs Millionen Minijobber abschaffen. Warum das zur Belastungsprobe werden könnte.












