GastkommentarJudith BellaicheRechenzentren und ihr Image als digitaler SündenbockRechenzentren gelten als unersättliche Stromfresser, sie bilden aber das Fundament der digitalen Wirtschaft. Zudem fördert eine energieeffiziente und vertrauenswürdige Infrastruktur die digitale Souveränität der Schweiz.29.06.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenDie Digitalisierung führt nicht einfach zu mehr Infrastruktur, sondern zu einer effizienteren Infrastruktur.Google Handout / EPARechenzentren werden in der öffentlichen Debatte oft als Stromfresser der Digitalisierung dargestellt. Diese Sicht greift jedoch zu kurz – und verstellt den Blick auf ihre eigentliche Rolle: Rechenzentren sind die Grundinfrastruktur der digitalen Wirtschaft. Ohne sie gäbe es keine Cloud-Dienste, keine Suchmaschinen, keine Streamingdienste und keine moderne datenbasierte Industrie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wer über den Energieverbrauch der Digitalisierung spricht, sollte deshalb nicht nur auf die Rechenzentren selbst schauen, sondern auf das Gesamtsystem. Denn nicht die Rechenzentren erzeugen die Nachfrage nach Energie, sondern die zunehmende Nutzung digitaler Anwendungen und Daten. Professionelle Rechenzentren bündeln diese Nachfrage deutlich effizienter, als dies Tausende dezentrale Serverräume je könnten. Genau darin liegt ihr energiepolitischer Nutzen.Der Verlagerungseffekt ist entscheidendEin neuer Bericht des Bundesamts für Energie (BfE) bestätigt diese Entwicklung eindrücklich: Trotz stark wachsender Digitalisierung ist der Stromverbrauch der Rechenzentren in der Schweiz seit 2019 nur moderat angestiegen. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass moderne Rechenzentren erhebliche Effizienzgewinne ermöglichen – insbesondere durch die Verlagerung von unternehmenseigenen Serverräumen in professionelle Colocation- und Cloud-Infrastrukturen.Gerade dieser Verlagerungseffekt ist entscheidend. Während grosse, professionelle Rechenzentren wachsen, sinkt oder stagniert der Verbrauch vieler interner Unternehmensrechenzentren. Die Digitalisierung führt also nicht einfach zu mehr Infrastruktur, sondern zu einer effizienteren Organisation bestehender Infrastruktur. Viele kleinere Serverräume werden konsolidiert oder ganz ersetzt. Das reduziert den Energiebedarf pro digitaler Dienstleistung deutlich.Hinzu kommen erhebliche technologische Fortschritte. Moderne Rechenzentren arbeiten heute mit deutlich höherer Energieeffizienz als noch vor wenigen Jahren. Verbesserte Kühlungssysteme, höhere Betriebstemperaturen, Virtualisierung, effizientere Speichertechnologien und intelligente Laststeuerung senken den Stromverbrauch kontinuierlich.Diese Entwicklung wird gerade durch die Branche selbst aktiv vorangetrieben: Ein wichtiger Beitrag dazu ist das Effizienzlabel der Swiss Datacenter Efficiency Association (SDEA). Das Zertifikat schafft Transparenz, macht Energieeffizienz messbar und setzt konkrete Standards für Planung, Betrieb und Optimierung von Rechenzentren.Gerade weil Rechenzentren zentrale digitale Dienste tragen, werden sie mit erheblichen Sicherheits- und Resilienzmechanismen betrieben. Auch dies unterscheidet professionelle Infrastrukturen grundlegend von dezentralen Einzellösungen.Strategisches Interesse der SchweizMit der zunehmenden Verbreitung von KI gewinnt zudem die Frage der digitalen Souveränität an Bedeutung. Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden wollen heikle Daten vermehrt in vertrauenswürdigen Infrastrukturen in der Schweiz verarbeiten können – sei es aus regulatorischen Gründen, wegen des Datenschutzes oder aus Überlegungen zur strategischen Unabhängigkeit.Dabei geht es nicht nur um Datensicherheit, sondern zunehmend auch um den Datenstandort. KI-Anwendungen werden künftig tief in Geschäftsprozesse, Forschung und Verwaltung eingebunden sein. Deshalb gewinnt die Frage, wo Daten gespeichert, verarbeitet und weiterverwendet werden, an Bedeutung.Die Schweiz hat somit ein strategisches Interesse daran, über leistungsfähige Rechenzentren im Inland zu verfügen. Sie schaffen die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen bei Bedarf über die Datenhoheit verfügen. Rechenzentren sind damit nicht nur technische Infrastruktur, sondern ein zentraler Bestandteil digitaler Souveränität und wirtschaftlicher Resilienz.Die Daten des BfE zeigen, dass Digitalisierung und Energieeffizienz kein Widerspruch sind. Entscheidend ist vielmehr, dass die Schweiz über leistungsfähige, effiziente sowie vertrauenswürdige digitale Infrastrukturen verfügt, die digitale Dienste bündeln, Ressourcen besser nutzen und damit eine nachhaltige Digitalisierung ermöglichen.Judith Bellaiche ist Präsidentin des Schweizerischen Verbands der Telekommunikation (Asut).